Unappetitliche Wahrheit So viel China steckt in unseren Konservendosen

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Arbeiter in einer Lebensmittelfabrik in Weihai, Provinz Shandong in Ostchina.

Köln/Peking – Viele Verbraucher sind verunsichert: Was ist eigentlich alles drin in unseren Gläsern und Konservendosen und wo wird was produziert? Können wir den Beschreibungen auf dem Etikett vertrauen – welches Wissen ist nötig, um die abgedruckten Informationen richtig interpretieren zu können?

Oft ist für den Otto-Normalverbraucher nicht erkennbar, wo der Inhalt seiner Dose herkommt. Viele verarbeitete Lebensmittel, etwa Pilze, Früchte oder Würstchen, kommen mittlerweile aus China, berichtet das WDR-Verbrauchermagazin „Markt”. Was bedeutet das für die Qualität der Lebensmittel? 

Hamburger Hafen: Hier kommen Lebensmittel aus China an

Meistens steht auf Konservendosen nicht drauf, dass der Inhalt aus China kommt. Denn die Kennzeichnung ist in Deutschland nicht verbindlich. Am Hamburger Hafen landet ein Großteil der Lebensmittel aus China für den deutschen Markt. Aber was genau und für wen, das ist undurchsichtig. 

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Thomas Schwieger, Chef der Hamburger Handelsfirma Hüpeden und Co., hat mit dem WDR über sein China-Geschäft gesprochen. Der Sender begleitete außerdem einen seiner Mitarbeiter, der für Qualitätskontrollen bei Zulieferern zuständig ist, nach China. 

Auch dort wird klar: Auf den meisten Dosen ist die Herkunft China nicht ersichtlich. Wie der WDR-Reporter vor Ort erfährt, erkennen zumindest Insider, woher eine Dose kommt – entsprechende Kenncodes auf den Behältern geben Aufschluss darüber, woher die Dose stammt. 

In Handarbeit werden in China beispielsweise Mandarinen einzeln geschält, um die Früchte „dosenfertig” zu machen. In drei Schichten, zehneinhalb Stunden, werden die Mandarinen anschließend von Arbeitern geschnitten.

Chinesen arbeiten schneller und günstiger

„China hat natürlich einen Kostenvorteil gegenüber anderen Ländern”, sagt der deutsche Kontrolleur aus Hamburg. Dort sei die Gewinnspanne höher. Europa allein könne den Bedarf an Lebensmitteln nicht decken. Immens sei auch, wie schnell die Chinesen arbeiten.

Am Ende entscheide nur Zeit, Menge und Geschwindigkeit darüber, ob das Tages-Soll erfüllt wurde. Die Fabrik, die der WDR besuchte, zahlt Mindestlohn an seine Arbeiter, in China sind das umgerechnet rund 220 Euro monatlich plus Überstunden. Selbst für chinesische Verhältnisse sei das nicht viel. 

Trotz des Fabrikbesuchs kommt das WDR-Magazin „Markt” zum Schluss, dass es schwierig bleibe, in China wirklich hinter die Kulissen zu blicken. 

Blogger spricht über Keime in der chinesischen Lebensmittelindustrie

Ein chinesischer Blogger, der anonym bleiben will, berichtete dem WDR etwa, dass die Umweltverschmutzung in der Volksrepublik China extrem zugenommen habe. „Schwer-Metalle überall, verseuchte Böden und vergiftetes Wasser, das sind alles Ursachen für die Probleme bei der Lebensmittelsicherheit.” Daraus resultiere etwa ein erhöhter Befall der Lebensmittel mit Keimen und Schimmelpilzen. 

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Dazu komme der starke Einsatz von Pestiziden, Antibiotika und Wachstumshormonen. „Alles ohne effektive Kontrollen”, so der Vorwurf des Bloggers. Er bezieht sich dabei vor allem auf die Zustände in kleineren und mittleren Betrieben. 

Auch Verbraucherschützer fordern bessere Kontrollen und mehr Transparenz. Beispiel Tomatenmark – oft klinge die Marke nach Italien, drin stecke aber dann China.

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Mitten auf einer Tomatenfarm in China, die „Markt” besuchte, steht zum Beispiel ein Kraftwerk. Auch der Farmbesitzer dort klagt: „Unsere Tomaten sind nicht zu retten, es ist wie ein langsamer, tödlicher Krebs.” Schuld seien die Böden. 

Teufelskreis: Umso schlechter die Böden, umso mehr Gift sprühen Bauern

Denn die seien in China zu großen Teilen extrem belastet. Unzählige dreckige Industrieanlagen schädigen die Natur – und die chinesischen Bauern verschmutzen sie zusätzlich. Auch der Farmbesitzer, mit dem die Reporter von „Markt” sprachen, rührte einen Chemie-Cocktail mit Substanzen an, die in Europa zum Teil verboten sind. 

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Rattengift kommt ebenfalls zum Einsatz. „Sonst fressen die Viecher uns alles weg”, sagt eine Arbeiterin. Ein Teufelskreis: Umso schlechter die Böden, umso mehr sprühen die Bauern. Am Ende bleiben immer weniger Erträge. 

Im „Europäischen Schnellwarnsystem” wird monatlich aufgelistet, in welchen importierten Lebensmitteln Schadstoffe auffällig werden, die entweder verboten sind oder über den zulässigen Grenzwerten liegen. Gemessen an der Importmenge fallen vor allem Waren aus China auf, berichtet der WDR.

EU führt 2018 Kontrollen in Chinas Lebensmittelindustrie durch

Hier ein paar unappetitliche Beispiele: Schimmelgifte in Erdnüssen, Salmonellen in Pinienkernen, nicht zugelassene Pestizide in Tee oder Antibiotika in Schweinedärmen für Wurstprodukte.

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Bei der Vertretung der EU-Kommission erfährt „Markt” außerdem, dass erst 2018 wegen genau dieser Auffälligkeiten Kontrollen in China stattgefunden hätten. In den Prüfberichten wird von gravierenden Mängeln in Chinas Lebensmittelindustrie berichtet. 

Wurst-Produktion in China: Einsatz von verbotenen Antibiotika

In den Prüfberichten der EU-Kontrolleure wurden zum Beispiel große Mängel in der Produktion von Wursthäuten festgestellt. Gerade dort, wo Därme von chinesischen Schafen zum Einsatz kommen.

Schafsdärme_aus_China

Ein Kontrolleur im Veterinär- und Einfuhramt im Hamburger Hafen prüft eine Ladung gesalzene Schafsdärme aus China. Die Einfuhrkontrolleure im Veterinär- und Einfuhramt kontrollieren alle Produkte tierischer Herkunft, die über den Hamburger Hafen aus nicht EU-Ländern eingeführt werden.

Es wurden verschiedene Antibiotika gefunden, die in Deutschland verboten sind. 

In einer vom WDR besuchten chinesischen Wurst-Fabrik, wo Wurst-Saitlinge hergestellt werden, die auch nach Deutschland kommen, wisse man über entsprechende Mängel aber nicht Bescheid.

Zeit und Nerven, sich Gedanken um Lebensmittelsicherheit zu machen, haben Arbeiter und Arbeiterinnen in China aber ohnehin nicht. Sie wollen nur eines: überleben und ihre Familien ernähren. (jba)

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