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Spieler stinksauerEx-FC-Star übernimmt als Coach – aber seine Mannschaft feiert den Vorgänger

Mit dem Spruch „Als Team für Baran“ auf einem Banner zeigte sich die Mannschaft vom SSV Jan Wellem am Sonntag (18. Februar 2024) solidarisch mit ihrem entlassenen Trainer Baran Dagdelen.

Mit dem Spruch „Als Team für Baran“ auf einem Banner zeigte sich die Mannschaft vom SSV Jan Wellem am Sonntag (18. Februar 2024) solidarisch mit ihrem entlassenen Trainer Baran Dagdelen.

Der SSV Jan Wellem steckt als Liganeuling mittendrin im Landesliga-Aufstiegskampf. Trotzdem wurde Trainer Baran Dagdelen entlassen, Ex-FC-Profi Alex Voigt übernahm. Das Team ist brüskiert wegen der Entscheidung.

von Niklas Brühl (nb)

Die Nachricht sorgte in der vergangenen Woche für mächtig Aufsehen im Amateurfußball rund um Köln: Alexander Voigt, ehemaliger Profi des 1. FC Köln, löst Baran Dagdelen als Trainer beim Bezirksligisten SSV Jan Wellem Bergisch Gladbach ab. Sein Debüt an der Seitenlinie gewann Voigt vergangenen Sonntag (18. Februar 2024) mit 2:1 gegen den TV Hoffnungsthal.

So weit nicht ungewöhnlich, schließlich will Jan Wellem aufsteigen. Durchaus ungewöhnlich allerdings ist die Aktion „seiner“ Mannschaft vor dem Spiel: Sie präsentierte sich mit einem Banner, auf dem geschrieben stand: „Als Team für Baran!“

SSV Jan Wellem Bergisch Gladbach: Mannschaft zeigt Banner für entlassenen Trainer

Es war ein klares Zeichen der Mannschaft für ihren Ex-Trainer, die Entscheidung seiner Entlassung des Vorstands konnte sie nicht nachvollziehen. Doch statt nun sich der neuen Situation hinzugeben, hat das Team sich etwas sehr Außergewöhnliches und damit Einmaliges überlegt: Sie kämpft um den Ruf Dagdelens und hat dafür ein langes Schreiben aufgesetzt.

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Es beginnt mit: „Im Schatten der Vereinsentscheidungen treten wir heute als Team, Jan Wellem, ans Licht, nicht als Spieler, sondern als vereinte Gemeinschaft.“ Und es endet mit: „Wir als Team stehen gemeinsam für Gerechtigkeit und die Werte, die den Sport ausmachen. Am Tag der Entlassung hat man auf die Werte des Sports und der Menschlichkeit verzichtet.“

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Im Kern können die Spieler die Begründung des Rauswurfs nicht verstehen. Sie schreiben: „Als Grund nannte man der Mannschaft, dass Herr Dagdelen eine zu nahe Bindung und damit einen zu großen Einfluss auf die Mannschaft hätte, aber auch, dass die Mannschaft zu aggressiv sei und dies den Verein in der Öffentlichkeit schlecht darstelle.“

In dem Schreiben des Teams heißt es weiter: „Das Paradoxe an den Aussagen ist, dass wir die letzten Spiele der Hinrunde genau wegen der mangelnden Aggressivität verloren haben und die ersten wegen dieser aggressiven, dennoch fairen, Grundeinstellung gewonnen haben. Aber noch viel unstimmiger ist es, dass man nur Baran als Sündenbock genommen hat. Denn laut Vorstand war das Problem mit der Aggressivität schon länger ein Störfaktor gewesen und nicht erst seit der Wintervorbereitung.“

Aus Sicht der Spieler haben sie jedenfalls einen Top-Trainer verloren. „Baran Dagdelen hat nicht nur mit seiner fußballerischen Kompetenz überzeugt, sondern auch mit seiner Persönlichkeit jeden einzelnen Spieler abgeholt und in seiner persönlichen Entwicklung geholfen. Unter seiner Leitung ist eine Familie zusammengewachsen, die aus einer zusammengewürfelten Mannschaft ohne Vorbereitungsplan an ihn weitergegeben wurde. Mit durchschnittlich zwei Punkten pro Spiel und einer hervorragenden Hinrunde bewies er seine fachliche Kompetenz.“

Die Mannschaft beschreibt ihren entlassenen Trainer weiter so: „Er kümmerte sich nicht nur um die spielerische Entwicklung, sondern auch um das Wohl der Spieler, ständige Kommunikation und die Bildung einer starken Einheit standen dabei im Vordergrund und wurden erfolgreich implementiert. Kein Spieler war dabei Baran Dagdelen zu schade. Er hat Feuer und Leidenschaft ins Team gebracht, was wir auf und außerhalb des Platzes immer ausgelebt haben. Seine Entlassung steht im Widerspruch zu unserem gemeinsamen Erfolg und den Prinzipien eines fairen Spiels.“

Und so schließt sich der Kreis des Schreibens mit den Worten: „Mit seinen Fähigkeiten ist uns als Aufsteiger ein sportliches Wunder gelungen und wir sind davon überzeugt, dass wir mit ihm Großes hätten erreichen können.“

Kölner Umland: Verein äußert sich zu Vorwürfen  – „hätten wir uns anders gewünscht“

EXPRESS.de fragte beim Vorstand des SSV Jan Wellem an – was sagen die Verantwortlichen zu dem ungewöhnlichen Schritt der Mannschaft, ihren Unmut über die Entlassung auf diese Weise Ausdruck zu verleihen?

Pressesprecher Hans-Georg Felder äußert sich gegenüber EXPRESS.de: „Der Vorstand hat eine Gesamtverantwortung für den Verein und manchmal müssen dabei Entscheidungen getroffen werden, die nicht allen gefallen. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, seine Meinung zu äußern, natürlich auch bei uns. Allerdings hätten wir uns einen anderen Weg gewünscht als den, den Teile der Mannschaft nun gewählt haben. Aber auch das halten wir aus.“

Es gäbe beim Bezirksligisten keine Verträge, sodass jedem Spieler freistünde, nicht mehr zu kommen. Der Vorfall werde nun intern weiter aufgearbeitet, heißt es vonseiten des Vereins weiter.

Die Mannschaft von Jan Wellem wolle den Aufstieg weiterhin für ihren gefeuerten Trainer schaffen, heißt es in dem Schreiben des Teams. Aber ob das den Bruch zwischen Vorstand und Mannschaft kitten kann? Eine offenbar schwere Aufgabe für Ex-FC-Profi und Neu-Coach Alexander Voigt.