Auf offener Straße Star-Kabarettist hält Brandrede gegen Rechts in Kölner Südstadt

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Kabarett-Star Wilfried Schmickler hielt am Gedenktag zum Kriegsende eine Brandrede gegen rechts.

Köln – Freitagmorgen. Das Hakenkreuz an einer Litfasssäule in der Südstadt. Rot durchgestrichen.

„Fort mit dem Ding! Es hatt einen Haken und war ein Kreuz!“, ist zu lesen. 75 Jahre nach Kriegsende wurde ein Plakat wiederbelebt.

Es wurde 1945 von den Kölner Künstlern Hein Nöcker und Oskar Herbert Pfeiffer erschaffen und hing bereits damals als Mahnmal in ganz Köln aus.

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Jener Stadt, die sich vor 1933 offen wie keine andere dem NS-Gedankengut verwehrt hatte, wie Dr. Werner Jung (Leiter des NS-Dokumentationzentrums) im Rahmen der Gedenkaktion zum 75. Jahrestags des Kriegsendes am Freitagmorgen in der Südstadt, erklärte.

Franz Kirchen hatte die Idee zu der Aktion

Das Projekt entstand nach einer Idee von Franz Kirchen unter Mithilfe von Manfred „Schmal“ Boecker, Reiner Nell, Philipp Petry, Kerstin Ziehe, Arno Steffen und Manfred Post.

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Franz Kirchen hatte die Idee zu der Plakataktion.

Unterstützt vom Kulturamt der Stadt Köln und Arsch Huh e.V., Verein EL-DE-Haus e.V. und NS-DOK.

Auch Wilfried Schmickler (65) war gekommen.

Und der Star-Kabarettist, der in der Südstadt selbst lebt, appellierte am Tag der Befreiung vom NS-Regime mit einer echten Brandrede gegen das Vergessen und Verharmlosen des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte.

Die Schmickler-Rede im Wortlaut

Wir dokumentieren an dieser Stelle große Teile davon:

Normalerweise sind es die Opfer, die befreit werden, und nicht die Täter. Befreiung, das klingt, als wäre die NS-Zeit eine Ära der Besatzung gewesen. Die Masse der Deutschen hatte keine Schuld, weil es nur einige wenige Verbrecher waren.

Dieser Aussage stimmen heute, 75 Jahre nach Kriegsende, 53 Prozent der Deutschen zu. So ist der Tag der Befreiung zum Begriff eines Deutschlands geworden, das sich quasi selbst begnadigt.

Wobei das mit der Befreiung vom Faschismus bekanntlich nicht so richtig geklappt hat. Denn viele der Nazis sind zurückgekehrt in die Schulen, Gerichtssäle und Vorstandsetagen der Industriekonzerne.

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Wilfried Schmickler bei seiner Rede in der Trajanstraße vor der Litfaßsäule, auf der das Mahnplakat aufgeklebt wurde.

Wenn heute, 75 Jahre danach, wieder bekennende Faschisten in allen deutschen Parlamenten sitzen, die hinterhältigen Mordanschläge organisierter Rechtsterroristen immer noch als Einzeltaten verharmlost werden, wenn Menschen tagtäglich wegen ihre Hautfarbe und ihres Glaubens angegriffen und diskriminiert werden, wenn die sozialen Netzwerke von rassistischen, antisemistischen Hasstiraden geflutet werden, dann zeigt das, wie tief das faschistische Denken nach wie vor in den Köpfen vieler Menschen verankert ist.

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Die Teilnehmer der Gedenkaktion vor der Litfasssäule an der Trajanstraße in der Südstadt.

Deshalb soll diese Plakat-Aktion daran erinnern, dass mit dem 8. Mai die Herrschaft der Nazis beendet wurde, aber dass die Ideologie und der Fanatismus der Herrenmenschen von gestern das friedliche und solidarische Zusammenleben der Menschen heute in einem Maße bedroht, das uns alle auffordert zu Wachsamkeit und aktivem Widerstand.

Weitere Attacke gegen Gauland

Ganz klar und namentlich griff Schmickler die AfD-Spitze um deren Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland (79) an, der die NS-Zeit bekanntlich als Vogelschiss der deutschen Geschichte und den Jahrestag „auch als Tag der absoluten Niederlage“ bezeichnet hatte. Und der einst auch gesagt hatte, sie würden sich das Land zurückholen.

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Stephan Brings sang ein Lied seines Vaters Rolly und erntete viel Applaus.

Schmickler erklärte, dass Gauland seinen Garten in der Eifel aber nicht kriegen werde.

Und wurde dann am Ende wieder ernst: „Natürlich muss man den neuen Nazis, die ganz die alten sind, entgegengehen, aber bewaffnet. Mit der Wahrheit und nichts als der Wahrheit. Dazu soll diese Plakat-Aktion einen Beitrag leisten.“

Brings-Lied zum Abschluss

Zum Abschluss spielte Stephan Brings (54) ein Lied seines Vaters Rolly und appellierte ebenfalls, an einem Tag wie heute gegen das Verharmlosen aufzustehen.

Der Musiker zum EXPRESS: „Der 75. Jahrestag des Kriegsendes sollte uns allen vor Augen rufen, dass wir wachsam bleiben müssen.“

Im Stadtgebiet werden ab jetzt 1000 Plakate geklebt. Ein limitierter Sonderdruck kann beim Arsch Huh e.V. erworben werden.

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