Die Reihe „Kölner Geheimnisse“ führt diesmal nach Köln-Mülheim, in eine Straße nicht weit vom Mülheimer Bahnhof. Ein steinerner Vogel zeugt von der Geschichte.
NS-Adler in Köln-MülheimNur das Hakenkreuz ist weg

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Der Adler hängt an dem Gebäude Steinkopfstraße 9-11, direkt an der Ecke Steinkopfstraße/Präses-Richter-Platz.
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Den Blick starr nach rechts gerichtet, schaut der Adler über die umliegenden Häuser hinweg. Was er wohl sieht? An der ruhigen Steinkopfstraße, die unter ihm verläuft, scheint der große Greifvogel aus Naturstein jedenfalls kein Interesse zu haben.
Aber warum hängt hier in einer Nebenstraße in der Nähe des Mülheimer Bahnhofs auf Höhe des vierten Obergeschosses überhaupt ein Adler? Diese Frage hat sich auch Peter Bach gestellt und sich gemeinsam mit seinen Mitstreitern von der Geschichtswerkstatt Mülheim auf die Suche nach einer Antwort gemacht. So viel sei schon jetzt verraten: Mit dem Eigentümer und Nutzer des langgestreckten Baus, dem Kolpingwerk, hat der Vogel nichts zu tun.
Dabei wurde das Haus mit der turmartigen Gebäudeecke, wie Peter Bach erklärt, 1929 als St. Joseph-Gesellenheim für die 1871 gegründete Kolpingsfamilie Köln-Mülheim gebaut. Geplant hat es Franz Seuffert. Der Kölner Architekt hatte von Anfang an eine Skulptur am Kreuzpfeiler im Sinn. „Hier sollte eigentlich eine Statue von Adolf Kolping hängen“, erklärt Peter Bach.
Doch dazu kam es nie. Denn die Kolpingsfamilie blieb in dem Hausnicht lange allein. In dem Gebäude gab es neben einem Festsaal vor allem Zimmer für katholische Gesellen. Da auch sie von der hohen Arbeitslosigkeit, die am Ende der Weimarer Republik herrschte, nicht verschont blieben, zogen viele aus dem Kolpinghaus aus und kehrten zu ihren Eltern zurück.
Stahlhelm-Gruppe und Studenten des nationalsozialistischen Hochschulbundes ziehen ein
Um die 145 Betten nicht leerstehen zu lassen, suchte die Kolpingsfamilie nach neuen Mitbewohnern für die noch verbliebenen Gesellen. Im April 1933 zog zunächst eine Gruppe des Freiwilligen Arbeitsdienstes Stahlhelm und später Studenten des nationalsozialistischenHochschulbundes in das Haus ein.
Besonders friedlich verlief das Zusammenleben von nationalsozialistischen Studenten und katholischen Gesellen aber offensichtlich nicht. In der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen der Kolpingsfamilie von 1996, die einen „Abriß über den Werdegang der Kolpingfamilie Köln-Mülheim“ beinhaltet, heißt es in einem Eintrag zum Stichtag 1. Juli 1935: „Die Studenten benehmen sich immer ungebührlicher. Sie entwenden beispielsweise das Kruzifix aus dem Speisesaal und stellen es in die Toilette.“

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Peter Bach von der Geschichtswerkstatt Mülheim weiß, warum am Kolpinghaus ein Adler hängt.
Schließlich zogen die Studenten wieder aus dem Kolpinghaus aus. Ob das aus eigenem Antrieb geschah, weil sie dem katholischen Lebensstil selbst überdrüssig geworden waren, oder auf Bitten der Betreiber, ist nicht überliefert.
Ohne die Einkünfte aus der Zimmervermietung wurde die wirtschaftliche Situation für die Mülheimer Kolpingsfamilie immer prekärer. Von 1935 an stand das Kolpinghaus unter Zwangsverwaltung. Am 1. Oktober 1936 musste die Kolpingsfamilie ausziehen. Die NSDAP übernahm das Gebäude und richtete hier die Verwaltung für den gesamten Kreis Köln rechtsrheinisch ein. Jetzt wurde auch der Adler am Kreuzpfeiler angebracht. Bei dem Greifvogel handelt es sich um das Hoheitszeichen der Nationalsozia-listen. Er wies das Kolpinghaus als Dienststelle der NSDAP aus.
Die Verwendung des Adlers als Staatssymbol war keineswegs eine neue Idee. Er wurde auch schon in der Weimarer Republik zu diesem Zweck genutzt. Und die Ursprünge des Wappentieres lassen sich sogar noch deutlich weiter zurückverfolgen, bis in die Anfänge des Heiligen Römischen Reiches. Die Nationalsozialisten setzten den Greifvogel allerdings auf einen Eichenkranz, indem sich ihr eigenes Parteisymbol, das Hakenkreuz, befand.
Haus bei Bombardierung stark beschädigt, aber Adler blieb unversehrt
Der Vogel am Mülheimer Kolpinghaus erwies sich als äußerst langlebig. Während das Haus bei der Bombardierung des Stadtbezirks am 28. Oktober 1944 stark beschädigt wurde, blieb der Adler unversehrt. „Nach dem Krieg haben die Briten das Hakenkreuz entfernt“, berichtet Peter Bach und ergänzt: „Ich habe mal gehört, dass sie den Adler aus Sorge, dass er beim Abmontieren herunterfallen und das Dach des Vorbaus zerstören könnte, hängen ließen.“ Bestätigt ist diese Erklärung nicht.
Nach dem Krieg befand sich in dem Haus zunächst das Arbeitsamt. Anfang der 1950er-Jahre wurde es wieder von der Kolpingsfamilie genutzt. Heute steht das Mülheimer Kolpinghaus samt Adler unter Denkmalschutz. Der Greifvogel erinnert an die düsterste Zeit der deutschen Geschichte. Würde er allerdings den Kopf drehen und doch einmal nach unten schauen, fiele sein Blick auf den Präses-Richter-Platz, einen Ort, der zeigt, dass es auch zu jener Zeit Menschen gab, die dem NS-Regime kritisch gegenüberstanden.
Der Platz, der genau an der Ecke an die Steinkopfstraße grenzt, an der die Nationalsozialisten den Adler am Kreuzpfeiler befestigt haben, ist nach Heinrich Richter (1898-1945) benannt. Der gebürtige Mülheimer war ab 1931 Präses der Kolpingsfamilie Köln-Zentral. Während des Zweiten Weltkriegs traf er sich mit Theodor Babylon (1899-1945), dem Geschäftsführer des Kölner Kolpingwerks, und anderen regimekritischen Katholiken einmal pro Woche im Kolpinghaus Köln-Zentral an der Breite Straße, um über die schwierige politische Lage zu sprechen.
Die Gruppe wurde von einem Angestellten des katholischen Sozialverbands denunziert. Am 15. August 1944 verhaftete die Gestapo Heinrich Richter. Er starb 1945 wenige Wochen vor Kriegsende vermutlich im thüringischen Ohrdruf, einer Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald.
Diese Geschichte stammt aus dem neuen Köln-Buch „Kölner Geheimnisse Band 2/ 50 neue spannende Geschichten aus der Dom-Metropole“, das im Bast-Verlag erschienen ist (192 Seiten, 24 Euro). Sieben Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes sind es diesmal die Autoren Ayhan Demirci und Maira Schröer, die sich auf die Spuren Kölner Geschichte begeben haben und ausgehend von Objekten und Relikten in der Stadt von außergewöhnlichen Begebenheiten erzählen.

