Königspalast in Kabul Kölner Ingenieur erschafft Riesenhütte in Afghanistan

Darulaman

Ende Mai 2019: Der Wiederaufbau des Palastes ist fast abgeschlossen.

Köln/Kabul – Der „Darul Aman“, der Königspalast vor den Toren der afghanischen Hauptstadt Kabul, wurde in den 1920er Jahren errichtet und während des Bürgerkriegs zwischen 1992 und 1996 von den Mudschaheddin in Schutt und Asche geschossen. Nun ließ das afghanische Parlament den „Platz des Friedens“, wie er auch genannt wird, wieder aufbauen. Ein Umstand, der auch dem Kölner Werner Müller viel bedeutet: Sein Urgroßvater Wilhelm Rieck hat am Bau des Palastes mitgearbeitet. 

„Als mein Urgroßvater 1922 nach Afghanistan reiste, befand sich das Land im Aufbruch“, berichtet Müller. Denn schon 1919 war es König Amanullah gelungen, das Land am Hindukusch den Briten abzuringen – nach einer 60 Jahre währenden Besetzung. Mit der Unabhängigkeit beschloss er die Neuordnung des Steuerrechts, ein Antischmuggelgesetz, Maßnahmen gegen die Korruption.

König Amanullah ändert das gesellschaftliche Leben in Afghanistan

Auch das gesellschaftliche Leben änderte sich unter Amanullah. Er führte die Schulpflicht für Mädchen und Jungen ein und begann mit der Modernisierung seines Landes – mit Hilfe von in Deutschland und Frankreich angeworbenen Spezialisten.

Neben Straßen oder Staudämmen für die Strom- und Wasserversorgung ließ er elf Kilometer vor Kabul den neuen Stadtteil Darul-Aman bauen – und den gleichnamigen Palast. Geplant war, ihn zu seinem Regierungssitz zu machen. 

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Der Kölner Wilhelm Rieck war maßgeblich am Aufbau des Palastes beteiligt.

Der Berliner Architekt Walter Horten wurde zum „Bauingenieur der königlich-afghanischen Regierung“ ernannt. Mit 22 Ingenieuren begann er mit dem Bau des Herrscherpalastes als Symbol des Fortschritts – und dazu noch 70 Gebäuden im europäischen Stil. Einer der 22 Männer, die Kabul modernisierten, war der Kölner Wilhelm Rieck.

Kölner Wilhelm Rieck einer von 22 Ingenieuren beim Palastbau

„Mein Urgroßvater wurde im Januar 1881 geboren. Seine Eltern waren der Oberpostsekretär Otto Rieck und seine Frau Christine. Aufgewachsen ist er in der Seidenstraße 21 in Mülheim,“ berichtet Müller.

Um 1920 arbeitete Rieck als Ingenieur bei der Berliner Firma Siemens-Schuckert-Werke AG und las dort am „Schwarzen Brett“ einen Aufruf von Khan Amanullah aus Afghanistan. Der suchte so Spezialisten für die Modernisierung seines Landes.

Darüber, warum sich sein Urgroßvater entschied, in diesem weit entfernten, fremden Land zu arbeiten, ist seinem Urenkel Werner Müller nichts bekannt. War es die schlechte Wirtschaftslage in Deutschland? Die rasende Inflation oder purer Abenteurergeist? „Vielleicht von allem etwas“, glaubt Müller.

Deutsche Ingenieure bilden 700 Fachkräfte vor Ort aus

Amanullah war ein weitsichtiger Mann: Beim Bau des Palastes sollten die Ingenieure auch etwa 700 einheimische Fachkräfte ausbilden. Im Zuge des einsetzenden Baubooms realisierten sie später wichtige Gebäude wie das Schloss Tape Taj-Beg, die Horten-Brücke, das Kabul-Museum, das Postgebäude, die Moschee Schado-Schamscherah und zahlreiche Straßenbauprojekte.

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Im Jahr 2002 war der Palast noch deutlich sichtbar zerstört.

Amanullahs Tage als Reformer-König waren trotz – oder gerade wegen – der vielen Neuerungen gezählt: Als er 1929 den Verschleierungs-Zwang der afghanischen Frauen abschaffen wollte, wurde er gestürzt. Große Teile der Landbevölkerung, aber auch viele Stammesfürsten verweigerten sich vehement seinen Reformen.

Amanullah aber blieb immer ein Volksheld, schließlich war er es, der sein Land von den Briten befreit hatte. Zur Feier des 100. Jahrestages der Unabhängigkeit am 19. August 2019 wurde nun auch die Renovierung des Palastes begangen.

Schon 2005 hatte das afghanische Parlament die Restaurierung und den Wiederaufbau des Darul Aman beschlossen. Präsident Ashraf Ghani erklärte damals: „Wir kehren in die Vergangenheit zurück, um das Fundament für die Zukunft zu legen.“

Wilhelm Rieck erklärte dem König die grünen Dächer

In der Familie von Wilhelm Rieck wird bis heute die Geschichte erzählt, dass Amanullah die Dächer des Darul Aman und auch die des Taj Begh-Palastes gerne in Patinagrün gesehen hätte. Doch Rieck erklärte ihm, dass dies ein natürlicher Verwitterungseffekt des Kupfers sei, der sich in der trockenen Luft Afghanistans nicht so schnell einstelle.

Werner Müller kann dazu noch eine nette Anekdote beisteuern: „Im Rahmen eines Empfangs für die Familienangehörigen der in Afghanistan arbeitenden Deutschen, sagte Amanullah Khan zu Mathilde Theodora Rieck, der Frau von Wilhelm Rieck sinngemäß, dass ihr Mann sein bester europäischer Schachpartner sei. Aber bezüglich der Dächer habe er ihn enttäuscht.“

Als dann die Renovierung des Palastes beschlossen wurde, informierte Müller den afghanischen Botschafter in Berlin über Amanullahs damaligen Wunsch. Nun wurden vier Palast-Türme sowie die Kuppel mit Kupfer verkleidet ... 

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