Erst 11, aber schon spielsüchtig „Fortnite“-Verbot: Da rastete Lennart aus Köln aus

andrea_spielsucht2

Ulrike Wolpers hat ein Buch über die Spielsucht ihres Sohnes Lennart geschrieben.

Köln – Die Wolpers. Drei Kinder, Mutter, Vater, Hund. Häuschen im Grünen bei Köln. Eine Familie, die sich noch zu Spielabenden verabredet, am Wochenende ins Grüne zieht, viel miteinander redet und lacht. Das waren die Wolpers zumindest, bis Lennart zum zehnten Geburtstag ein Smartphone bekam – und binnen weniger Wochen spielsüchtig wurde.

  • Ganz normales Familienleben mit Spielabenden
  • Zum zehnten Geburtstag bekam Lennart ein Smartphone
  • Junge wird innerhalb weniger Wochen spielsüchtig

Aktuell zeigen 700.000 deutsche Kinder und Jugendliche ein riskantes oder bereits abhängiges Spielverhalten, Tendenz steigend. Dass eines ihrer Kinder einmal dazugehören würde, hätte Ulrike Wolpers (49) sich nicht vorstellen können. „Die beiden Mädchen hatten früher zum zehnten Geburtstag auch ein Smartphone bekommen. Da gab’s nie Probleme.“

Spielsüchtiger Kölner Junge: Lennart wie in einem Sog

Alles zum Thema App

Warum also bei Lenni? Was sie nicht bedacht habe – auf den Handys ihrer Älteren gab’s noch kein Internet. Bei Lenni bestimmte „Brawl Stars“ plötzlich sein Leben, obwohl seine Eltern im Vergleich zu vielen vorsichtig waren, ihm nur fünf Stunden in der Woche Daddeln gestatteten. Es komme bei spielsüchtigen Kindern nicht auf das Zeitfenster an, sondern auf den Sog, den das Spiel entfache, sagt die Wissenschaftsjournalistin im Gespräch mit dem Sonntag-EXPRESS.

Und ihr einst so lustiger „Michel aus Lönneberga“ mit dem blonden Haar und den aufgeweckten blauen Augen interessierte sich plötzlich vom Kopf her für nichts anders mehr außer das Spiel, wurde allerdings mehr als kreativ, um Sperren auszuhebeln, Passwörter zu knacken, das Handy aus dem Tresor zu klauen und auf Papas Kosten unerlaubt „Juwelen“ einzukaufen. Da half auch Handyverbot nicht...

Spielsüchtiger Kölner Junge: Sucht wird für Familie zum Alptraum

Lennart: „Meine Eltern fingen an, mir überhaupt nicht mehr zu glauben und zu vertrauen. Das war schrecklich. Dabei war ich ja selbst gestresst und wusste nicht weiter! Ich konnte an nichts anderes mehr denken als daran, dass meine Kumpels gerade »Brawl Stars« und »Fortnite« spielten und ich nicht.“

andrea_spielsucht1

Ulrike Wolpers möchte mit ihrem Buch Mut machen.

Ein Alptraum für die Familie. „Alles drehte sich nur noch darum, wie viel Bildschirm- Zeit er bekam. Spiele, Ausflüge gerieten in den Hintergrund“, erinnert sich Ulrike Wolpers und gesteht heute offen ein, dass sie sich damals nicht genug mit den Inhalten der Spiele auseinandergesetzt habe. „Brawl-Stars“. Das Spiel sah so harmlos aus mit seinen Comic-Püppchen. Warum nicht erlauben?

„Die Spiele heute sind so viel attraktiver als früher, haben so ein großes Suchtpotential“, weiß die Wissenschaftsjournalistin Ulrike Wolpers jetzt. Wolpers Tipp: Auf der „SCHAU HIN!“-Seite im Netz findet man fundierte Einschätzungen, aktuell z. B. zum beliebten „Among us“-Spiel.

Spielsüchtiger Kölner Junge: Plötzlich rastete Lennart aus

Lennart: „Früher dachte ich immer, meine Eltern wissen alles. Aber selbst mit Google finden sie nicht immer eine Lösung, wenn ich zum Beispiel die Einstellungen bei meinem Headset ändern möchte. So richtig ernst nehmen kann ich meine Eltern dann auch nicht, wenn sie mich warnen vor irgendwas im Internet, weil ich dann nicht weiß, ob sie es tatsächlich selbst wirklich ganz genau wissen.“

Der Tag, als Ulrike Wolpers ihrem Sohn verbot, Halloween mit Freunden am „Fortnite“-Event teilzunehmen und die ganze Nacht zu zocken, sei der „schlimmste“ ihres Lebens gewesen, sagt sie. „Sein Gesicht war fahl, er hatte Schweißperlen auf der Stirn, schleuderte Donald-Duck-Hefte gegen die Wand. Es war ein fremdes Kind, das da vor mir stand.“

Spielsüchtiger Kölner Junge: Therapie in Spezialambulanz

Der besorgten Mutter war sofort klar: Hier hilft nur noch eine Therapie. Sie recherchierte rund um die Uhr, setzte das Kind ins Auto und fuhr zum Marienhospital in Düren mit einer Spezialambulanz für computerspielsüchtige Kinder und Jugendliche. Lennart: „Das Gute war, der Therapeut war auf meiner Seite. Er sagte, er hätte früher auch gern gezockt und täte es noch heute als Erwachsener. Ich hatte ein schönes Gefühl, ich dachte, cool, endlich versteht mich mal ein Erwachsener. Toll fand ich, dass er mir dass Handyspielen nicht total verbieten wollte, sondern dass ich einfach kontrollierter damit umgehen sollte. So dass man aufhören kann und keine Regeln bricht. Und das wollte ich ja auch irgendwie.“

andrea_spielsucvht 3

Wissenschaftsjournalistin Ulrike Wolpers aus Köln

Für den Einstieg in den Ausstieg wurde Lennart aber erst einmal ein Handyverbot von sechs Wochen auferlegt. Lennart: „Was war das für ein Mist. Ich war müde, schlecht drauf, fühlte mich krank. Schon morgens an der Bushaltestelle hätte ich heulen können. Die anderen erzählten, wie sie am letzten Abend gezockt hätten. Und natürlich sammelten sie gerade schöne V-Bucks …“

Spielsüchtiger Kölner Junge: Digital-Detox angesagt

Die Wolpers lernten während dieser Zeit auch viel über sich selbst – und ihre eigenen Fehler. Zum Beispiel, dass es wenig Sinn macht, Action- und Ballerspiele von vorneherein zu verteufeln. Für die Kinder sei das so etwas wie ein „soziales Abenteuer- und Spaß-Spiel in der Gruppe“, erklärt die Mutter. Man müsse es nun mal akzeptieren: Die „natürliche“ Welt, wie wir Erwachsene sie kannten, gebe es nicht mehr, erst recht nicht zu Corona-Zeiten. „Apps, Youtube und Games gehören heute dazu, doch Eltern sollten wissen, was ihre Kinder da tun und Vorbild sein. Sie tragen die Verantwortung dafür, wie ihre Kinder das Internet nutzen.“

Dazu gehört auch, das eigene Digitalverhalten zu überdenken. Immer mal wieder Mails checken, mit Freunden chatten, ist für viele Erwachsene normal. Ulrike Wolpers: „Warum sollen Kinder verstehen, dass sie ihr Handy um 20 Uhr abends abgeben müssen, während ihre Eltern noch ständig am Smartphone oder Laptop sitzen?“ Auch bei den Wolpers war erst einmal Digital-Detox angesagt.

Spielsüchtiger Kölner Junge: Es kam zum Rückfall

Nach dem „Entzug“ ging’s weiter. „Du bekommst dein Handy zurück, aber nur zum Telefonieren. Nach zehn Minuten gibst du es ohne Aufforderung ab. Wenn das drei, vier Tage gut geklappt hast, darfst du das Handy fünf Minuten länger haben. Du musst dich beweisen, dass du das steuern kannst“, sagte der Therapeut.

Lennart kämpfte hart, wollte sich keinen Schnitzer erlauben, schaffte es viele Tage auch. Aber da war er nun mal, dieser Trigger, dieses Totenkopf-Emblem bei „Brawl Stars“. Und als sein Freund zu Besuch kam … Lennart: „Auf einmal wollte ich endlich wieder selbst bestimmen, was ich tue. Ich hab dann die »Brawl Star«-App einfach auf mein Handy geladen, das hat sich so cool angefühlt. Alles ging ganz schnell. Natürlich kam meine Mutter kurz darauf und nahm mir das Handy ab, bevor ich die App wieder löschen konnte. Sch...“

Spielsüchtiger Kölner Junge: Mutter will mit Buch Mut machen

Rückfälle, die passieren. Die zum Nachdenken anregen. Lennart und seine Eltern verstanden, dass es ihm gar nicht mehr so sehr um seine beiden Lieblingsspiele ging, sondern vor allem um die Selbstbestimmung. Nach genau 28 Wochen harter Arbeit dann das Signal des Therapeuten: „Lennart hat’s geschafft.“

Ein harter Weg, der längst nicht beendet ist. Ulrike Wolpers investiert jede Woche zwei bis drei Stunden in Technischen Medienschutz, passt die Internetsperrung dem Wochenplan mit Home-Schooling und Präsenzunterricht an. „Digitale Medienkompetenz dient der Gesundheitsvorsorge unserer Kinder – wie gesundes Essen“, sagt sie. Sie will mit ihrem Buch – es enthält auch viele Links und Adressen – anderen Eltern Mut machen, „auf den digitalen Fahrersitz rüberzurutschen“.

Spielsüchtiger Kölner Junge: Computerspiele nicht mehr Lebensinhalt

„Hätten meine Eltern und ich keine Hilfe bekommen, hätte ich wohl immer noch Handyverbot. Aber heute gibt’s auch anderes, was ich wieder cool finde: Mit meinem Hund »Lotta« spielen, Tennis, Handball, Reiten, mit Freunden im Wald spazieren gehen.“ Lennart ist kein „fremdes Kind“ mehr, sondern ein ganz normaler zwölfjähriger Junge, der wie andere Kids in seinem Alter natürlich gerne mal zockt, aber die Computerspiele nicht mehr zu seinem Lebensinhalt macht.

Gerade traten neue Regelungen für den Kinder- und Jugendmedienschutz in Kraft. Die Reform verpflichtet unter anderem Internetanbieter, Vorsorgemaßnahmen für die Kids zu treffen. Diese können laut Familienministerium beispielsweise in sicheren Voreinstellungen, leicht erreichbaren Melde- und Hilfesystemen oder Systemen zur Altersprüfung getroffen werden. 

Sie verwenden einen veralteten Browser. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um Ihren Besuch bei uns zu verbessern.