„Halte das so nicht lange durch“ Kölner Hebammen in Existenzangst

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Die Corona-Krise macht es Kölner Hebammen wie Sonja Liggett-Igelmund schwerer als jemals zuvor. 

Köln – Hebammen arbeiten im Gesundheitswesen, werden aber nicht klassisch als systemrelevant eingestuft. Doch auch in der Corona-Krise kommen jeden Tag Kinder zur Welt und die Hebammen arbeiten trotz aller Widrigkeiten weiter. Gerade freiberuflich arbeitende Hebammen in Köln sehen nun aus guten Gründen ihre Existenz in Gefahr.

Hat die Politik diese wichtigen Corona-Helfer zu lange vergessen?

Köln: Freiberufliche Hebammen in Existenzangst

Die Neue Kölner Elternschule am Severinsklösterchen e.V., in der Hebamme Daniela Degen (45) arbeitet, musste von heute auf morgen komplett schließen. Wo Eltern sich bislang auf die Geburt ihres Kindes vorbereiten konnten, darf jetzt wegen des Coronavirus niemand mehr hin.

Die Hebamme aus der Kölner Südstadt hat dort auf komplett freiberuflicher Basis Schwangeren-Kurse gegeben. Nun fehlt ihr ohne die Kurse seit 15. März ihr Einkommen. Das Gesundheitsamt hatte ihr noch am 14. März vormittags gesagt, dass die Elternschule unter bestimmten Bedingungen geöffnet bleiben könnte.

„Acht Stunden später mussten wir dann plötzlich komplett schließen“, so Degen irritiert. Die Maßnahme trifft die Hebamme und ihr Team mitten ins Mark. Denn die Kosten laufen weiter.

Hebamme: „Halte das nicht lange durch“

Ihre Möglichkeit, sich über Wasser zu halten, sind jetzt Online-Kurse. „Für mich ist das gerade das absolute Worst-Case-Szenario. Ich bin auf 0 in den Einnahmen heruntergeschraubt worden“, so die Hebamme mit 25-jähriger Berufserfahrung. Unter erschwerten Bedingungen kann sie noch Familien im Wochenbett begleiten. Doch ihr fehlt Schutzkleidung, die braucht sie dringend.

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Die leere Elternschule am Severinsklösterchen, in der Daniela Degen gearbeitet hat.

Aktuell steht noch nicht fest, ob sie die Soforthilfe für Selbstständige vom Land NRW in Anspruch nehmen darf. „Ich halte das nicht lange durch, wenn ich nicht die Einnahmen generiere, die ich sonst habe.“

Keine Kinder-Notbetreuung für Hebammen

Degen ist froh, dass sie gerade wenigstens Video-Kurse geben kann. Die Kurse können über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet werden. „Es wird sich jetzt erst in den nächsten Wochen zeigen, ob die Eltern die Online-Kurse in der gleichen Menge annehmen, wie die normale Betreuung“, erklärt Degen skeptisch, aber hoffnungsvoll.

Videokurse, Videoschalten, Telefonate – dabei fehlt ihr der direkte Kontakt zu den Frauen, der gerade kurz nach der Geburt im Wochenbett aus psychologischer Sicht ausgesprochen wichtig sei.

Sie findet, dass Hebammen gerade durchs Raster der Regierung fallen. „Kolleginnen haben nicht einmal die Möglichkeit der Kita-Notbetreuung für ihre Kinder bekommen, weil sie nicht auf der Liste der Stadt Köln standen“, erklärt Degen fassungslos. Ihr Sohn sei zwar erwachsen, doch ihre Kolleginnen seien betroffen.

Schutzkleidung und Desinfektionsmittel: Apotheke weist Hebamme ab

Ihre Kollegin Esther Braun sieht die Situation ähnlich. Sie arbeitet wie viele andere Hebammen zum Teil freiberuflich und in Teilzeit im Krankenhaus. Eine freiberufliche Kollegin habe sich in der Apotheke nicht einmal mit Desinfektionsmittel eindecken können.

„Ihr wurde gesagt, dass Ärzte jetzt Vorrang haben“, so die Hebamme sprachlos. Außerdem habe eine reine Online-Betreuung durch Hebammen ihre Schattenseiten.

Telefonat mit Hebamme: Einschätzung zu häuslicher Gewalt schwierig

Zum Beispiel häusliche Gewalt könnten Hebammen so nur schwer erkennen. „Am Telefon kann ich schlechter beurteilen, wie die Situation zuhause wirklich ist“, so Braun.

Auch finanziell sieht sie die Situation kritisch. Für die Telefonate würden Hebammen schließlich nicht exakt dasselbe Honorar bekommen, wie für den Hausbesuch.

Kein Mindestabstand möglich: „Geburt findet nicht hinter Plexiglas statt“

Auch für Hebammen, die in den Kreißsälen Kölner Krankenhäusern arbeiten, ändert sich gerade viel. Das weiß Sonja Liggett-Igelmund (45). „Bei Corona-positiven Frauen müssen wir uns komplett vermummen.“ Man versuche zumindest bei der Geburtenanmeldung Abstand zu halten, doch bei der Geburt sei das natürlich unmöglich. „Eine Geburt findet nun mal nicht hinter Plexiglas statt“, so die Kölnerin.

Kreißsaal: „Männer draußen zu halten bringt keine größere Sicherheit“

Väter dürften mittlerweile laut offizieller Empfehlung bei der Geburt im Kreißsaal wieder dabei sein. „In der Regel sind sowieso beide infiziert“, so Liggett-Igelmund. Deswegen habe die bisherige Regel, dass Väter nicht mit in den Kreißsaal dürfen, für sie von Anfang an keinen Sinn ergeben.

„Die Männer draußen zu halten, bringt keine größere Sicherheit, schützen müssen wir uns sowieso“, erklärt sie. „Wir Hebammen versuchen gesund zu bleiben und sind momentan die einzigen, die sich überhaupt in einen Corona-Haushalt reintrauen“, so die Hebamme zum Thema Hausbesuche.

Kontaktverbot-Vorteile: Wenn die Schwiegermutter draußen bleiben muss

Allgemein sei bisher untergegangen, dass auch Hebammen – egal, wie und wo sie arbeiten – dringend Schutzkleidung brauchen. „Ohne Gebärende und Hebammen, haben wir bald keine Gesellschaft mehr“, so die 45-Jährige deutlich.

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Doch auch einen positiven Aspekt gebe es in der aktuellen Corona-Geburtshilfe, erklärt Liggett-Igelmund schmunzelnd. Denn durch das Kontaktverbot müssten Frauen sich nicht mehr dem stressigen Familienbesuch nach der Geburt aussetzen. Schwiegermutter und Co. müssen nun erstmal auf lange Sicht draußen bleiben. Das sei toll, für die enorm wichtige Zeit von Mutter und Vater mit ihrem frisch geborenen Kind.

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