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Event oder Tradition? Die Diskussion um den Kölner Karneval ist extrem scheinheilig

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Besteht der Kölner Karneval nur noch aus Party? Diese Frage wird derzeit heiß diskutiert.

Köln – Party pur? Rückkehr zur Tradition? Nach der Kritik am Event-Fastelovend durch Micky Brühl (hier lesen Sie mehr) diskutiert man im Kölner Karneval, wie es weitergehen soll auf den Sitzungen. Aber: Diese Diskussion ist scheinheilig, sagt unser Autor. Ein Kommentar.

Au weia, da hat Micky Brühl etwas angerichtet. Er hat sich im Kölner Karneval tatsächlich gewagt, was sich nicht viele trauen: Er hat das ausgesprochen, was die jecke Basis fühlt. Eben die Menschen, die den Karneval finanzieren.

Aber es ist eine verworrene Diskussion unter den Jecken, dessen Knoten nicht so einfach zu entwirren ist. Zeit, die Interessenlagen ohne wütendem Schaum vor dem Mund zu entflechten!

Kölner Karneval: Bands sind nicht schuld am Event-Fastelovend

Zuvorderst ist eine Sache unfair: Die kölschen Bands sind hervorragend und machen ihren Job. Alle, ohne Ausnahme. Ähnlich wie in einer Bäckerei stellen sie ihre Ware ins Schaufenster. Die ist so hervorragend, dass sie gebucht werden. Wenn ihre „Brötchen“ nicht schmecken würden, würden sie auch nicht auf Sitzungen gebucht und ihre Ware gekauft. So einfach funktioniert das in einer karnevalistischen Marktwirtschaft.

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Musiker Micky Brühl.

Bevor die Musiker-Kollegen jetzt allesamt über Micky Brühl herfallen, sei gesagt: Er hat nicht die Bands kritisiert, sondern das System. Dass er immer wieder überspitzt die Konfetti-Kanone anführt, ist vielleicht übertrieben. Denn darum geht es nicht.

Kölner Karneval: Literaten und Sitzungspräsidenten sind in der Pflicht

Es geht vielmehr um die Literaten. Wie Pilze aus dem Boden sprießen jetzt die Programmgestalter, die sagen: „Bei uns auf der Veranstaltung ist das aber nicht so laut.“ Ist es vielfach doch, weil sich sonst nicht so eine breite Masse hinter die Kritik zum Party- und Event-Karneval stellen würde. Deshalb ist es scheinheilig, jetzt zu sagen: Das Publikum fordert das so.

Tut es eben nicht. Ähnlich wie bei den Tanzgruppen findet ein Sitzungsbesucher ein „Höher, Schneller, Weiter“ eben nicht immer als unbedingt förderlich. Wenn unsensibel drei junge oder laute Bands hintereinander gebucht werden, ist es nicht verwunderlich, wenn sich Sitzungsbesucher ab einem Alter 45 (oder sogar noch jünger) abwenden.

Kölner Karneval: Der Mix ist entscheidend

Deshalb haben die Sitzungs-Präsidenten und Literaten bei einer Kölner Karnevalssitzung die wichtigste Aufgabe in der aktuellen Debatte: Einen guten Mix aus allen traditionellen Elementen auf die Bühne zu zaubern und die Punkte auch dementsprechend anzusagen.

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Damit Jung und Alt gemeinsam feiern können, muss ein Pakt im Kölner Karneval her.

Gesang, Rede, Tanz und Korps. Alles andere sollte man als Party-Sitzung deklarieren, denn mehr ist es dann auch nicht.
Deshalb geht das Festkomitee einen löblichen Weg und verteilt ab 2021 das Siegel „Echt kölsche Sitzung“ (hier lesen Sie mehr). So kann das Publikum direkt erkennen, wo man mit Tradition und Brauchtum aufwartet.

Party im Kölner Karneval muss es weiter geben

Aber eines sollte auch klar sein: Es muss auch Party-Formate geben. Ob „Bützje-Ball“, „Zoo-Zappelei“ oder „Jeckedanz“ – es ist richtig, dass vor allen Dingen junge Leute zu den Klängen der Bands abfeiern.

Ein letzter und wichtigster Punkt ist das Publikum: Das Anspruchsdenken ist enorm gestiegen. Vielleicht genauso rasant, wie auch die Preise für eine Sitzungskarte. Das ist verständlich. Ein bisschen mehr Entschleunigung täte aber trotzdem gut. Vielleicht sollte man den Literaten eher mal für einen Nachwuchs-Punkt loben anstatt ihn zu verteufeln, wenn er mal nicht die gesamte musikalische Creme de la Creme auf dem Sitzungs-Plakat hat.

Kölner Karneval: Es muss ein Pakt zwischen Künstlern, Literaten und Publikum her

Wenn Bands, Publikum und Literaten einen Pakt zu mehr Vielfalt und ein wenig Entschleunigung auf den Sitzungen schließen, kann der Sprung in die Moderne gelingen. Traditionen bewahren, indem der Mix aus Schunkeln, Feiern und Zuhören stimmt. Das ist kein Hemmschuh für neue und ausgefallene Programmpunkte, im Gegenteil.

Dann werden Jung und Alt auch wieder öfter gemeinsam feiern auf einer Sitzung. Der Kölner Karneval gewinnt dadurch noch einmal mehr an seiner Stärke und seiner Botschaft: verbinden statt entzweien.

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