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Dokument des Grauens Wie ein Barmann vom Ring unter dem Kölner Fallbeil endete

Roland Freisler Nazi-Richter

Roland Freisler (Mitte) gilt als der furchtbarste unter den barbarischen Nazi-Richtern.

Köln – Er hatte als Schiffssteward die Weltmeere bereist. Er war Barmann in Köln, unter anderem in der „Atelier-Bar“ am Hohenzollernring und verfügte wohl über einen umwerfenden Charme.

Der Held der Frauen hatte Liebschaften in Serie. Er war ein Lebemann und auch ein Hallodri. Doch er sollte jung sterben. Mit 31 Jahren klammerte er sich an das Leben. Doch es gab keine Gnade für Karl Schaps.

Karl Schaps arbeitete in einer Bar am Hohenzollernring.

Karl Schaps arbeitete in einer Bar am Hohenzollernring.

Die „Gerechtigkeit“ des Nazi-Richters Roland Freisler

Dies ist die erschütternde und tragische Geschichte von Karl, dem am Ende großen Verlierer. Ein Schreiben vom 7. August 1942, unterzeichnet von Roland Freisler, dem Präsidenten des Volksgerichtshofes, besiegelt seinen Tod. Wörtlich heißt es: „... habe ich mit Ermächtigung des Führers beschlossen, vom Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen, sondern der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen.“

Zu „Blutrichter“ Freisler und dem berüchtigten Volksgerichtshof gibt es zur Zeit eine Sonderausstellung im Kölner NS-Dokumentationszentrum. Im Fall Karl Schaps „beschränkt“ sich seine furchtbare Rolle auf die des nach dem Tod geifernden Nazi-Juristen, der ein Leben zügig abhakt.

Karl_Schaps

Der Schiffsausweis von Karl Schaps

1942 gerät Karl Schaps ins Visier der Behörden

Was aber war die Schuld des 1910 in Mannheim geborenen, in Köln lebenden Karl Schaps? Das Landesarchiv in Duisburg, das über das Freisler-Dokument verfügt und dieses zur „Archivalie des Monats“ erklärt hat, gibt Auskunft: „Der 31-jährige Barmixer und Kaufmann geriet im März 1942 ins Visier von polizeilichen Ermittlungen, da er verdächtigt wurde, gestohlen und von Bekannten geliehenes Geld nicht zurückgezahlt zu haben.“

Dokument Roland Freisler

Die Ablehnung des Gnadengesuchs durch Roland Freisler. Karl Schaps hatte drei Gnadengesuche eingereicht, u,a. an Adolf Hitler persönlich.

Weiter heißt es: „Nach mehreren Befragungen gestand Schaps, Jude zu sein und dies jahrelang aus Angst vor Schwierigkeiten nicht angezeigt zu haben, was die Ermittlungen in eine neue Richtung lenkte. Unter den vernommenen Zeugen und mutmaßlich Bestohlenen befand sich eine Frau, die zu Protokoll gab, 1941 mit Schaps liiert gewesen zu sein. Dass er Jude sei, habe sie nicht gewusst.“

Die Staatsanwaltschaft Köln spürte daraufhin quer durch Deutschland sämtliche „arischen“ Frauen auf, mit denen Schaps bekannt war, um herauszufinden, mit welchen er außereheliche sexuelle Kontakte hatte.

Jetzt ging es um den Vorwurf der sogenannten „Rassenschande“, um nach den Nürnberger Rassegesetzen zum „Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbotene sexuelle Beziehungen zu „arischen“ Frauen. 

Dr. Thomas Roth, Historiker am Kölner NS-Dokumentationszentrum, zum EXPRESS: „Bestürzend ist die Radikalität der Ermittlungen. Deprimierend ist, wie sich Karl Schaps Lebensgefährtinnen sämtlich von ihm distanzieren.“

15 Frauen werden als Zeugen nach Köln geladen

Die Autorin Kirsten Serup-Bilfeldt, die sich intensiv mit dem Fall beschäftigte: „Nach meinen Recherchen hat es während des Prozesses 1942 in Köln 15 Vernehmungen “arischer” Frauen gegeben, die sexuelle Kontakte zu Karl Schaps hatten und dazu vom Gericht befragt wurden.“

Im Mai 1942 war gegen Schaps vor dem für Fälle von  „Rassenschande“ zuständigen Sondergericht beim Landgericht Köln Anklage erhoben worden. Die Hauptverhandlung wurde für den 8. Juli angesetzt. Noch am selben Tag wurde Schaps in den Anklagepunkten Diebstahl und Unterschlagung freigesprochen – aber wegen Rassenschande in sieben Fällen zum Tode verurteilt...

Hinrichtung im Kölner Gefängnis Klingelpütz

Schon sehr bald, am 20. August 1942, wurde Schaps in der Vollstreckungsstätte Klingelpütz hingerichtet, die sich in der Kölner Innenstadt befand. Der Vollstrecker des Urteils war der Scharfrichter Friedrich Hehr aus Hannover.

Hehr hatte lange Jahre die Angewohnheit gehabt, „Achtung“ zu rufen, sobald der Verurteilte auf der Richtbank positioniert war und er kurz davor stand, die Fallvorrichtung des Beils auszulösen. Das als störend empfundene „Achtung“ war Hehr mittlerweile untersagt. Das Beil stürzte herab.

Schaps Leiche soll einem anatomischen Institut übergeben worden sein. Ein Grab existiert nicht.

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