NRW-Staatspreis in KölnMerkel mit Liebeserklärung ans Rheinland und Überraschungs-Besuch

Angela Merkel, Hendrik Wüst und Christine Lagarde posieren in der Flora.

Angela Merkel (M.) wurde am Dienstag (16. Mai 2023) in der Kölner Flora von Ministerpräsident Hendrik Wüst mit dem Staatspreis ausgezeichnet. Die Laudatio hielt Christine Lagarde.

Altkanzlerin Angela Merkel wurde in Köln mit der höchsten nordrhein-westfälischen Auszeichnung geehrt. Ministerpräsident Hendrik Wüst verlieh in der Flora den Staatspreis. Viele Prominente waren dabei.

von Marcel Schwamborn (msw)

Stehende Ovationen, langanhaltender Applaus und viele wohlwollende Worte. Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (68, CDU) konnte ihren Besuch in Köln am Dienstag (16. Mai 2023) in vollen Zügen genießen.

Von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (47, CDU) gab's den NRW-Staatspreis. Seit 1984 wird dieser durch das Land vergeben. Merkel war die 59. Person, die ausgezeichnet wurde. Ihr Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro spendete sie an den Verein Blau-Gelbes Kreuz, der bereits seit 2014 die Entwicklung einer freien, demokratischen Ukraine unterstützt.

Angela Merkel spendet Preisgeld dem Verein Blau-Gelbes Kreuz

In der Flora holte Merkel auch noch einmal die Vergangenheit ein. Zuletzt war sie am 4. September 2015 dort, um eine Rede beim 70. Jubiläum der NRW-CDU zu halten. Als sie das Gebäude verließ, rief Österreichs Kanzler Werner Faymann (63) an. In der Nacht entschieden die Regierungen, die Grenzen offenzuhalten und mehrere Tausend Flüchtlinge, die in Ungarn festsaßen, in ihre Länder zu lassen.

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„Es war eine Entscheidung, die neue Herausforderungen mit sich brachte. Außer Zweifel aber steht, dass es eine Entscheidung aus Führung und Verantwortung und ein großer Akt der Humanität war“, sagte Wüst.

Auch Merkel erinnerte sich. „Wir haben die Menschen in den Tagen und Wochen danach aufgenommen. Mit wir sind vor allem Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen gemeint. Stellvertretend für alle Kommunen danke ich Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker für ihr Engagement in Köln“.

Wüst ging auch noch einmal auf die Kritik ein, die es rund um die Ehrung der Ex-Kanzlerin gegeben hatte. „Ausgezeichnet werden Persönlichkeiten, die herausragende Leistungen vollbracht haben und Nordrhein-Westfalen durch Werdegang und Wirken verbunden sind. Mit dem Staatspreis ist keine Heiligsprechung verbunden.“

Der Ministerpräsident weiter: „In 16 Jahren Kanzlerschaft und über drei Jahrzehnten bundespolitischem Engagement hat sie unzählige Entscheidungen getroffen. Es ist legitim, Entscheidungen kritisch zu sehen und zu hinterfragen. Bei der rückblickenden Beurteilung muss man sich aber auch die Frage stellen, unter welchen Voraussetzungen diese getroffen wurden. Meist fallen diese unter Druck. Meist ist die beste Lösung keine Option, weil sie gar nicht erst erreichbar ist.“

Auch die Russland-Politik Merkels rechtfertigte der CDU-Politiker schon vor der Preisverleihung. „Angela Merkel gehört sicherlich nicht zu den Naiven“, sagte er. Sie sei „gar nicht darauf aus, dass man ihr nur Honig um den Bart schmiert“. Sie selbst beanspruche ja gar nicht, „dass man da alles nur aufpoliert“.

Zudem verwies er darauf, dass die Ex-Kanzlerin vielen Frauen Mut gemacht habe. „Sie stand immer ihre Frau. Sie ließ sich nicht beeindrucken, einschüchtern und klein machen. Sie hatte einen siebten Sinn für das Mögliche und ging ihren Weg bis ins Kanzleramt. Und das ohne Netzwerk und Hausmacht – ohne Seilschaft auf den Gipfel“.

Laudatorin Christine Lagarde (67), die Chefin der Europäischen Zentralbank, erinnerte an den früheren Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (†91), den ersten Bundeskanzler. „Sie sind in seine Fußstapfen getreten“, sagte sie angesichts ihrer 5860 Tagen Kanzlerschaft. „Einzigartig, unvergleichlich, unnachahmbar“, sei Merkel.

Angela Merkel sorgte für Lacher nach Laudatio von Christine Lagarde

„Freiheit und Demokratie waren ihre Fixpunkte. Andere haben Zäune gebaut und Grenzen geschlossen. Sie hat die Grenzen offengehalten. Dafür wurde sie im Ausland bewundert und in Deutschland hart kritisiert. Sie hat so vielen Menschen Freiheit geschenkt.“

Merkel war „ganz gerührt“ nach den Reden und landete sogar einen Lacher. Weil Lagarde von den drei Gesichtern Angela Merkels („Wissenschaftlerin, Pragmatikerin und moralische Instanz“) gesprochen hatte, merkte diese an: „In der DDR hatte ich mal Angst, schizophren zu werden. So war es aber wohl nicht gemeint“.

Die Ex-Kanzlerin erinnerte noch einmal an ihre Anfänge als Abgeordnete im Rheinland. „Bonn war mehr als nur ein Arbeitsort für mich. Ich lernte die Schönheiten des Siebengebirges kennen, den Kölner Dom und Kölns romanische Kirchen, das Ahrtal und die Eifel. Ich fühle mich wohl in der politischen Herzkammer der alten Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschlands.“

Merkel besuchte mit Wüst vor der Ehrung Bad Münstereifel

Zwar habe sie für den Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin gestimmt, es sei ihr aber ein zentrales Anliegen gewesen, eine neue Rolle für Bonn zu finden. Heute sei die Stadt ein wichtiger UN-Standort und Sitz des Klimasekretariats. „Bonn und Nordrhein-Westfalen haben allen Grund, auf diese Entwicklung stolz zu sein.“

Vor der Ehrung in Köln hatte Merkel mit Wüst Bad Münstereifel besucht. Ungefähr eine Woche nach dem verheerenden Starkregen im Juli 2021 war sie schon einmal da, hatte anschließend einen 30-Milliarden-Euro-Wiederaufbaufonds initiiert. „Die Menschen haben ihre Stadt trotz aller Widrigkeiten wiederaufgebaut. Die Stadt erstrahlt in neuem Glanz“, sagte sie. „Alles braucht einen langen Atem. Deshalb bin ich froh, dass der Fonds verlängert wird“.

Der Festakt in der Flora war ein großes Stelldichein der Politik-Szene. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (55), Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (60) und die früheren NRW-Ministerpräsidenten Peer Steinbrück (76), Jürgen Rüttgers (71) und Armin Laschet (62) waren ebenfalls vor Ort.

„Sie hatte viele Weltkrisen zu bewältigen“, erinnerte sich Laschet gegenüber EXPRESS.de. „Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise und dann auch noch Corona. Deshalb hat sie den Staatspreis verdient.“ Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz (67), der schon auf die Auszeichnung Merkels mit dem Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland eher knapp reagiert hatte, blieb dem Festakt fern. Er habe Wahlkampftermine in Hessen, hieß es.

Merz war dennoch Gesprächsthema. Die Jungen Liberalen NRW kritisierten, die Preisvergabe sei eine „für Hendrik Wüst typische Show-Veranstaltung auf Kosten der Steuerzahler, die am Ende vielmehr ihm und seinen heimlichen Kanzlerambitionen nützen soll“. Comedian Fabian Köster (27) wollte mit seinem „Heute-Show“-Team von allen Prominenten wissen, ob sie Wüst schon zur Kanzlerkandidatur 2025 gratulieren wollen.

Ex-Höhner-Sänger Krautmacher: „Merkel kann nicht alles verkehrt gemacht haben“

Merkels Schlussworte dürften dem Ministerpräsidenten, dem viele gute Chancen beim Rennen um die Kandidatur einräumen, gefallen haben. „Ich stehe vor ihnen in Dankbarkeit für die Auszeichnung, in weiterer Verbundenheit mit dem Bundesland Nordrhein-Westfalen und mit allen guten Wünschen für sie, die Landesregierung und für sie, Herr Ministerpräsident, damit sie alle gemeinsam die großen Aufgaben der Zukunft bewältigen können.“

Pinar Atalay (45) moderierte den Festakt, viele Prominente aus Musik und Sport waren auch dabei. Henning Krautmacher (66) freute sich, dass die Ur-Besetzung der Höhner eingeladen war. „Wir haben sogar bei ‚Echte Fründe‘ beim CDU-Parteitag gemeinsam auf der Bühne gestanden. Einmal haben wir sie auch in ihrem Berliner Büro besucht. Die Ehrung ist mehr als verdient. Wenn man 16 Jahre ein Land regiert, kann man nicht alles verkehrt gemacht haben“, sagte er.