„Sonst gibt es Tote“ Crash-Festival: Fahrer um Greipel & Politt kritisieren Tour-Bosse

Der verletzte Radfahrer Primoz Roglic auf der dritten Etappe der Tour de France

Primoz Roglic stürzte auf der 3. Etappe der Tour de France am 28. Juni.

Pontivy. Die Tour de France wird in diesem Jahr zur Tour de Crash. Auch nach der dritten Etappe am 28. Juni mussten wieder einige Fahrer infolge schwerer Stürze aufgeben: Top-Sprinter Caleb Ewan (26, Lotto) stürzte beim Sprint mit Peter Sagan (31, Bora-hansgrohe) und zog sich einen Schlüsselbeinbruch zu.

Auch Robert Gesink (35, Jumbo-Visma) musste mit Verdacht auf Schlüsselbeinbruch ebenfalls aufgeben. Jack Haig (27, Bahrain-Victorious) stürzte vier Kilometer vor dem Ziel in einer Linkskurve nach einer Abfahrt: Gehirnerschütterung und Schlüsselbeinbruch. Zudem erwischte es die Topfavoriten Geraint Thomas (35, Ineos) und Primoz Roglic (31, Jumbo-Visma), sie können aber trotz Wunden und Schmerzen weiterfahren. Die Kritik an der Streckenführung ist allerdings massiv.

Der Kölner Profi Nils Politt (27, Team Bora-hansgrohe) war nach dem Sturzfestival auf der dritten Etappe der Tour de France entsetzt und appellierte im ZDF an die Veranstalter der Tour: „Wir Fahrer haben gestern noch mit unserer Fahrergemeinschaft geschrieben, ob man nicht die Zeit acht Kilometer vor dem Ziel nehmen kann. Das wurde abgelehnt. Man sieht das Ergebnis, es ist einfach kriminell. Schade, so viele Fahrer auf dem Boden liegen zu sehen und viele, die auch liegen geblieben sind, wo es nicht nur eine Hautabschürfung ist. Es ist unfassbar, so ein Finale zu gestalten. Jeder will vorne fahren, dass es dann hektisch wird, ist klar. Ich hoffe die ASO als Veranstalter lernt daraus. Jedes Team weiß, dass 20 Kilometer vor dem Ziel eine enge Straße ist und dass es danach schwer wird, nochmal nach vorne zu kommen. Dann will man alle Positionen gut machen und verhakt sich mit dem Lenker oder hängt sich am Hinterrad auf. So passieren dann die Stürze.“

André Greipel entsetzt über Streckenführung bei der Tour

Der Hürther Topsprinter André Greipel (38, Team Israel Start-Up Nation) wurde noch deutlicher gegenüber der ARD: „Wer auch immer dieses Finale designt hat, sollte mal probieren mit 180 Fahrern um den Etappensieg zu fahren. Mir fehlen echt die Worte. Man muss sich wirklich fragen, wo diese Sicherheitskommissäre sind.“

Auch der Mann im Gelben Trikot, Mathieu van der Poel (26, Alpecin-Fenix) war nicht einverstanden mit der Rennjury, die den Vorschlag der Fahrer abschmetterte: „Die Zeit acht Kilometer vor dem Ziel zu nehmen, war keine schlechte Idee. Es war eine sehr schnelle und technische Strecke hin zum Ziel, da gibt es immer Probleme, wenn Sprinter und Gesamtklassementfahrer miteinander kämpfen. Es ist natürlich eine schwere Entscheidung, weil es auch nicht okay ist, wenn Fahrer die letzten acht Kilometer gar nichts mehr machen müssen. Aber ich hätte es auf dieser Etappe verstanden. Das hätte vielen Fahrern eine Menge Ärger erspart.“

Rennjury lehnte Antrag der Fahrer ab

Roger Kluge (35, Lotto) meinte nur: „Es ist die Tour, es ist schnell, es ist gefährlich. Wir können froh sein, dass es nicht geregnet hat. Auf nasser Straße wäre noch mehr passiert. Es muss sicherlich nicht so ein. Wäre das Ziel zehn Kilometer weiter hinten gewesen, wäre die Abfahrt weniger wichtig, um vorne zu sein. Aber wenn dann unten die Drei-Kilometer-Marke ist, will jeder nach der Abfahrt vorne sein.“ Marc Madiot (62), Teamchef des FDJ-Teams, hatte Sprinter Arnaud Démare (29) bei einem Sturz verloren und schimpfte: „Wenn ich so etwas sehe, möchte ich nicht, dass mein Kind Radprofi wird. Das ist kein Radsport mehr. Wir müssen das ändern, sonst wird es Tote geben."

Tour de France: Jens Voigt nimmt Veranstalter auch in Schutz

Auch Eurosport-Experte Jens Voigt (49), früher selbst einer der besten Rennfahrer, übte Kritik: „Man hätte einige Stürze vermeiden können, wenn man die letzten Kilometer breiter gestaltet hätte, auf einer größeren Straße, die nicht so viele Kurven hat. Schon vor dem Start sagten die Fahrer: technisches Finale auf den letzten 18 Kilometern. Klar gibt es da dann Gedränge. Alle wollen vorne sein und das kann nicht gut gehen bei 180 Fahrern. Das hätte intelligenter und harmonischer gelöst werden können.“

Doch Voigt nahm die Organisatoren auch in Schutz, weil in den letzten Jahren viel auf die Sicherheit geachtet wurde: „Es ist in der ersten Tour-Woche immer besser geworden. Das ist dieses Jahr jetzt eine Umkehr des Trends, dass schon das halbe Peloton am Boden war. Da muss man jetzt die richtigen Schlüsse draus ziehen, damit es nächstes Jahr wieder besser wird. Wir müssen der Bretagne auch dankbar sein, dass sie eingesprungen ist und mit Kopenhagen das Jahr für den Grand Depart wegen der Fußball-Europameisterschaft getauscht hat.“

Eigentlich sollte der Start der Tour in Dänemark erfolgen, da aber die Fußball-EM wegen Corona von 2020 auf 2021 verlegt wurde, konnte Kopenhagen nicht Tour und Fußballspiele auf einmal austragen. (ubo)

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