Gemeinwohl-Klauseln, ökologischer Einsatz  Rettigs Pläne für eine ganz neue Viktoria

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Andreas Rettig präsentiert das Aktionstrikot der Viktoria für das Spiel gegen den KFC Uerdingen am 5. Mai.

Köln – Diese Nachricht hat viele in der Fußball-Szene überrascht. Andreas Rettig (58), über 30 Jahre in verschiedenen Positionen bei Bundesligisten oder der Deutschen Fußball-Liga aktiv, steigt zum 1. Juni bei Viktoria Köln als Vorsitzender der Geschäftsführung ein. Warum geht's in die 3. Liga? EXPRESS sprach mit Rettig über seine Beweggründe und seine ersten Maßnahmen.

  • Der neue Geschäftsführer Andreas Rettig im Interview
  • Viktoria Köln beachtet künftig die ESG-Kriterien
  • So steht der neue Boss zu Mäzen Franz-Josef Wernze

Angesichts der abstoßenden Entwicklungen im Fußball – WM in Katar, DFB-Chaos, Super League: Warum reizt Sie das Geschäft trotzdem noch?

Die Unruhe, die in einem steckt und mein Gestaltungswille treiben mich an.

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Ihr Name wurde auch – unter anderem – beim VfB Stuttgart gehandelt. Haben Sie am Ende einen erneuten Umzug gescheut?

Zu den Klubs, mit denen ich gesprochen habe, äußere ich mich nicht öffentlich. Aber meine Frau hatte hier das letzte Wort.

Wie fielen die Reaktionen aus, die Sie persönlich erreicht haben?

Ausnahmslos positiv, wenn auch viele überrascht waren. Nicht jeder hatte meine aktive Zeit bei der Viktoria noch auf dem Schirm. Wir hatten wohl seinerzeit nicht allzu große Spuren hinterlassen.

Wird Viktoria Köln nun das St. Pauli des Rheinlandes?

Wenn es um die hohen Sympathiewerte geht – gern. Aber wir wollen unseren eigenen Weg finden.

Neue DNA, neue Ausrichtung, Nachhaltigkeit: Sind solche Ziele nicht romantisch? Am Ende geht es im Fußball doch um Erfolg.

Natürlich wollen wir Spiele gewinnen, wir sind ja ein Fußballverein. Aber eine Branche, die mit und durch die Öffentlichkeit ihr Geld verdient, braucht gesellschaftliche Akzeptanz. Und die schwindet in Bezug auf den Profifußball. Hier müssen wir gegensteuern, dazu sind wir aufgerufen. Hierzu gibt es im Übrigen eine lesenswerte Fanstudie von FanQ, die genau das unterstreicht.

Wie soll das konkret aussehen?

Das Thema ESG wird zukünftig eine größere Bedeutung bei uns im Klub haben. Das ist kein neues Vereinskürzel, sondern beschreibt die drei wichtigsten Faktoren bei der Beurteilung gesellschaftlicher Relevanz – Environment, Social und Governance, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung.

Dann mal los: Umwelt?

In der Merheimer Heide, wo unser schönes Stadion liegt, wollen wir uns an der Erhaltung dieses tollen Waldes beteiligen und uns hierzu konkrete Aktivitäten überlegen.

Und wie soll das soziale Engagement aussehen?

Das habe ich bereits der Mannschaft am Samstag gesagt. Auch wenn es nur ein kleiner regionaler Teil ist, den wir positiv beeinflussen können. Die Spieler, die Verantwortlichen und Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle werden eine so genannte Gemeinwohl-Klausel in die Verträge aufnehmen. Da dürften wir Pioniere sein. Wir wünschen und regeln das vertraglich, dass sich jeder Spieler im Laufe seines Vertragsjahres sozial engagiert. Das kann jeder so tun, wie er es für richtig hält. Wir werden Vorschläge machen: Blut spenden, Betreuung älterer Leute, im Krankenhaus oder im Kinderheim helfen. Wir werden einen bunten Strauß vorbereiten und dann kann jeder im Laufe eines Jahres das umsetzen.

Bleibt noch Unternehmensführung.

Ich habe in meinem Vertrag eine Vereinbarung getroffen, dass mein Bonus nicht nur vom Tabellenplatz und von Umsätzen abhängig ist, sondern auch vom Erreichen von Nachhaltigkeitszielen. Die werden jetzt definiert.

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Andreas Rettig 2012 mit Gero Bisanz, Franz-Josef Wernze und Erich Ribbeck bei der Ernennung zum Ehrenmitglied der Viktoria.

Klingt ambitioniert.

Wir wollen ein Verein werden, mit dem man sich identifizieren kann. Man muss nicht unbedingt Fan sein, wichtig wäre schon, unseren Ansatz gut zu finden. Am liebsten wäre mir natürlich, wenn die jüngere Generation, die für ökologische und soziale Themen auf die Straße geht, das Gefühl hat, dass es cool ist bei der Viktoria und da am Wochenende gerne hin geht. Ich bin ja der traditionelle Bratwurst- und Bier-Typ beim Fußball. Aber auch das müssen wir begreifen, dass viele Jüngere gar keine Wurst mehr essen. Und auch das zahlt ein auf die Ausrichtung der neuen Viktoria. Wir wollen uns insgesamt nicht überschätzen, aber wir wollen unseren regionalen Beitrag leisten und damit wollen wir anfangen. Es werden kleine Schritte sein, wir werden nicht die Welt verändern, aber wir werden damit beginnen.

Viktoria Köln wird seit Jahren vor allem mit Mäzen Franz-Josef Wernze verbunden. Wie passt das zu Ihrer Haltung gegen Investoren?

Ich muss Sie gleich mehrfach korrigieren. Erstens möchte ich an meine früheren Aussagen – auch als DFL-Geschäftsführer – zu Investoren erinnern. Diese sind nämlich herzlich willkommen, sie müssen sich nur an die Regeln halten. Zweitens: Herr Wernze ist kein Investor. Denn ein solcher investiert, um einen Return on Investment zu erhalten. Herr Wernze erfreut sich jedoch an einer emotionalen Rendite und verfolgt einen eher altruistischen Ansatz bei der Viktoria.

Kann die Viktoria auch bestehen, sollte eines Tages Franz-Josef Wernze die Unterstützung einstellen?

Herr Wernze ist ein erfolgreicher Unternehmer und weiß, wie wichtig Nachfolgeregelungen sind. Und eine gute Managementqualität zeichnet sich dadurch aus, Strukturen und Organisationen zu schaffen, die personenunabhängig funktionieren.

Sie forderten auch einen Bonus bei den TV-Geld-Zahlungen für Vereine, die der 50+1-Regelung Rechnung tragen. Wird dies bei der Viktoria erfüllt?

Diese Forderung haben wir seinerzeit als FC St. Pauli formuliert und einen Antrag gestellt. Das brachte mir im Übrigen die Bezeichnung „Schweinchen Schlau“ von Rudi Völler ein. Viktoria erfüllt vollumfänglich die 50+1-Vorgaben.

Sie haben jahrzehntelang die sportlichen Entscheidungen getroffen: Müssen nun Sportvorstand Franz Wunderlich und der sportliche Leiter Marcus Steegmann um ihre Jobs fürchten?

Solange es sportlich läuft nicht… (lacht)

Wie wollen Sie Viktoria auf dem Kölner Fußball-Markt neben dem FC und Fortuna platzieren?

Der Klub heißt deshalb 1. FC Köln, weil er der erste Fußball-Club in der Stadt ist und dies wird er auch ungeachtet auch manch negativer Entwicklung bleiben. Die Fortuna genießt bei mir persönlich Sympathien, auch wenn ich um das rivalisierende Verhältnis der Fans weiß. Ich jedenfalls werde mich für eine gute Nachbarschaft zu beiden Klubs einsetzen.

Viktorias größtes Problem ist sicherlich das Stadion: Welche Priorität auf Ihrer Agenda hat ein Stadionneubau?

In der aktuellen Zeit, in Kenntnis der wirtschaftlichen Situation der Stadt, gibt es richtigerweise eine andere Ausgaben-Priorisierung als vor der Pandemie.

In der 3. Liga leben fast alle Vereine über ihre Verhältnisse, um den Aufstieg zu schaffen. Wie wollen Sie da an Ihrem Grundsatz der wirtschaftlichen Vernunft festhalten?

Ganz einfach. Indem wir – wie alle seriösen Unternehmen – die Kosten den Erlösen angleichen.

Haben Sie einen Stufenplan? Wann sollte der Aufstieg gelingen?

Den ersten Aufstieg werden wir schon vor meinem ersten offiziellen Arbeitstag realisieren. Wir ziehen nämlich in diesen Tagen vom Erdgeschoss in die dritte Etage. Ich hoffe, dass mir dann auch ein Büro zugewiesen wird. Es muss nicht groß sein und ein Schild am Parkplatz brauche ich auch nicht. Wir sind hier ja nicht beim DFB (lacht).

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