„Es tut mir weh“ Bierhoff mit emotionaler Brandrede gegen die Löw-Kritiker

Löw-Leipzig

Joachim Löw grüßt bei seiner Ankunft am Teamhotel in Leipzig.

Leipzig – Zum letzten Mal in diesem Jahr hat sich die Nationalmannschaft für einen Länderspiel-Dreierpack versammelt. Doch dass in den nächsten acht Tagen zwei Duelle in Leipzig sowie ein Spiel in Sevilla auf dem Programm stehen, ist vielen Fußball-Fans ziemlich egal. Die Mannschaft von Joachim Löw (60) hat in den zurückliegenden Monaten viel Kredit verloren. Und das wiederum kann Oliver Bierhoff (52) überhaupt nicht verstehen.

Der DFB-Direktor, zu dessen Hauptaufgaben die Positionierung der Nationalmannschaft gehört, holte am Montag nach der Ankunft in Leipzig gleich zur langen Brandrede aus. „Wir haben Sympathien verspielt. Derzeit sind wir einfach nicht Deutschlands liebstes Kind und nicht das Lagerfeuer, das ist einfach Fakt“, räumte Bierhoff ein. Allerdings fühlt er die Spieler und die Mannschaft als solche auch falsch behandelt.

Baku-Leipzig

Einer der Neulinge im deutschen Kader: Wolfsburgs Ridle Baku trifft am Teamhotel ein.

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„Es tut mir sehr weh, wie mit den jungen Spielern umgegangen wird“, sagte der Europameister von 1996 in seinem viertelstündigen Monolog. Er spüre, „wie eine dunkle Wolke über der Mannschaft“ schwebe, so Bierhoff weiter: „Ich bin in der Kabine und sehe müde Gesichter, Anspannung und Frust, weil nicht immer alles so geht, wie man will.“

Es tue ihm weh, dass der von Bundestrainer Joachim Löw vollzogene Umbruch und der Wille der jungen Spieler nicht genug honoriert und unterstützt werde, kritisierte Bierhoff: „Man kann gerne Jogi und mich als Verantwortliche kritisieren, aber die jungen Spieler haben unser Vertrauen verdient – und sie werden es zurückzahlen.“

Oliver Bierhoff: „Über der Mannschaft schwebt eine dunkle Wolke“

Bierhoff beklagt die „Tonalität“, mit der über die Löw-Truppe gesprochen wird. „Ja, wir haben die Fans bei der WM 2018 tief enttäuscht. Es ist wie im richtigen Leben: Wir müssen Vertrauen zurückerobern. Das geht nicht durch einen Slogan oder einen Fingerschnipp.“

Einmal in Rage, legte der DFB-Direktor nach. „Keiner von den Spielern bräuchte die Spiele bei der Nationalmannschaft. Ein Toni Kroos erhofft sich durch die Nominierung nicht mehr Geld oder Ruhm. Ein Joshua Kimmich – auch wenn er jetzt verletzt ist – könnte auch bei seinen zwei kleinen Kindern sein, statt hier Gas zu geben. Trotzdem erfahren diese Spieler teilweise hämische Kritik. Die Spieler begeben sich zehn Tage in die Coronaschutz-Blase, sitzen an getrennten Tischen beim Essen. Es geht nicht um Mitleid. Wir sind in einer herausgehobenen Position und verdienen viel Geld. Aber es sind auch Menschen.“

Nach den enttäuschenden Länderspielen im September und Oktober hatten vor allem Weltmeister früherer Jahre wie Lothar Matthäus, Olaf Thon oder Jürgen Kohler Kritik an der Arbeit von Löw & Co. geäußert.

Zudem leidet die Auswahl unter dem negativen Image des Verbandes, der von einem Skandal in den nächsten stolpert. „Das hat sicher auch nicht dazu beigetragen, dass das Bild besser wird“, musste DFB-Präsidiumsmitglied Bierhoff gestehen. „Wir kommen mit der Mannschaft in das Fahrwasser von anderen Themen“.

Ilkay_Rüidger

Die zwei England-Legionäre bei ihrer Ankunft am Teamhotel: Ilkay Gündogan und Antonio Rüdiger

Überzeugen können am Ende aber nur gute Spiele und positive Ergebnisse. „Wir wollen den Menschen wieder die Freude am Fußball vermitteln. Das spürt man leider gerade nicht. Deshalb sollten wir mit einer Stimme sprechen. Und letztlich geht es nur über Ergebnisse auf dem Platz. Da müssen wir leisten, da müssen wir da sein auf den Punkt“, sagt Bierhoff.

Gegen Tschechien (Mittwoch), die Ukraine (Samstag) und in Spanien (Dienstag) können die Spieler nun Bierhoffs forschen Tönen Taten folgen lassen.

Lothar Matthäus: Löw muss sich Kritik gefallen lassen

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus (59) kann sich übrigens die Ablösung von Joachim Löw vor der EM trotz der zuletzt aufgekommenen Kritik nicht vorstellen. „Joachim Löw wird bei der EM 2021 mit Sicherheit Trainer der deutschen Nationalmannschaft sein“, sagte Matthäus bei Sky.

Dass so mancher inzwischen unzufrieden mit Löws Arbeit sei, könne er nachvollziehen. „Er ist über zehn, zwölf Jahre nur gelobt worden. Danach haben die Ergebnisse nicht mehr gestimmt, einige Entscheidungen waren nicht mehr so glücklich“, sagte Matthäus: „Deswegen muss sich auch ein Bundestrainer, der sehr viel für den deutschen Fußball getan und sehr erfolgreich gearbeitet hat, Kritik gefallen lassen.

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