„Gleichgültig, uninspiriert, willenlos“ Nagelsmann: Harte Kritik an faulen Jung-Stars

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Immer unter Strom: Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann, hier beim Spiel gegen Gladbach am 27. Februar, ist besessen vom Erfolg.

Köln – Wie schaffen es junge Fußballer, ihren Traum von der Profi-Karriere zu verwirklichen? Welche Tipps haben erfahrene und erfolgreiche Trainer für die Stars von morgen. Sportjournalist und Spielerberater Kai Psotta (40) hat sich zu dem Thema mit zahlreichen Experten unterhalten. Sein neues Buch „Kicken wie die Profis“ (Heyne, Taschenbuch, 288 Seiten, 10,99 Euro) gibt einen tiefen Einblick.

  • Julian Nagelsmann mit deutlicher Kritik an Jung-Stars
  • Auszüge aus dem Buch „Kicken wie die Profis“
  • Darum schwärmt der Leipzig-Coach von Joshua Kimmich

EXPRESS dokumentiert exklusiv Auszüge aus dem Buch. Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann (33) wählt darin deutliche Worte, um seine Kritik an gleichgültigen Jung-Fußballern zu äußern.

Im Spätherbst des vergangenen Jahres gab es eine Trainingseinheit in Leipzig, bei der ich mich ärgern musste. Ein paar der Jugend-Spieler, die die Chance bekommen hatten, mit unseren Profis zu trainieren, haben mich mit der Art und Weise, wie sie sich präsentierten, erschüttert. Ihr Auftreten war gleichgültig, uninspiriert, willenlos. Sie haben die einmalige Chance, die ihnen gegeben wurde, nicht verstanden. Das hat mir ziemlich zu denken gegeben.

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Bayerns Joshua Kimmich (hier beim Spiel gegen Lazio Rom im Februar 2021) ist für Julian Nagelsmann ein Vorzeige-Profi: immer engagiert, immer voller Einsatz.

Zwischen 2008 und 2013 war ich selbst Nachwuchstrainer. Seither haben sich, zumindest habe ich das Gefühl, Dinge grundlegend verändert. Die Einstellung ist anders geworden. Das Leben unserer Jugend wird in einem viel höheren Maße von Instagram und TikTok beeinflusst, als das noch vor fünf, sechs Jahren der Fall war. Diese Apps führen dazu, dass jungen Leuten heutzutage die Gabe fehlt, stetig an etwas zu arbeiten.

Sie starren ins Handy, werden mit einer unglaublichen Reizüberflutung konfrontiert, sodass sie wahnsinnig schnell ein Gefühl von Langeweile entwickeln. Sobald sie ein Video nicht mehr interessiert, wischen sie es weg und gucken sich das nächste für den Bruchteil von Sekunden an. Unsere Kinder, und das betrifft ja die gesamte Gesellschaft, rutschen in eine Wischund-Weg-Generation – mit einer sich stetig verkürzenden Begeisterungsfähigkeit.

Julian Nagelsmann: Jugendlichen fehlt die Freude und Beharrlichkeit

Es ist gar nicht so lange her, da reichte ein Ball und eine Garagenwand, um sich stundenlang zu beschäftigen. Der Wille war da, den Ball länger jonglieren zu können als am Vortag. All das geht in unserer heutigen Zeit mehr und mehr verloren. Und entsprechend fehlt unseren Kindern und Jugendlichen die Freude und Beharrlichkeit, nachhaltig an etwas zu arbeiten, um sich einen Traum zu erfüllen. Das muss ich leider im Training vermehrt feststellen.

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Kai Psotta: „Kicken wie die Profis. Alles, was du auf dem Weg zum Bundesligastar wirklich wissen musst“. Mit den wichtigsten Tipps und Tricks von den besten Profimachern

Klar begeistern sie auch mal mit guten Aktionen. Aber aussagekräftiger ist das Verhalten nach den schlechten: Denn dann wird oftmals stehen geblieben, die aktive Rückeroberung oder das Gegenpressing bleiben aus. Anstatt sich zu zerreißen, um sich die nächste Aktion selber zu erarbeiten, warten sie, was passiert, in der Hoffnung, um bei meiner Metapher zu bleiben, dass das nächste Bild schon von alleine kommt und man allenfalls hinklicken muss.

Julian Nagelsmann: Joshua Kimmich ist ein Paradebeispiel für Wille und Leidenschaft

Das Paradebeispiel für Wille und Leidenschaft ist Joshua Kimmich. Der braucht keinen Beinschuss beim Gegner, um zu glänzen. Sein Elixier ist der Sieg. Dafür zerreißt er sich, obwohl seine Titelsammlung schon längst das Dutzend voll hat, er den Champions-League-Pokal in die Luft stemmen durfte. Er ist Millionär – aber mit unbändiger Lust am Gewinnen. So müssen Sportler sein. Diese Gier fehlt mir bei vielen Talenten, die ich aktuell sehe.

Mit meiner Frau Verena und meiner Mutter Burgi gibt es ein Thema, bei dem wir häufiger in Diskussionen geraten. Immer dann, wenn sie mir sagen, ich müsse auch mal ein Spiel verlieren können. Denn diese Eigenschaft will und werde ich mir nie aneignen. Wer ein Spiel anfängt zu spielen, ganz gleich, was es ist, der spielt, um zu gewinnen. Das gilt für das Gesellschaftsspiel Mensch ärgere dich nicht ebenso wie für Fußball. Wenn ich nicht gewinnen will, dann brauche ich nicht zu spielen. Es geht in jedem Spiel darum zu gewinnen. Was stimmt: Man muss akzeptieren, dass es auch Niederlagen gibt. Man muss mit ihnen umgehen können. Aber man muss nicht „verlieren können“.

Julian Nagelsmann: Jüngere sollten auf kleineren Feldern spielen

Ich finde, dass man im unteren Nachwuchsbereich, also in den wirklich jungen Jahrgängen, auf viel kleineren Feldern spielen und trainieren sollte. Damit die Kinder viel mehr Ballaktionen haben. Damit das Eins gegen Eins besser geschult wird. Der kleine Raum hilft, weil sie gar nicht die Kraft haben, als Spieler einer U14 den Ball bei einer Ecke auf dem Großfeld reinzubringen oder einen Flugball über diese Distanzen zu spielen.

Wir sollten im Nachwuchsbereich die Rahmenbedingungen so ändern, dass wir wegkommen von viel zu großen Feldern mit viel zu vielen Spielern und viel zu wenigen Ballaktionen. Je höher es dann geht – ich denke an den Bereich ab der U17 – desto mehr sollte der Fokus aufs Gewinnen gelegt werden.

Ich achte übrigens sehr oft darauf, wie meine Spieler mit Sieg und Niederlage umgehen. Ich möchte sehen, was ihnen Siege bedeuten. Ich möchte echte Freude spüren. Wer das Gewinnen nicht liebt, der wird nie ein Siegertyp. Und ich beobachte auch ihren Umgang mit einer Niederlage. Deshalb akzeptiere ich es nicht, wenn es keinen merklichen Unterschied in der Gestik, Mimik, in den Aussagen, im Verhalten meiner Spieler nach Siegen beziehungsweise Niederlagen gibt. Der Umgang muss spürbar anders sein. Wer in beiden Fällen gleich agiert, wird in meinen Augen niemals ein Gewinner sein. Ich will dabei aber keine Schauspielschule sehen. Es muss echt sein.

Natürlich kann eine Mannschaft nicht nur aus Kimmichs bestehen. Aber es wäre gut für uns, wenn wir in Deutschland mehr von seiner Sorte hätten. Daher kann ich nur empfehlen, dass sich Talente bewusst damit auseinandersetzen, was es für sie bedeutet zu gewinnen, und was eine Niederlage auslöst. Was gar nicht geht: Wenn zwei Profis beim Fußball-Tennis gegen den Trainer und Co-Trainer verlieren und zwei Minuten später witzelnd durch die Gegend laufen, so als sei gar nichts passiert.

Siege lösen bei mir ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit aus. Sie setzen eine wohlige Wärme frei. Eine Bestätigung, dass die investierte Arbeit gut war. Niederlagen hingegen lösen bei mir oftmals ein Schamgefühl aus. Ich schäme mich dafür, dass unser Matchplan falsch war, dass ich zu wenige Gespräche mit meinen Spielern geführt habe. Das ist ein ekliges Gefühl, das will niemand haben.

Talente müssen heute spüren und hören, wie wichtig Charakter, Wille und Leidenschaft sind. Und zwar nicht nur von ihren Trainern, die sowieso schon ständig sprechen. Werdet euch bewusst, welche Chance ihr habt, wenn ihr es bis in eine U17 oder U19 geschafft habt. Ruht euch nicht aus! Brennt! Bleibt dran! Und wenn ihr schon ins Handy starrt, dann guckt euch diesen Kimmich an, wie er schreit und brüllt und kämpft und niemals nachlässt.

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