Beim DFB herrscht das große Chaos „Dieser Laden ist nicht mehr zu retten“

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DFB-Präsident Fritz Keller (hier bei einer Pressekonferenz Anfang Dezember) hat derzeit einen schweren Stand im Verband.

Frankfurt – Seit Anfang November sind Millionen Fußballer in Deutschland zum Nichtstun verdonnert. Der Teil-Lockdown hat den Amateur- und Breitensport lahmgelegt: keine Spiele, kein Training. Während von den Bambinis bis in die Mittelrheinliga der Betrieb ruht, werden beim obersten Verband aller Fußballer die Zweikämpfe so intensiv geführt wie lange nicht mehr.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der eigentlich über 7 Millionen Mitglieder repräsentieren soll, präsentiert sich zum Jahresausklang außer Rand und Band. EXPRESS blickt hinter die Kulissen des schwerfälligen Tankers an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt. Während bei den Vereinen an der Basis die Verantwortlichen um den Fortbestand ihrer Klubs bangen, geht es den Verbandsfürsten im Stadtwald vor allem um Macht, Geld und Reputation.

An der DFB-Spitze steht seit dem 27. September 2019 mit Fritz Keller der 13. Präsident. Ob es an dieser Unglückszahl liegt, dass sich die Amtszeit des Winzers aus dem Breisgau gefühlt schon wieder auf der Zielgeraden befindet, ist wohl nur Zufall. Keller hat seine Unterstützer selbst verloren. Der 63-Jährige präsentiert sich auf der einen Seite zwar nett und zugänglich, gleichzeitig jedoch auch wankelmütig und ohne Führungsqualität. „Sein Verhalten als Präsident ist indiskutabel. Er ist als Teamplayer angetreten und macht nur noch Alleingänge“, sagt ein hochrangiges Präsidiumsmitglied – anonym allerdings.

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Tiefe Gräben innerhalb des DFB-Präsidiums

Damit wäre eins der größten Probleme in der Verbandsspitze schon benannt. In den vergangenen Wochen verging kaum ein Tag, in dem nicht konkrete Details aus Sitzungen oder aus persönlichen Gesprächen öffentlich wurden. Intrigen und Ellbogenkämpfe sind beim DFB an der Tagesordnung. Die Gräben sind tief, und es ist nur noch die Frage, wer zuerst stürzt.

Da ist zum Beispiel Generalsekretär Friedrich Curtius (44). Seit dieser zu Hause beim Gardinen-Aufhängen von einer Leiter fiel, ist er mit doppeltem Ellbogenbruch und einer Handfraktur krankgeschrieben. Im Januar soll der frühere Büroleiter von Wolfgang Niersbach (70) zurückkehren. Doch Keller möchte Curtius – dem Vernehmen nach mit Unterstützung der Liga – aus dem Amt jagen. Mit Büroleiter Samy Hamama ist ein Schattenmann schon an Kellers Seite.

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Das Verhältnis zwischen Generalsekretär Friedrich Curtius (l.) und DFB-Präsident Fritz Keller (hier ein Foto von der DFL-Versammlung im März) ist zerstört.

Fraglich ist nur, ob Keller überhaupt die nötige Rückendeckung für einen Curtius-Sturz finden würde. Denn mit dem Vize-Präsidenten Dr. Rainer Koch (61) und Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge (50) gibt es weitere Gegenspieler des Präsidenten im nächsten Umfeld. Viele Insider erwarten gar Anfang kommenden Jahres ein Misstrauensvotum gegen den Präsidenten, der sich nicht nur in der Causa Joachim Löw verrannt hat.

Fritz Keller verärgerte seine Mitstreiter nach 0:6 in Spanien

Kellers Verhalten nach dem 0:6 in Sevilla verstörte seine Mitstreiter. Nach der Partie rauschte der Boss zunächst in die Mannschaftskabine, um dort seine Brandrede zu halten. Vize Peter Peters (58), Osnabrügge und Koch warteten derweil vor der Arena im Shuttle-Fahrzeug. Als der Präsident nicht erschien, fuhr das Trio nach längerer Wartezeit alleine zurück zum Hotel. Dort saß Keller bereits im Speisesaal. Als er seine Präsidiumskollegen erblickte, stand er auf und ging mit Verweis auf seine Müdigkeit auf sein Zimmer. Am nächsten Tag sprach Keller alleine mit Löw und DFB-Direktor Oliver Bierhoff, rauschte anschließend mit dem Bundestrainer ab nach Freiburg.

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Mirjam Berle ist seit Anfang Oktober für die Kommunikation beim DFB verantwortlich.

In dem Moment offenbarte sich ein weiteres Keller-Problem. Seine auf sein Geheiß eingestellte neue Medien-Direktorin Mirjam Berle (46), die am 1. Oktober den Posten übernommen hatte, verfasste eine Presseerklärung, die Löw aufwühlte, ihn anzählte und die Erwartungen einer Entlassung oder eines Rücktritts schürte. 13 Tage später, nach dem Treffen des Bundestrainers mit dem DFB-Präsidialausschuss, setzte sich Berle erneut an die Tastatur und verfasste eine erneut rätselhafte Erklärung, in der Löws Arbeit übertrieben gelobt wurde und die die Fans wieder ratlos zurückließ.

Berle, vor ihrem DFB-Engagement für Goodyear, Thalia und Lufthansa tätig, wirkt mit dem Intrigen-Netz beim Verband und den starken Alphatieren wie Löw und Bierhoff völlig überfordert. Bei Kennenlernrunden brachte die passionierte Marathonläuferin einen Turnschuh mit, die DFB-Mitarbeiter erhielten nach der massiven Steuerrazzia auch schon motivierende Sprüche von ihr zugesandt. Doch in den Abendstunden oder am Wochenende sei die Medien-Direktorin angeblich selbst für Präsidiumsmitglieder schwer erreichbar.

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DFB-Direktor Oliver Bierhoff sprach am Freitag 90 Minuten lang über die Lage bei der Nationalmannschaft.

Dass öffentlich wurde, dass Keller mehrfach erfolglos versucht haben soll, den Bundestrainer von einem Rücktritt nach der EM 2021 zu überzeugen, hat das Verhältnis zwischen dem obersten DFB-Funktionär und Deutschlands mächtigstem Trainer beschädigt. Der Vorstoß des Präsidenten in dieser Frage – ohne Rückendeckung seiner Mitstreiter – wurde zum Eigentor.

Fritz Keller plant PR-Offensive in eigener Sache

„Fritz Keller hat in der Präsidiumssitzung klar moniert, dass immer wieder Interna nach außen gegeben werden und dazu aufgerufen, dass das nicht mehr passieren darf“, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff (52). „Wir haben den Bundestrainer dadurch in eine missliche Lage gebracht, das müssen wir abstellen. Wir reden von Transparenz, wir reden von Satzung und Gremien. Umso größer der Kreis ist, umso schwerer kann man kontrollieren, wie viele Nachrichten nach außen dringen“. Eine umfangreiche Medien-Offensive soll Kellers Position stärken. Der Präsident plant Auftritte in Talkshows, in Radiosendungen und Podcast-Formaten und soll zudem Gastbeiträge in Zeitungen verfassen.

Weiteres Sprengkraft-Potential haben die erneut angestellten Untersuchungen. Die externe Untersuchung der Kanzlei Freshfields, die die Affäre um die WM-Vergabe 2006 aufklären sollte, belastete den DFB-Etat bereits mit 5,11 Millionen Euro. Konkrete Ergebnisse, wofür das WM-Organisationskomitee seinerzeit den strittigen Betrag von 6,7 Millionen Euro überwiesen hat, konnten auch 42 beschäftigte Anwälte nicht liefern.

Keller gab ein weiteres Urteil der Detektei Esecon in Auftrag. Wieder muss der Verband mit 3,5 Millionen Euro eine stattliche Summe für die Recherchearbeit zahlen. Konkrete Neuigkeiten im Zusammenhang mit der WM-Vergabe 2000 sollen dem Vernehmen nach nicht ans Tageslicht gekommen sein. Der Präsident irritierte dennoch mit einem medialen Freispruch für Franz Beckenbauer (75). Curtius will den kompletten Bericht veröffentlicht wissen, Keller soll die Esecon-Erkenntnisse lieber im kleinen Kreis belassen.

Unbesetzter Sitz im FIFA-Council reizt Verbands-Fürsten

Bleiben noch die Pöstchen-Interessen. DFL-Vorstand Christian Seifert (51) scheidet bekanntlich im Juni 2022 aus, der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Peter Peters (58) könnte aufrücken. Zudem verzichtete Keller bisher auf einen Sitz im FIFA-Council, im kommenden Jahr soll jedoch ein deutsches Mandat angestrebt werden. Allerdings wird Peters der desaströse Zustand des FC Schalke 04  mit angekreidet. Außerdem hat er bei der Strukturdebatte nach dem Ausscheiden von Reinhard Rauball (73) bei der DFL nicht die beste Figur abgegeben. Ob der frühere Journalist der geeignete Kandidat ist, den deutschen Fußball international zu vertreten und über den Bundestrainer zu diskutieren, darf bezweifelt werden.

„So desaströs wie die Pressearbeit ist die gesamte Lage beim DFB“, urteilte in dieser Woche der frühere Kommunikations-Direktor Harald Stenger (69) über die Vorgänge. Nicht nur er betrachtet die Entwicklungen bei seinem früheren Arbeitgeber mit Sorge. „Wir wissen auch, dass wir uns bei der Kommunikation an der einen oder anderen Stelle verbessern müssen“, sagt Bierhoff dazu. „Dieser Laden ist nicht mehr zu retten. Der geht komplett hoch und übrig bleibt das komplette Chaos“, prophezeit ein hochrangiger Mitarbeiter. Den Fans an der Basis bleibt nur noch fassungsloses Kopfschütteln. Um Fußball geht es nämlich schon lange nicht mehr.

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