Christoph Daum im Interview Das ist faul beim DFB und der Nationalmannschaft

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Christoph Daum beim Besuch in der EXPRESS-Redaktion.

Köln – Acht Monate vor der Europameisterschaft schlägt die Kritik um Joachim Löw (60) hohe Wellen. Immer mehr Experten melden sich zu Wort, bemängeln die Arbeit des Bundestrainers.

EXPRESS begrüßte Trainer-Legende Christoph Daum (66) zum großen Interview. Vor 20 Jahren wäre er beinahe Bundestrainer geworden, ehe die Kokain-Affäre diesen Traum zerstörte. In seiner Biografie „Immer am Limit“ hat Daum diese Enttäuschung aufgearbeitet.

Wie beurteilen Sie derzeit die Arbeit von Joachim Löw?

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Jogi Löw baut eine neue Mannschaft auf, muss viel ausprobieren. Im Augenblick werden alle Maßnahmen von ihm bedingt durch das schlechte Abschneiden bei der WM 2018 äußerst kritisch beäugt. Und so bekommt plötzlich ein Wettbewerb wie die Nations League, der eigentlich überflüssig ist, eine Bedeutung, die ich nicht nachvollziehen kann.

Das Interesse an der Nationalmannschaft geht aber dramatisch zurück.

Das hat viele Ursachen. Das liegt nicht daran, dass wir 3:3 gegen die Türkei mit einer B-Mannschaft spielen. Der Grund liegt darin, dass der gesamte DFB in den vergangenen drei, vier Jahren kein sympathisches Bild abgegeben hat. Erst die Problematik um die WM 2006, zudem ein Präsident, der sich mit Uhren nicht auskannte und zurücktreten musste. Dann gab’s ein schlechtes Krisenmanagement um Mesut Özil und Ilkay Gündogan und viele Fragen und Fehler um die gesamte WM in Russland. Der Bundestrainer belastete sich mit in meinen Augen überzogenen Selbstvorwürfen. Der Neuaufbau begann schließlich mit der merkwürdigen Verabschiedung von Boateng, Hummels und Müller. Das ist auch nicht gut angekommen. Schließlich aktuell die Steuersache mit groß angelegter Hausdurchsuchung. Das zeichnet kein gutes Bild vom Gesamtzustand des DFB und dazu gehört auch die Nationalmannschaft.

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EXPRESS-Sportchef Marcel Schwamborn zeigte Christoph Daum den neuen Newsroom.

Wie lautet Ihre Zukunfts-Prognose?

Wir müssen die Planung auf die EM 2024 im eigenen Land ausrichten. Bis dahin wird es eine Durststrecke. Für diese Haltung wurde ich schon weggenagelt. Wir sind so erfolgsverwöhnt. Für viele war das Abschneiden 2018 nur ein Ausrutscher, der beim nächsten Turnier wieder korrigiert wird. Das stimmt aber mitnichten. Man sollte den Mut haben, sich der öffentlichen Erwartungshaltung entgegenzustellen. Der kurzfristige Erfolg ist zwar immer sehr wichtig. Aber es braucht Geduld, bis sich diese Mannschaft wieder eingespielt hat. Für mich kann im Moment nichts Homogenes dabei heraus kommen. Das ist ein Entwicklungsprojekt und die Ergebnisse sind nachrangig.

Olaf Thon fordert das Ende der Ära Löw im kommenden Jahr.

Der erste fängt mit Kritik an, da muss der nächste noch einen draufsetzen. Das Bild, das der DFB und die Nationalmannschaft abgeben, ist nicht positiv. Aber man sollte mit Augenmaß und Planung reingehen. Jogis Vertrag läuft bis 2022. Wir sollten ihn unterstützen. Ich gehe davon aus, dass danach die Sache beendet ist. Daher gibt es jetzt einen Vorlauf, um einen möglichen Kandidaten zu suchen.

„Mögliche Nachfolger für Joachim Löw? Ralf Rangnick oder Jürgen Klopp!“

Wen sehen Sie als mögliche Nachfolger?

Ich weiß nicht, ob sich ein Ralf Rangnick das vorstellen könnte. Wie plant Jürgen Klopp seine weitere Karriere nach der Liverpool-Zeit? Diese beiden stehen für Aufbruch. Diese Gespräche muss man nun führen. Da kommt es drauf an, dass man kompetente Leute beim DFB hat, die nun rechtzeitig die Weichen stellen.

Heißt: Löw könnte in Ihren Augen selbst nach einem erneuten Turnier-Desaster 2021 bleiben?

Wir sind gut beraten, wenn wir die Umbruchsituation bis 2022 mit Joachim Löw gehen. Man sollte den Spielern das Vertrauen aussprechen. Es ist auch für sie schwierig, Bestleistungen zu zeigen, weil keine gute Stimmung herrscht. Wichtig ist, dass Jogi bei der EM die Gruppenphase übersteht, danach spielt auch Glück eine Rolle.

„Müller, Boateng und Hummels hätten Löws Lebensversicherung sein können“

Diskutiert wird auch über eine mögliche Rückkehr von Müller, Boateng oder Hummels.

Joachim Löw hätte mit den drei empathischer umgehen und sich ein Türchen offenhalten sollen. Ich hätte nicht diese Endgültigkeit an den Tag gelegt. Wenn plötzlich extremer Handlungsbedarf besteht durch Verletzungen oder Formschwächen, hätte ich eine Art Lebensversicherung gehabt. Die hätte ich nicht ohne weiteres aufgegeben.   

Wäre für Sie – 20 Jahre nachdem der Traum platzte – der Job des Bundestrainers nicht mehr denkbar?

Man kann die Uhr nicht zurückdrehen. Dieses Fass will ich nicht mehr aufmachen. Womöglich würde bei einer Umfrage sogar ein gewisser Prozentsatz für den Bundestrainer Christoph Daum stimmen. Aber das möchte ich nicht. Ich kann mir verschiedene Funktionen beim DFB vorstellen, wo ich mit meiner Erfahrung und meinem Wissen gewinnbringend unterstützen kann. Ich möchte mich gerne an der Weiterentwicklung des Fußballs beteiligen, ob beim DFB oder bei der Akademie.

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