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Ur-Borusse im Interview: Herrmann im Babyglück: „Schwierig, einen Namen zu finden“

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Patrick Herrmann nach einem seiner Tore gegen den FC Augsburg.

Foto:

imago images/Jan Huebner

Mönchengladbach -

Kann man besser gelaunt sein als Patrick Herrmann zurzeit? Wenige Tage nach seinem Doppelpack gegen Augsburg nimmt er Platz im Borussia-Park zum GladbachLIVE-XXL-Interview. Sportlich läuft es bei Herrmann, dazu die Tabellenführung mit den Fohlen. In wenigen Wochen kommt das erste Kind. Doch der 28-Jährige spricht auch ausführlich über die Jahre, als es so gar nicht rund lief.

Wenn jemand Vater wird, gibt ihm das oft einen Mega-Schub. Bei Ihnen ist es bald so weit. Und nach dem Gala-Auftritt gegen Augsburg muss man sich ja fragen: Wie gut soll Patrick Herrmann erst drauf sein, wenn der Nachwuchs da ist?
Ich habe auch schon gehört, dass es so sein soll. Aber noch kann ich das nicht beurteilen. Ich habe gerade erst mit Lars Stindl darüber gesprochen, wie das ist, wenn der Kleine dann da ist. Es wird ein neuer Lebensabschnitt, ich freue mich drauf. Viel wird sich ändern, aber es wird eine schöne Zeit.

Wie lange dauert es noch?
Ausgezählt ist er am 4. November. Aber es ist ja nicht unüblich, dass ein Kind mal zwei Wochen früher kommt. Dass es ein Junge wird, wissen wir von den 3D-Ultraschallbildern. Die sind schon beeindruckend.

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Haben Sie sich schon einen Namen überlebt?
Ja, Leonard! Es ist immer schwierig, einen Vornamen zu finden, der zum Nachnamen passt …

… gerade dann, wenn man einen Vornamen als Nachnamen hat.
Genau! Die „Herrmann Herrmann“-Witze haben wir auch schon gemacht. (lacht)

Nun läuft es sportlich auch wieder richtig gut bei Ihnen – und bei Borussia. Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie sich seit Sonntag die Tabelle angeguckt?
Gar nicht so oft. Man sieht sie zwar ab und an im Internet. Aber bewusst schaue ich jetzt nicht. Natürlich darf man sich drüber freuen, nur mehr ist es im Endeffekt nicht. Wir müssen weiter hart an uns arbeiten und die Fehler abstellen, die auch gegen Augsburg da waren. Bei so einem Ergebnis hat man es vielleicht nicht gesehen, aber es gibt noch einiges zu verbessern.

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Was muss noch besser werden?
Wir haben das Anlaufen vorne schon gut umgesetzt. Wenn ich mich selber nehme, habe ich gleich ein paar Situationen im Kopf, in denen ich nicht richtig angelaufen bin: Mal habe ich nicht abgekappt nach außen, oder ich habe abgekappt, obwohl Stevie Lainer schon da war. Das ist nicht unnormal, aber wir wollen das noch abstellen. Solche Lernprozesse gibt es bei allen.

Am Sonntag haben wir gleich gecheckt, wann Sie das letzte Mal einen Doppelpack erzielt haben. Dabei ist uns nochmal Ihre Leidensgeschichte ins Auge gefallen. Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken und dann an das Spiel gegen Augsburg, was bedeutet Ihnen das?
Nach all den Verletzungen tut es einfach gut, mal wieder so ein Spiel abzuliefern. Zwei Tore waren ja etwas länger her. Es tut gut, zu merken: Man kann es noch. In der Zeit nach den großen Verletzungen habe ich weniger gespielt, bin oft nur kurz reingekommen. Dann kamen vielleicht mal ein, zwei Spiele über 90 Minuten. Aber im Endeffekt fehlte ein wenig die Kontinuität.

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Was haben Sie als Mensch gelernt in der Zeit?
Dass es auch wichtigere Dinge gibt im Leben. Klar, ich bin ein Fußball-Fanatiker. Aber es gibt auch noch Familie und Gesundheit, die über allem stehen. In einer Zeit, in der man selbst viele Schmerzen hat, lernt man das erst richtig zu schätzen. Ich wusste ja nicht, ob ich fußballerisch nochmal auf richtig gutem Niveau spielen kann und die Verletzung richtig ausheilt.

Gab es einen absoluten Tiefpunkt?
Die erste große Verletzung war ein riesiger Schock. Ich bekam den Anruf, dass das Kreuzband ab ist und hatte eine Woche vorher noch Champions League gespielt. Die Ärzte haben überlegt, ob sie operieren sollen oder nicht. Da ist schon die eine oder andere Träne gekullert. Am Ende musste ich entscheiden. So viel Ahnung von medizinischen Dingen habe ich nicht. Deshalb war es eher ein Bauchgefühl, es nicht machen zu lassen. Ich bin zurückgekommen, habe einige Spiele gemacht. Aber dann kam Berlin, im Prinzip ein Unfall …

… Herthas Vedad Ibisevic ist Ihnen unglücklich aufs Bein gefallen …
… genau. Das war ganz hart. Ich war gerade aus dem Kraftraum zurück, hatte mich gefreut, wieder in der Kabine zu sein. Und dann geht der ganze Mist von vorne los. Erstmal konnte ich gar nicht richtig laufen mit dem Spezialschuh nach der OP.

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Patrick Herrmann verletzte sich 2016 in einem Duell mit Herthas Vedad Ibisevic schwer.

Foto:

imago/Sven Simon

Sie haben den Dreiklang angesprochen: Familienglück, Gesundheit, sportlicher Erfolg. All das ist gerade vorhanden.
Auf jeden Fall. Aber das habe ich immer gesagt: Im Fußball geht alles so schnell. Ich wurde immer gefragt, warum ich nicht spiele. Irgendwann wird jeder gebraucht. Man sieht das gerade bei uns mit den Verletzten: Es ist ja nicht nur bei mir so, sondern auch bei Tony Jantschke, der am Wochenende super gespielt hat und jetzt noch mehr gebraucht wird, weil Matthias Ginter sich verletzt hat. Wenn man dann noch gewinnt, ist es umso schöner.

Eine wichtige Rolle für Ihr Wohlbefinden dürfte auch Ihre Frau spielen. Sie sind viel zusammen gereist. Wir erinnern uns an Bilder aus Japan, wo Sie dann auch mal völlig abschalten und den Fußball vergessen. Gerade in schlechten Phasen hilft so ein Partner enorm, oder?
Auf jeden Fall. Nicht nur dann, wenn man verletzt ist. Die Auszeiten vom Fußball muss man sich gemeinsam nehmen. Ich bin das ganze Jahr über hier, gebe Gas, wir analysieren herum. Wenn kein Fußball ist, muss man runterkommen. Deshalb fahre ich gerne weiter weg. Die Hochzeitsreise ging nach Südafrika. Man lernt andere Länder und Kulturen kennen. Das hilft oft auch, schätzen zu lernen, wie gut es einem hier in Deutschland geht.

Freut sich die ganze Familie mit nach so einem Spiel wie gegen Augsburg oder ist das nach all den Jahren „business as usual“?
Meine Mutter hat mir direkt SMS geschrieben – obwohl Sie das Spiel gar nicht sehen konnte, weil sie kein DAZN hat. Mein Bruder schreibt mir sowieso immer. Meine Tante und mein Onkel waren sogar im Stadion. Das ist auch ganz wichtig, nicht nur die Familie hier, sondern auch die im Saarland. Wir sind ja alle unter einem Dach aufgewachsen.

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All das, was Sie jetzt erleben, stand ziemlich auf der Kippe. Ihr Vertrag lief aus, dann haben Sie nochmal einen richtigen Schub bekommen und sich die Verlängerung erarbeitet.
Das war keine einfache Zeit. Dass es ein längeres Gespräch mit dem Trainer gab, ist kein Geheimnis. Danach musste ich mich gedanklich mit einem Wechsel beschäftigen, auch wenn ich es nicht wollte. Ich habe für mich entschieden, dass ich – egal, wie die Prognose ist – versuche, mich durchzubeißen und Gas zu geben. Ich wollte zeigen, dass ich da bin für Borussia und die Mannschaft. Im Winter kam dann das Interesse aus Stuttgart und ich musste mich wieder mit dem Gedanken beschäftigen, zu wechseln. Durch die Verletzungen bin ich auch ein wenig vorgeschädigt. Deshalb hatte ich schon Sorgen, dass irgendetwas passiert und ich noch nichts Neues habe. So ein Unfall kann auch im Training immer passieren. Ich wollte mir gar keine Gedanken darüber machen, aber ich musste.

Hat das Band zwischen Ihnen und Borussia in der Zeit gelitten, weil Ihnen vor Augen geführt wurde, wie hart das Geschäft sein kann?
Das wusste ich vorher schon. Wie gesagt, im Fußball kann es schnell gehen, auch in diese Richtung. Deshalb habe ich alles reingeworfen und gezeigt, dass ich helfen kann. Am Ende ist das belohnt worden. Dass es noch hingehauen hat, war eine riesige Erleichterung.

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Patrick Herrmann kurz vor seinem Bundesligadebüt für Borussia Mönchengladbach im Januar 2010.

Foto:

imago sportfotodienst

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Leute am Niederrhein Sie dermaßen ins Herz geschlossen haben? Für alle sind Sie ein Stück Borussia.
Ich fühle mich ja auch als ein Stück Borussia. (lacht) Elf Jahre bin ich hier, Tony ist noch länger da, Oscar auch schon acht Jahre. Das ist im Fußballgeschäft heutzutage etwas Besonderes. 2008 sind wir aus der zweiten Liga hochgekommen, haben kurz darauf Relegation gespielt und mussten befürchten, dass es schon wieder runtergeht. Und dann kommt dieser Schub für den ganzen Verein. Das ist etwas, das die Fans nie vergessen – Europa League, Champions League, bis zu dem Punkt, an dem wir heute stehen. Für mich ist es wunderschön, daran mitgewirkt zu haben. Wenn solche Spieler noch da sind, wissen die Fans das vermutlich besonders zu schätzen.

Sie haben nun mehr als 300 Pflichtspiele für Borussia. Das hat seit 20 Jahren kein Profi mehr bei Borussia geschafft.
Für mich persönlich ist das auch momentan noch gar nicht so zu fassen. Ich bin mit 17 zur Borussia gekommen, habe im Internat gewohnt, bin in Gladbach zur Schule gegangen und habe davon geträumt, in der Bundesliga überhaupt einmal auf dem Platz zu stehen. Und dann ging auf einmal doch alles ganz schnell. Und dann fragt man sich, wo die Zeit hin ist. Ich habe so viele schöne Erinnerungen. 300 ist schon eine Hausnummer. Jüngst kam Rainer Bonhof zu mir und sagte: ‚Noch wenige Spiele, dann hast du mich eingeholt.‘ Das sollte mir eigentlich gelingen. Rainer ist ein Riesen-Typ, der einen großen Namen hat. An ihm vorbeiziehen zu dürfen, das wäre etwas ganz Besonderes.

Das sind Borussias Rekordspieler:

  • Berti Vogts 528 Einsätze
  • Uwe Kamps 518 Einsätze
  • Herbert Wimmer 460 Einsätze
  • Wolfgang Kleff 421 Einsätze
  • Jupp Heynckes 407 Einsätze
  • Hans-Günter Bruns 402 Einsätze
  • Christian Hochstätter 391 Einsätze
  • Günter Netzer 349 Einsätze
  • Hans-Jörg Criens 344 Einsätze
  • Ewald Lienen 324 Einsätze
  • Wilfried Hannes 323 Einsätze
  • Christian Kulik 321 Einsätze
  • Rainer Bonhof 319 Einsätze
  • Michael Klinkert 314 Einsätze
  • Patrick Herrmann 303 Einsätze
  • Martin Schneider 301 Einsätze

Sie haben in dieser Saison sich zunächst gedulden müssen, um spielen zu dürfen. Ihren ersten Einsatz hatten Sie im Derby gegen Köln. Ihr Trainer bemerkte, er hätte da so ein Flackern in Ihren Augen entdeckt.
Als Gladbacher ist das Derby immer etwas Besonderes. Wir hatten ein Jahr Derby-Pause, dann das Wiedersehen in Köln. Da hat der Trainer wohl gemerkt, dass ich die ganze Woche schon besonders heiß auf das Derby gewesen bin. Und vor dem Spiel auch noch mal. Dann hat er mich ja auch noch gebracht. Danach meinte er, für mich muss jede Woche Derby sein. Egal, ob es wirklich gegen Köln geht.

Wie erklären Sie sich die jüngste Leistungs-Explosion gegen Augsburg, nachdem Borussia zuvor in der Europa League in Istanbul eine enttäuschende Partie abgeliefert hatte?
Das ist schwer zu begründen. Fakt ist, dass wir von der ersten Sekunde das gemacht haben, was der Trainer sehen will. Wir waren aggressiv, haben hoch gepresst und Augsburg in viele Situationen gebracht, in denen sie kaum Lösungen hatten, um sich herauskombinieren zu können. Wir haben immer mehr Druck aufgebaut, frühe Tore geschossen. Wir haben diesen Spielverlauf erzwungen, weil wir alles umgesetzt haben.

Wo kann die Reise hingehen, wenn das der Mannschaft in Zukunft regelmäßig gelingt?
Ich bin ein realistischer Mensch. Jeder Fan darf sich bis zum nächsten Spieltag die Tabelle anschauen. Aber Fußball ist so schnelllebig. Bis zum Saisonende kann noch so viel passieren. Ich halte mich mit Prognosen lieber zurück.

Tony Jantschke und Sie zählen zu den dienstältesten Borussen. Sind Sie auch einer der Bosse in der Kabine?
Das gibt es in der Art nicht mehr. Früher ja, beispielsweise ein Martin Stranzl, der war so einer. Mittlerweile ist das anders, da regelt die Gemeinschaft die Dinge. Diese Bosse wie einen Martin Stranzl haben wir nicht mehr.

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Was hat sich noch geändert zu den Zeiten, als Sie zu den jüngsten Profis in der Kabine zählten?
Die Hierarchien waren deutlicher, krasser. Die älteren Spieler standen über uns, da hat man sich gar nicht getraut, mal Contra zu geben. Früher haben die jungen Spieler nach dem Training alles alleine weggeräumt, heute packen alle mit an. Letzteres finde ich persönlich besser.

Können Sie sich eigentlich vorstellen, in Gladbach auch nach der Karriere zu bleiben?
Ja, auf alle Fälle. Ich denke, ich könnte mich mal so langsam nach einem Grundstück umschauen und hier ein Haus für meine Familie bauen. Das Wunschdenken ist schon, mit der Familie in Mönchengladbach zu bleiben.