Emotionale Botschaft Rüdiger über Rassismus im Fußball: „Es ist bittersüß“

Rüdiger Rassismus

Chelsea-Verteidiger und Nationalspieler Antonio Rüdiger, hier am 18. Mai, äußert sich in einem sehr persönlichem Beitrag über anhaltenden Rassismus im Fußball.

London/Porto – Nationalspieler Antonio Rüdiger (28) hat sich kurz vor dem Champions-League-Finale mit dem FC Chelsea in einem ungewohnt persönlichen Beitrag zu Wort gemeldet. Rüdiger erzählt von seiner Kindheit in Berlin und prangert tiefsitzende Missstände, anhaltenden Rassismus und den Umgang mit Social Media an. Als positives Beispiel lobte er das Verhalten eines ehemaligen Mitspielers.

  • Antonio Rüdiger veröffentlicht sehr persönlichen Beitrag für „The Players' Tribune“
  • Rüdiger gibt intime Einblick seine Kindheit
  • Antonio Rüdiger prangert anhalten Rassismus und Umgang mit Social Media an

Antonio Rüdiger äußert sich in sehr persönlichem Beitrag über anhaltenden Rassismus im Fußball

Kurz vor dem Champions-League-Finale mit dem FC Chelsea und der EM-Vorbereitung mit der Nationalmannschaft hat Antonio Rüdiger fortwährenden Rassismus im Fußball beklagt. In einem sehr persönlichen Beitrag für „The Players' Tribune“ berichtete der Verteidiger von seiner Kindheit im Berliner Bezirk Neukölln und prangerte eine aus seiner Sicht scheinheilige Kultur im Profi-Geschäft an.

„Hin und wieder haben wir eine große Social-Media-Kampagne, und jeder fühlt sich gut mit sich selbst, und dann kehren wir zur Normalität zurück. Nichts ändert sich jemals wirklich“, schrieb Rüdiger, der am Samstag in Porto mit Chelsea gegen Manchester City um den Königsklassen-Titel spielt.

Antonio Rüdiger spricht offen über seine Kindheit in Berlin-Neukölln

Um die Super League innerhalb von 48 Stunden zu verhindern, hätten Presse, Fans und Spieler zusammengestanden, „aber wenn es in einem Fußballstadion oder online offensichtlichen rassistischen Missbrauch gibt, ist das immer kompliziert?“, fragte der 28-Jährige rhetorisch. Seine Antwort: „Vielleicht, weil es nicht nur ein paar Idioten auf der Tribüne sind. Vielleicht, weil es viel tiefer geht“, bleibe Rassismus ein gesellschaftliches Dauerproblem.

Schon als Kind habe er Ausgrenzung erfahren und verinnerlicht. „Ich wurde hier geboren, aber für einige Deutsche werden ich nie ein Deutscher sein“, sei damals eine Lektion gewesen, schrieb Rüdiger, dessen Eltern vor dem Bürgerkrieg in Sierra Leone nach Deutschland geflüchtet waren. „Es ist bittersüß, weil Deutschland meiner Familie
alles gegeben hat“, sagte der 40-malige Nationalspieler.

Antonio Rüdiger prangert scheinheilige Kultur im Profi-Geschäft an

Auch unter Profi-Kollegen sei das Thema Rassismus eine Randnotiz. „Es gibt immer PlayStation, Instagram, Autos, das nächste Spiel – es gibt immer etwas, das uns von harten Gesprächen ablenkt“, sagte Rüdiger.

„Posten, Posten, Posten. Das Gefühl, wir haben etwas getan. Und doch haben wir nichts getan. Nichts verändert sich“, beklagte der Berliner, der von rassistischen Beleidigungen in Italien und persönlichen Anfeindungen in England berichtete.

Antonio Rüdiger lobt Verhalten von Daniele de Rossi

Der Nationalspieler nennt aber auch positive Beispiel. So habe ihn gerade das Verhalten von AS-Rom-Legende Daniele De Rossi (37) nach einem Derby gegen Lazio Rom tief beeindruckt. Nachdem Rüdiger wieder mal von den Lazio-Fans rassistisch beleidigt wurde, habe sich De Rossi nach dem Spiel neben ihn gesetzt und etwas gesagt, was er so zuvor noch nie gehört hatte: „Toni, ich weiß, ich werde niemals das Gleiche fühlen wie du. Aber lass mich deinen Schmerz verstehen. Was geht in deinem Kopf vor?“

Rüdiger De Rossi

Antonio Rüdiger (r.) in seiner Zeit bei der AS Rom, hier am 30. Januar 2016, mit Club-Legende Daniele de Rossi.

Viele Menschen im Fußball würden sonst nur Dinge öffentlich sagen, aber nicht auf die Spieler persönlich zukommen. De Rossi dagegen habe sich in Rüdiger schwerstem Moment um ihn als Menschen gekümmert und wollte verstehen, was in ihm vorgeht. „Er hat nicht getwittert. Er hat kein schwarzes Quadrat gepostet. Er hat sich gekümmert“, fasst Rüdiger zusammen.

Antonio Rüdiger: „Werden dieses Problem nicht mit diesem Artikel lösen“

Auch sein Text werde keine schnelle Änderung bringen, schrieb Rüdiger. „Wir werden dieses Problem nicht mit einer Social-Media-Kampagne oder mit diesem Artikel lösen. Ich habe zu viel gelebt, um die Hoffnung eines Kindes zu haben. Aber ich bin nicht hoffnungslos. Ich werde weiterkämpfen – für immer. Weil ich weiß, dass es Leute gibt, die sich darum kümmern. Ich weiß, dass es Leute gibt, die mich wirklich hören“, sagte der Profi.

Für diese Menschen wolle er das Champions-League-Finale gewinnen – als Junge aus Neukölln. (dpa)

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