Gisdol, Heldt, Corona-Zahlen FC-Präsident Wolf spricht Klartext im XXL-Interview

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Werner Wolf sprach im großen EXPRESS-Interview am 29. März 2021 über die Zukunft des 1. FC Köln.

Köln – Unruhige Zeiten beim 1. FC Köln. Sportlich steckt der Klub knietief im Abstiegs-Schlamassel, wirtschaftlich hat die Corona-Krise ein riesiges Loch in den Etat gerissen. Die Zweifel an Trainer Markus Gisdol (51) und der sportlichen Führung wachsen. Nun hat der Präsident das Wort. Im großen EXPRESS-Interview sprach Werner Wolf (64) am 29. März über den Abstiegskampf, die Arbeit Gisdols und des Sportgeschäftsführers Horst Heldt (51), die Finanzen in Zeiten von Corona und die kommende Mitgliederversammlung (17. Juni 2021).

  • FC-Präsident Werner Wolf im Interview
  • Köln-Boss spricht über die Arbeit von Markus Gisdol und Horst Heldt
  • 1. FC Köln veröffentlicht Finanz-Zahlen

Werner Wolf vom 1. FC Köln im EXPRESS-Interview

Sie sind gläubiger Katholik und Kirchgänger. Wie viele Kerzen haben Sie in dieser Saison für den 1. FC Köln schon angezündet?

Gefühlt müsste man einige Kerzen anzünden. Nach dem vorletzten Wochenende fühlt man sich ziemlich bescheiden, die Tabellensituation ist besorgniserregend. Aber ich stecke den Kopf nicht in den Sand, sondern blicke positiv in die Zukunft. Ich vertraue in die Mannschaft, in den Trainer, in den Formanstieg des Kapitäns Jonas Hector, den die Truppe braucht. Und natürlich in die Rückkehr einiger Leistungsträger.

Der FC stürzt in der Tabelle ab, steht auf dem Relegationsrang. Wie kann man das Momentum drehen?
Es bleibt für alle knapp, wir haben nur einen Punkt Rückstand. Ich finde, wir haben uns mit dem Dortmund-Spiel eine Menge Momentum und Selbstvertrauen zurückgeholt. Vier Zähler gegen den BVB in einer Saison sind aller Ehren wert, und darauf kann man aufbauen.

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Werner Wolf setzt beim 1. FC Köln auf Kontinuität

Trotzdem bleibt der Trainer ein Wackelkandidat, wäre da ein Ende mit Schrecken nicht besser als ein Schrecken ohne Ende?
Wir sind bei diesem Thema in engem Austausch mit unserem Geschäftsführer Sport. Horst Heldt hat sich sehr klar geäußert. Und: Ein Trainerwechsel ist kein Patentrezept. Es gibt Beispiele, wo ein Wechsel etwas gebracht hat. Genauso gibt es Beispiele, die belegen: Kontinuität ist auch etwas wert.

Aber die Kontinuität gilt nur Spieltag für Spieltag. Friedhelm Funkel und Peter Herrmann waren ja schon beim Corona-Test, um im Falle einer Niederlage gegen Dortmund einsteigen zu können…

Unser Wunsch ist es, in dieser Konstellation die Klasse zu halten. Dazu wollen wir am Wochenende wieder dieses Momentum sehen, eine gut spielende, kämpfende Mannschaft. Uns fehlt in dieser Saison bislang die Konstanz. Wenn wir die in den letzten Spielen liefern können, wäre das eine gute Sache.

Wolfsburg könnte für einige der zurückkehrenden Leistungsträger zu früh kommen, der VfL ist zu Hause ungeschlagen, ein Champions-League-Aspirant. Ist diese Partie für die Mannschaft eine Art „Bonusspiel“ ohne Druck?

Wir müssen jedes Spiel in dieser Phase der Saison ernst nehmen, Bonusspiele gibt es nicht mehr, jeder Punkt zählt. Heldt, Gisdol und die Mannschaft wissen, worum es geht.

Wie nehmen Erich Rutemöller und Jörg Jakobs Einfluss auf die Entscheidungen derzeit?

Wir als Vorstand sind froh, sie an unserer Seite zu haben. Unser Job als Vorstand ist es, nicht als Fans zu agieren, sondern mit klarem Verstand. Die entscheidende Frage ist: Hat der Trainer noch die Gefolgschaft der Spieler? Nach dem, was wir auf dem Platz erleben und nach allem, was wir hören, hat er diese.

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Präsident Werner Wolf (r.) hat mit Erich Rutemöller einen Trainingsbeaobachter installiert. Hier beobachten beide die Einheit am 17. Februar 2021.

Aber ist Gefolgschaft alles? Geht es nicht auch um falsche Entscheidungen, andere Fehler, die ein Trainer machen kann?

Ich bin der Überzeugung, dass signifikante Fehler dazu führen, dass jemand die Gefolgschaft verliert. Vergleichbares habe ich auch im Berufsleben oft genug erlebt. Das nehmen wir aber nicht so wahr.

Es gibt auch Kritik an der Kaderzusammenstellung, auch aus der Mannschaft. Mainz hat im Winter deutlich besser eingekauft. Was ist da schiefgelaufen?

Bei Transfers ist es immer so, dass sie zum Teil funktionieren, zum Teil nicht. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Hat der Vorstand Horst Heldt in den Transferphasen zu lange die Hände gebunden?

Die Voraussetzungen vor der Saison sind bekannt. Der Vorstand hat sich sehr bemüht, finanziell alles zu ermöglichen, sodass Horst Heldt seine Ideen verwirklichen konnte.

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Kann man in dieser Konstellation mit Trainer auch in die neue Saison gehen?

Was ich mir im Augenblick wünschen würde, ist Geschlossenheit und Zuversicht, damit wir den Klassenerhalt schaffen – von allen Beteiligten. Wenn das Haus brennt, dann löscht man erst. Was dann nötig ist, um das Haus wieder aufzubauen, das muss man danach analysieren.

Der FC hat in den vergangenen Transferperioden in die Mannschaft investiert. Ohne großen Erfolg. Muss man jetzt im Sommer einen Transferüberschuss erwirtschaften? Und wie soll das sportlich aufgefangen werden?

Wir sind in den Planungen noch nicht ganz fertig. Der Trainer hat schon vor der Saison gewarnt, dass das zweite Jahr nach einem Aufstieg das schwierigste ist. Und wir hatten langfristig verletzte Leistungsträger und hoffen, dass wir nächstes Jahr nicht solche Probleme haben werden. Wenn alle auf dem Platz und in Form wären, hat der Kader schon ein vernünftiges Potenzial.

1. FC Köln legt die Finanz-Zahlen auf den Tisch

Am Mittwoch legt der FC die Finanz-Zahlen auf den Tisch. Müssen sich die Mitglieder große Sorgen um ihren Klub machen?

Dass uns ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag coronabedingt als Umsatz fehlt, ist ja bekannt. Dass du den nicht aus der Tasche bezahlen kannst, ist auch klar. Vorstand und Geschäftsführung arbeiten seit Monaten daran, die Finanzierung der laufenden und auch der kommenden Spielzeit sicherzustellen. Und da sind wir auf der Zielgeraden.

Wie sehr hilft der Gehaltsverzicht?

Wir haben mit Beginn der Krise alle Aktivitäten, die nicht überlebenswichtig sind, gekappt, verschoben, Budgets geschrumpft. Der Verzicht von Dauerkarten-Inhabern, Sponsoren und Logenbesitzer hilft ebenso enorm. Dafür sind wir sehr dankbar. Dazu der Verzicht von Profis, Geschäftsführung und Vorstand. Das macht natürlich nicht alles wett, aber es macht einiges leichter.

Wichtig ist vor allem, dass weiter gespielt werden kann. Fürchten Sie einen Saisonabbruch wegen der Corona-Mutanten?

Das halte ich für nicht wahrscheinlich. Die Mannschaften werden möglicherweise in der Schlussphase noch mal in Quarantäne gehen. Wir müssen alle zusammen ein Interesse daran haben, dass wir die Saison zu Ende spielen. Die DFL hat das bisher hervorragend gemacht, die Hygienekonzepte funktionieren.

Werner Wolf vom 1. FC Köln geht von Verbleib von Alexander Wehrle und Horst Heldt aus

Alexander Wehrle ist in Stuttgart und bei der DFL im Gespräch, Horst Heldt auf Schalke. Hat schon ein Geschäftsführer Abwanderungsgedanken geäußert?

In Köln kann man mit Gerüchten das Rhein-Energie-Stadion füllen. Auf jedem Platz sitzt ein Gerücht. Unsere Geschäftsführer haben laufende Verträge. Wir gehen davon aus, dass sie erfüllt werden. Alles andere ist kein Thema.

Es gibt aber immer wieder Spannungen zwischen Vorstand und Geschäftsführung. Lähmt das den Klub?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Zusammenarbeit lebt von Diskussionen. Beunruhigt wäre ich, wenn es die nicht gäbe. Denn wir haben unterschiedliche Rollen. Die Geschäftsführung führt das operative Geschäft und wir sind das Aufsichtsgremium. Die Zusammenarbeit ist und war immer konstruktiv. Darauf kommt es an.

Hat der 1. FC Köln im Abstiegsfall die Kraft, wieder aufzustehen?

Unsere volle Konzentration gilt dem Klassenerhalt. Aber die Antwort ist: Ja. Unsere Verträge sind für die Zweite Liga deutlich niedriger angesetzt und machen das möglich.

Der FC hat allerdings eine ganze Menge Spieler – zum Beispiel Louis Schaub, Anthony Modeste oder Vincent Koziello – im Sommer unter Vertrag, die in der Bundesliga vielleicht nicht brauchbar sind, aber in der Zweiten Liga durchaus helfen könnten. Wäre es da nicht sogar von Vorteil, abzusteigen?

(lacht) Die eindeutige Antwort ist: Nein. Wir können das Zweitliga-Jahr stemmen, das ist darstellbar, wir würden es finanziell überleben. Aber die Langzeitwirkung ist immens – etwa durch den Absturz im TV-Ranking.

Wenn man mit vielen Anhängern spricht, ist die Kritik am Vorstand laut. Fühlen Sie sich unfair angegangen?

Nein, überhaupt nicht. Wenn du Koch werden willst, musst du die Hitze in der Küche aushalten. Es gibt natürlich Kommentare unter der Gürtellinie. Aber wir können auch das aushalten. Wir haben bei Amtsantritt die Erwartung geschürt, in einem permanenten Austausch mit den Mitgliedern zu stehen. Das ist während einer Pandemie nur bedingt möglich. Wir haben ein Town Hall Meeting gemacht, ich fand es genial. Es war eine heiße Diskussion, aber das war gelebte Demokratie. Die virtuellen Mitgliederstammtische können das nicht ersetzen. Was auch fehlt: Die Zuschauer sind nicht bei den Spielen dabei. Normalerweise spreche ich am Spieltag mit hundert Leuten. Dazu kommt, dass die Menschen in der Pandemie unter Druck stehen. Die Menschen brauchen ein Ventil. Wenn das der Fußball ist, ist das in Ordnung.

Welche Herausforderung wartet bei der Mitgliederversammlung auf Sie?

Wenn sie eine virtuelle Versammlung machen, müssen sie für bis zu 20.000 Teilnehmer gewappnet sein. Inzwischen wissen wir, wie es geht und es ist getestet. Terminlich ging es nicht anders, die Lanxess-Arena hat auch in diesen Zeiten viele Buchungen. Und auch für eine virtuelle Veranstaltung brauchen wir ein Fernsehstudio und entsprechend Platz. Das bietet die Arena.

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Präsident Werner Wolf pflegt eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Vize Carsten Wettich. Hier schauten sich beide am 20. Februar 2021 die U21 im Franz-Kremr-Stadion an.

Carsten Wettich stellt sich als Vizepräsident zur Wahl. Es gibt Zweifel, ob die nötige Wählerbasis vorhanden ist für seine Wahl. Fürchten Sie, dass er scheitert?

Ich sage es anders: Eckhard Sauren und ich arbeiten sehr vertrauensvoll mit Carsten Wettich zusammen. Das passt, auch von den unterschiedlichen Qualitäten der einzelnen Personen. Carsten leistet, auch wenn das derzeit nicht immer sichtbar ist, hervorragende Arbeit. Wir wünschen uns, dass er gewählt wird und das mehr als zu Recht. Wir sind ein Vorstand, der mehr im Hintergrund arbeitet und nicht auf der Bühne. Hätte man etwas anderes haben wollen, dann hätte man jemand anders wählen müssen. Der Vorstand funktioniert hervorragend, die Chemie stimmt, das Vertrauen ist da. Carsten bringt zudem juristisches Knowhow mit. Und ohne juristisches Grundverständnis kommst du heute nicht mehr aus. Und er ist fußball- und FC-besessen. Er lebt diese Aufgabe. Er bereichert unser Team.

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