Riesiges Loch in der Kasse Finanzboss Wehrle verrät, was Corona den FC kosten wird

Alexander_Wehrle_Interview

Alexander Wehrle durchlebt als Finanzboss die anspruchsvollste Zeit, seit er 2013 beim 1. FC Köln angefangen hat.

Köln – Nach der härtesten Saison seiner Karriere gönnt sich Alexander Wehrle (45) ein paar Tage Auszeit in Konstanz am Bodensee. Zuvor sprach der FC-Geschäftsführer im Interview über die enormen finanziellen Herausforderungen im Zuge der Corona-Pandemie, den harten Transfer-Sommer und die Anstrengungen rund um den Geißbockheim-Ausbau.

Alexander Wehrle: Neuer Vertrag für Markus Gisdol bis Anfang August

Herr Wehrle, die Urlaubszeit ist jetzt auch am Geißbockheim angebrochen. Aber klären Sie uns doch mal bitte auf: Wie ist der Stand in Sachen Vertragsverlängerung von Trainer Markus Gisdol?

Wir sind in guten Gesprächen, noch ist aber nichts unterschrieben.

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Konkreter, bitte: Wann rechnen Sie mit einer Verkündung?

Wir werden das bis zum Trainingsstart Anfang August definitiv geklärt haben.

Horst_Heldt_Markus_Gisdol

Horst Heldt und Markus Gisdol  sollen den 1. FC Köln in der kommenden Saison erneut zum Klassenerhalt führen.

Wie kommen Sie in Sachen Kaderverkleinerung voran?

Wir sind im Plan. Ich habe eigentlich damit gerechnet, dass erst später Bewegung reinkommt, weil andere große Ligen noch im Spielbetrieb sind. Doch wir haben schon Personalentscheidungen getroffen und arbeiten daran, dass wir in den kommenden Tagen und Wochen weitere Abgänge präsentieren können.

Sind diese Abgänge nötig, um selber Transfers tätigen zu können?

Ja. Wir haben viele zurückkehrende Leihspieler und einen sehr großen Kader. Wir sind in Gesprächen mit potenziellen Neuzugängen, aber wir müssen zunächst Klarheit in unserem Kader schaffen.

Werden Sie in künftige Verträge Pandemie-Klauseln installieren?

Es gibt pandemie-relevante Klauseln, die sind bei uns in neuen Verträgen verankert. Wir haben auch mitunter eine Komponente drin, die speziell mit der anstehenden Spielzeit zu tun hat.

Besteht die Gefahr, dass im Profifußball durch die Corona-Krise die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinander geht?

Ja, und das bereitet mir große Sorgen. Ich habe den Eindruck, dass Vereine mit Investoren noch aggressiver Verpflichtungen tätigen und sich diesen Wettbewerbsvorteil zunutze machen werden.

Der 1. FC Köln hat sich klar positioniert. Der Verein will mitgliedergeführt bleiben. Birgt das nicht die Gefahr, auf Sicht den Anschluss zu verlieren?

Es ist immer die Frage, was man erreichen möchte. Wir haben uns klar dazu bekannt, dass wir in naher Zukunft keine Investoren beim FC haben wollen. Ich bin der Meinung, dass es auch ohne große Geldgeber möglich ist, unsere Ziele zu erreichen.

Wie sehen diese Ziele aus?

Nächste Saison ist unser klares Ziel, die Klasse zu halten. Das zweite Jahr ist für einen Aufsteiger oft noch schwerer. Der Klassenerhalt wird ein Kraftakt und wäre eine große Leistung. Ich wünsche mir, dass wir nicht zittern müssen.

Wie hoch ist der Etat dafür?

Wir werden ihn so zusammenstellen, dass wir wettbewerbsfähig sind. Ich kann noch nicht sagen, wie der Etat final aussehen wird. Dafür gibt es in Sachen Zu- und Abgänge noch zu viele Fragezeichen.

Würden Sie für die Wettbewerbsfähigkeit erneut ins finanzielle Risiko gehen?

In der vergangenen Saison haben alle zuständigen Gremien entschieden, dass wir mehr investieren und ein negatives Ergebnis in Kauf nehmen. Transfers wie die von Sebastiaan Bornauw und Ellyes Skhiri haben einen wesentlichen Teil dazu beigetragen, dass wir den Klassenerhalt geschafft haben. Was die kommende Saison angeht, hat Corona unseren finanziellen Spielraum extrem reduziert. Wir können kein Risiko eingehen.

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Wie groß ist beim 1. FC Köln der finanzielle Schaden durch Corona?

Alleine in der abgelaufenen Saison waren es zwölf Millionen Euro, die uns von heute auf morgen weggebrochen sind. Und ich kann jetzt noch nicht sagen, wie hoch der Schaden in der nächsten Saison sein wird. Wir wissen nicht, ob zu Saisonbeginn eine Teilöffnung des Stadions möglich sein wird oder ob wir mit Geisterspielen weitermachen müssen. Wenn man die in diesem Szenario fehlenden Einnahmen alle als Risiko summiert, dann droht uns ein Verlust für die neue Spielzeit zwischen 20 und 25 Millionen Euro.

Mit einem ähnlichen Verlust muss der FC doch bereits im Geschäftsjahr 2018/19 rechnen. Wäre der neuerliche für den FC überhaupt zu verkraften?

Es stimmt, wir werden für das abgelaufene Geschäftsjahr ein deutlich negatives Ergebnis präsentieren müssen. Es ist wichtig, dass wir über ein solides Eigenkapital verfügen. Perspektivisch müssen wir es wieder auffüllen. Denn ein gewisses Polster ist wichtig.

Wie sieht es mit der Liquidität aus?

Bis zum 30. Juni hatten wir da keine Probleme. Wir sind auf die möglichen Szenarien vorbereitet – auch auf das Worst-Case-Szenario mit Spielen ohne Zuschauer in der kompletten Hinrunde. Wir verfügen über entsprechende Kreditlinien, damit die Zahlungsfähigkeit weiter gewährleistet ist.

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Werden Sie die Spieler beim Thema Gehaltsverzicht erneut in die Pflicht nehmen?

Wir werden es genauso machen wie in der Rückrunde. Wenn die Spieler aus dem Urlaub zurückkehren, werden wir mit ihnen sprechen – und nicht über die Öffentlichkeit. Bis dahin haben wir hoffentlich mehr Klarheit in Bezug auf die Zuschauer-Rückkehr. Solche Faktoren und die Aktivitäten auf dem Transfermarkt haben wesentlichen Einfluss auf die Gespräche.

Sie sind Mitglied des DFL-Präsidiums. Wie ist der aktuelle Stand, was Teilöffnungen der Stadien anbelangt?

Ich wünsche mir eine bundesweit einheitliche Lösung, es kann aber auch sein, dass es Ländersache wird. Die Konzepte sind in der Abstimmung. Wir haben in den vergangenen Wochen intensiv daran gearbeitet, Lösungen zu finden.

Wie viele Zuschauer wären bei einer Teilöffnung erlaubt?

Das kann man aktuell nicht seriös sagen. Wir haben beim Neustart sehr vertrauensvoll mit der Politik zusammengearbeitet, das sollten wir jetzt wieder tun. Wenn die Konzepte genehmigt sind, muss jeder Verein die Vorgaben auf seinen Standort runterbrechen.

FC_Fans_Stadion

Eine seriöse Prognose darüber, wie viele Fans bei einer Teilöffnung des Rhein-Energie-Stadions erlaubt wären, hält Alexander Wehrle derzeit nicht für möglich.

Der Tenor der aktiven Fan-Szene ist: Alle oder keiner. Soll die dann draußen bleiben?

Von „soll“ kann keine Rede sein. Von uns aus verzichten wir auf niemanden. Es hängt sicher auch davon ab, ob wir bei einer Teilöffnung nur über Sitzplätze oder auch über Stehplätze sprechen. Ich wünsche mir, dass wir mit Stehplätzen starten können. Aber dazu wird es Vorgaben geben. Wenn ein tragfähiges Konzept vorliegt, kann am Ende jeder für sich selbst entscheiden, ob er ein Fußballspiel im Stadion sehen möchte oder nicht.

Wie entscheiden Sie, wer ins Stadion darf?

Wir haben uns dazu viele Gedanken gemacht, mit allen Gremien. Wir werden ab nächster Woche mit unseren Dauerkarten-Inhabern in den Dialog gehen. Ich bin überzeugt, dass wir faire Möglichkeiten erarbeitet haben. Und die Entscheidung liegt wieder bei jedem selbst.

Sollten in der neuen Saison nur Geisterspiele möglich sein: Wie viele Profiklubs würden auf der Strecke bleiben?

Sollte es so kommen, dann stünden mehr als die Hälfte aller 36 Bundesligavereine vor extremen finanziellen Herausforderungen. Das würde nur über erweiterte Kreditlinien gehen. Man müsste sich dann aber nicht nur über den Fußball, sondern insgesamt über den professionellen Mannschaftssport ernsthafte Sorgen machen. Von Handball über Eishockey bis Basketball. Es geht nicht nur um uns bei dieser Frage.

Hätte dieses Worst-Case-Szenario auch Auswirkungen auf den Ausbau des Geißbockheims?

Natürlich ist die Finanzierung durch die Corona-Effekte nicht einfacher geworden. Wir arbeiten aber auch daran schon länger und haben deshalb verschiedene Lösungsansätze. Für den ganzen Verein ist das  ein wichtiges strategisches Projekt, um uns im Nachwuchsbereich wettbewerbsfähig zu halten. Deshalb hat das eine hohe Priorität.

Welche Lösungsansätze haben Sie denn?

Die werden wir jetzt noch nicht kommunizieren. Den Rotstift setzen wir jedenfalls nicht bei diesem Projekt an. Stand heute werden wir das Projekt weder verschieben und schon gar nicht beenden.

Mit welchen Kosten rechnen Sie?

Rund 30 Millionen Euro.

Geißbockheim_Bauarbeiten

Der Ausbau des Geißbockheims kostet den 1. FC Köln etwa 30 Millionen Euro.

Wann rollen die Bagger?

Wir gehen davon aus, dass wir im Herbst die Baugenehmigung erhalten. Und dann werden wir intern entscheiden, ob wir erst mit den Plätzen für den Jugendbereich oder ob wir mit dem Bau des Nachwuchsleistungszentrums beginnen. Wir wissen natürlich auch, dass noch Klagen der Projekt-Gegner anhängig sind.

Ist das die anspruchsvollste, schwierigste Zeit Ihrer Laufbahn im Profifußball?

Ja, definitiv. Und ich bin immerhin schon 17 Jahre dabei. Aber mir machen Herausforderungen Spaß.

Und diese Herausforderungen gehen Sie auch noch in den nächsten Jahren beim 1. FC Köln an?

Ich habe einen Vertrag bis 2023 und freue mich auf diese Zeit.

Würde Sie nach bisher siebeneinhalb Jahren in Köln denn nicht mal eine neue Aufgabe reizen?

Sollte ich mal einen Veränderungswillen haben, dann würde das der EXPRESS natürlich als Erster erfahren. (lacht)

Könnte denn Lizenzspielleiter Frank Aehlig den FC aktuell verlassen? Es gibt Gerüchte, dass er seinem einstigen Weggefährten Ralf Rangnick zum AC Mailand folgen könnte. Hat Aehlig um Freigabe gebeten?

Nein, bislang weder bei mir noch bei Horst Heldt. Frank hat hier einen Vertrag bis 2022.

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