Rheinländer schlägt Alarm „Mein Herz-Medikament ist nicht lieferbar“

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Patient Lür Mojen aus Düsseldorf-Garath mit einer leeren Packung von "Fluvastatin" 80 mg. Er braucht täglich eine Tablette des Blutfettsenkers. Sein Rezept konnte er wegen Lieferengpässen in keiner Apotheke einlösen.

Düsseldorf/Köln/Bonn – Lür Mojen (71) aus Düsseldorf-Garath braucht regelmäßig ein Medikament zum Schutz von Herz und Gefäßen: Den Blutfettsenker „Fluvastatin“ 80 mg. Täglich eine Tablette.

„Der Hausarzt hat es mir extra vor seinem Urlaub noch verschrieben“, erzählt er. Doch als er sein Rezept Mitte Juli in der Apotheke vorlegt, zeigt das System direkt: „nicht lieferbar“.

Das hat der Rheinländer schon öfter erlebt. „Da gibt es dann etwas von anderen Generika-Herstellern“, weiß er. 

Die Alternative kann über den Großhandel innerhalb von drei Stunden besorgt werden. Damit hat Mojen kein Problem. Der Preis ist gleich, die Kasse erstattet ihn komplett und die Wirkstoffe in der Arznei sind absolut identisch. 

Diesmal muss er aber stattdessen das Produkt „Locol“ 80 mg von Original-Hersteller Novartis nehmen, 14,35 Euro zuzahlen und es gibt keine Alternative. Kein anderer kann liefern. Mit dieser Auskunft will sich der Ex-Henkel-Beschäftigte nicht direkt abfinden.

Es geht ihm nicht nur ums Geld. „Diese Firmen verdienen Milliarden und lassen die Patienten im Regen stehen. Sie schaffen es nicht, dieses Produkt vorzuhalten.“ Das ärgert ihn. „Ich habe alle möglichen Apotheken abgeklappert.“ Vergebens. „Mein verschriebenes Medikament gibt es in ganz Deutschland nicht.“

Notgedrungen kauft Mojen die teurere Arznei, blättert die 9,35€ Preis-Differenz zwischen Novartis (34,95€) und dem Generikum (25,60€), das ihn sonst nichts kostet, als Eigenanteil hin, zuzüglich der üblichen 5 € Rezeptgebühr insgesamt 14,35€: „Ich bin ja froh, dass es mein Medikament überhaupt noch gibt.“

Die Lieferengpässe an sich machen ihn fassungslos, und sie verunsichern Millionen von Patienten. Denn die Lücken häufen sich.

Aspirin-Ampullen für Rettungswagen fehlten monatelang

Aspirin zum Spritzen bei Herzinfarkt, das man in Rettungswagen braucht, war monatelang bundesweit nicht verfügbar.

Das Narkosemittel Remifentanil für ambulante OPs war durch Lieferengpässe zeitweise so rar, dass Eingriffe deshalb verschoben werden mussten.

Standard-Schmerzkiller Ibuprofen fällt immer wieder aus

Das gängige Schmerzmittel Ibuprofen fällt vor allem in der verschreibungspflichtigen Stärke 800 immer wieder aus, weil nur acht Firmen weltweit (davon vier in Indien, zwei in China) die Lizenz besitzen, für die EU, USA, Schweiz, Japan und Kanada den Allerwelts-Wirkstoff zu produzieren, der keinen Patentschutz mehr genießt, was eine Garantie für hohe Preise wäre. Zuletzt gab es keinen Ibuprofen-Saft für Kinder mehr.  Das Ibuprofen-Werk der deutschen BASF in Texas steht wegen technischer Probleme immer wieder still.

Blutdrucksenker mit Valsartan mussten letzten Sommer vom Markt genommen werden (hier lesen), weil herauskam, dass der Rohstoff bei der Produktion in der Fabrik der chinesischen Zhejiang Huahai Pharmaceutical mit dem wahrscheinlich  krebserregenden N-Nitrosodimethylamin verunreinigt wurde. 2017 nahmen allein in Deutschland 900.000 Patienten das Medikament regelmäßig ein.

Das Standard-Antibiotikum Piperacillin war 2017 infolge einer Explosion im China-Werk kaum verfügbar. Auch Engpässe bei Impfstoffen – aktuell bei dem gegen Gürtelrose – nehmen zu. 

Tipps für Apotheken-Kunden

Keine Panik, wenn ein Medikament nicht lieferbar ist. Arzt und Apotheker werden Sie sorgfältig beraten.

Generell gilt: Die Krankenkassen übernehmen bei Arzneimitteln im Rahmen von Rabattverträgen den ausgehandelten Preis.

Wird der überschritten, ist eine sog. Aufzahlung in Höhe der Differenz fällig. Zuzüglich zur Rezeptgebühr.  Es lohnt sich, diese Zuzahlung (bei Valsartan lag sie bei über 100 €) bei der Kasse einzureichen. Meist zeigt sie sich kulant.

Die „Barmer“ versicherte Patient Mojen den Betrag „ausnahmsweise“ zu erstatten.  Apotheker Preis: „Die Originalhersteller gehen leider auch nicht runter von ihren Preisvorstellungen.“

Lücken in Apotheken werden von Woche zu Woche mehr

„Die typische Apotheke hat weit über 100 Fehlposten“, bestätigt  der Kölner Dr. Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein. „Früher gab es das gar nicht, dann vereinzelt, jetzt wird es von Woche zu Woche mehr.“

Rund 225 Medikamente stehen aktuell auf der Lieferengpass-Liste für Humanarzneimittel beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn. Zum Start 2013 waren es 40. 

Meldung von Lieferengpässen erfolgt freiwillig

Die Liste zeigt vermutlich nur die Spitze des Eisberges. Denn die Meldung ist freiwillig und es tauchen nur als „versorgungsrelevant“ eingestufte verschreibungspflichtige Wirkstoffe auf.

Den Cholesterinsenker Fluvastatin von Patient Mojen nennt die Liste laut BfArM-Auskunft nicht, weil der Ausfall als nicht so dramatisch gilt und es ein Ausweichprodukt, das teure Original, gibt.   

Die meisten Hersteller sitzen in Fernost

Als Hauptgrund für die Misere sieht Pharmazeut Preis den ökonomischen Druck auf die Hersteller. Das Gros der Wirkstoffe stamme aus Fernost. Hakt es irgendwo, bricht die globale Lieferkette zusammen. 

Im aktuellen Fall Fluvastatin erklärt Hersteller Hexal auf EXPRESS-Anfrage: „Aufgrund von Kapazitätsengpässen in der Bulkherstellung (Roh-Ware in Säcken und Fässern am Sandoz-Standort im indischen Kalwe) sind wir derzeit bei zwei Packungsgrößen nicht lieferfähig.“

Man hoffe aber, ab Ende August wieder normal liefern zu können.

Apotheker Preis plädiert wie viele Experten dafür, „wieder mehr darauf zu achten, dass nicht nur das Umverpacken, sondern auch die Produktion von Arzneiwirkstoffen wieder in Europa stattfindet.“

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Arzneimittelproduktion beim Generika-Hersteller stada in Bad Vilbel. Deutschland gilt als zweitwichtigster Generika-Markt weltweit nach den USA.

Ein Gesetzentwurf sieht vor, dass Krankenkassen Rabattverträge künftig nur noch an Pharmafirmen vergeben dürfen, die eine „unterbrechungsfreie und bedarfsgerechte Lieferfähigkeit“ garantieren. Wer auf zu wenige Hersteller vertraut, wäre dann womöglich außen vor.

Rabattverträge der Krankenkassen mit einzelnen Lieferanten umfassen rund 60 Prozent aller verschreibungspflichtigen Medikamente. Sie sind ein Versuch, explodierenden Arzneiausgaben ohne Qualitätsverlusten entgegenzuwirken. Die Einsparungen liegen bei rund vier Milliarden Euro jährlich.

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