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Drogenbeauftragte im Interview: Bei einem Thema wird sie richtig sauer

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Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler

Foto:

picture alliance / Soeren Stache

Köln/Berlin -

In sechs teilen widmete sich EXPRESS dem Thema Sucht. Wir berichtete von Schicksalen Betroffener, ließen Ärzte zu Wort kommen, zeigten Wege aus den Krankheiten. Im großen Interview sprachen wir mit Marlene Mortler (63), seit 2014 die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, über die Herausforderung Darknet, eigene Süchte und die Legalisierung von Cannabis. Und bei einem Thema wurde die Politikerin richtig sauer.

Frau Mortler, wie finden Sie eigentlich Ihren Titel? „Drogenbeauftragte der Bundesregierung“ – klingt das nicht zu sehr nach Drogenbeschafferin?

Ehrlich gesagt, wird mir diese Frage zum ersten Mal gestellt. Immerhin bin ich seit fast fünf Jahren im Amt. Meine Aufgabe ist es, vor den gesundheitlichen Gefahren legaler und illegaler Drogen zu warnen, aufzuklären und mich für ein gutes Netz aus Beratungs- und Hilfsangeboten einzusetzen. Da packe ich an und verliere mich nicht in Wortklauberei.

Die Anzahl der Toten durch Tabak und Alkohol (und die Folgen des Konsums) ist in Deutschland deutlich höher als durch illegale Drogen. Warum sind diese legal, andere aber nicht?

Bei 140.000 Tabak- und Alkoholtoten im Jahr sehe ich wenig Grund, die Dinge schleifen zu lassen. Wenn ich eines nicht will, ist es eine weitere Massendroge. Wer bei Cannabis die Tür einmal öffnet, der bekommt sie nicht mehr zu. Der Druck der Lobby, diese Droge zu legalisieren, ist schon jetzt riesengroß. Es mag viele Menschen geben, die mit dem Konsum von Cannabis kein Problem haben. Aber wir wissen auch, dass jeder 10. Konsument von Cannabis ernsthaft abhängig wird und wir sehen, dass keine andere illegale Drogen annähernd so viele Menschen in die die Suchtbehandlung bringt, nicht einmal Heroin. Mir geht es um die Gesundheit hunderttausender junger Menschen, nicht um Lifestyle.

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Zurzeit gibt es 22 Drogenkonsumräume sechs Bundesländern. Ist das angesichts der positiven Erfahrungen ausreichend?

Mir ist die Gesundheit aller wichtig, auch die von schwer Abhängigen! Konsumräume können dabei helfen, die Gesundheit der Betroffenen zu schützen. Sie können das Überleben von Schwerstabhängigen sichern, auch mit Angeboten wie dem Spritzentausch oder der Spritzenausgabe. Klar ist aber auch: Drogenkonsumräume sind kein Wundermittel. Sie müssen gut gemacht sein und ins lokale Suchthilfekonzept passen.

Viele Süchtige verlieren den sozialen Kontakt, schämen sich. Geht unsere Gesellschaft mit Sucht-Kranken falsch um?

Viele Menschen mit Suchterkrankungen trauen sich nicht, darüber zu sprechen, nicht einmal mit dem Partner oder der Familie. Sucht ist in unserer Gesellschaft noch viel zu häufig ein Tabuthema. Betroffenen wird schnell Charakterschwäche unterstellt. Man spricht wie selbstverständlich über Rückenprobleme, aber über die Suchterkrankung des Vaters, der Schwester oder des Kollegen wird geschwiegen. Wir müssen endlich die Angst und Unsicherheit beim Thema Sucht überwinden, sowohl bei den Betroffenen selbst, als auch in der Gesellschaft insgesamt: Rein in die Öffentlichkeit und raus aus den Fachkreisen!

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Was muss sich im Umgang mit Drogenkriminalität ändern? Sind die Strafen für Täter – vom „kleinen“ Dealer bis zum Kartell-Chef – angemessen?

Mir ist wichtig, dass wir auch an die Hintermänner rankommen. Wir haben in den letzten Jahren viel Energie in die Terrorismusabwehr gesteckt. Daneben darf die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität nicht vernachlässigt werden. Deswegen war es 100 Prozent richtig, dass wir in der letzten Wahlperiode die sogenannte Vermögensabschöpfung ausgebaut haben. Was diesen Gruppen richtig weh tut, ist, wenn man ihnen das Geld, die Luxusgüter wegnimmt. Aber das ist natürlich nur ein notwendiger Schritt von vielen.

Der Drogen-Verkauf über das Darknet nimmt rasant zu. Oft werden die Drogen per Post verschickt. Warum lässt sich das nicht verhindern?

Das Darknet ist in der Tat eine Herausforderung, vor allem, wenn die Drogen nicht aus Deutschland, sondern von sonst woher verschickt werden. Allerdings arbeiten unsere Ermittler kräftig daran, ihre Methoden bei Ermittlungen im Darknet zu verbessern. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass wie viele Postsendungen mit Drogen beschlagnahmt werden. Gerade bei Kokain und Cannabis waren Zoll und BKA zuletzt ziemlich erfolgreich.

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Ecstasy-Tabletten liegen auf einem Tisch im Zollfahndungsamt. In einem langwierigen Verfahren hat der Zoll ein Drogennetzwerk in Schleswig-Holstein auffliegen lassen. Innerhalb von zwei Jahren seien insgesamt 30 Kilogramm Amphetamin, 10 Kilogramm Marihuana, 500 Gramm Kokain sowie knapp 30 000 Ecstasy-Tabletten beschlagnahmt worden.

Foto:

dpa

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Ganz oben auf Ihrer Agenda steht Hilfe für Kinder aus suchtbelasteten Familien. Haben wir in Deutschland die nicht direkt von einer Sucht betroffenen Menschen zu lange aus dem Fokus gelassen?

Absolut! Deswegen weise ich bei so ziemlich jeder Gelegenheit darauf hin, dass in Deutschland etwa 3 Millionen Kinder einen suchtkranken Elternteil haben. Vielen dieser Kinder geht es zuhause nicht gut, weil die Eltern – bildlich gesprochen – eben nicht nur ihren Kindern, sondern auch der Droge gehören. Bisher entwickeln zwei Drittel der betroffenen Kinder im weiteren Lebensverlauf selbst psychische Probleme oder werden auch suchtkrank. Ich will, dass sie die gleichen Chancen bekommen wie andere Kinder auch. Und das ist möglich. Es gibt bereits tolle Projekte, die zeigen, wie man betroffenen Kindern helfen kann!

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Sie sind selbst Mutter: Wie haben Sie Ihren Kindern den Umgang mit Drogen beigebracht?

Bei uns zu Hause haben wir in der Regel versucht, über Probleme offen zu reden – ob in der Schule oder im Freundeskreis. Wir wohnen in einem kleinen Dorf, aber auch dort kam das Thema Drogen irgendwann auf den Tisch. Ich kann Eltern nur raten: Hören Sie zu, seien Sie da! Ihre Kinder brauchen Unterstützung bei vielen Fragen und sind dankbar, wenn Sie immer signalisieren: Wir lieben dich und du kannst mit allem zu mir kommen, egal, was es ist.

Warum werden in Deutschland Computerspiele mit Lootboxen für Minderjährige noch nicht verboten? (Therapeuten und Betroffene sagen, dass vor allem kleine (Glücks-) Spiele in Spielen in die Gaming-Sucht locken. Warum wird dem kein Riegel vorgeschoben?

Ehrlich gesagt, bin ich bei diesem Thema wirklich sauer. Lootboxen sind ganz klar Glücksspiel, was denn sonst? Man kauft die Katze im Sack. Lootboxen haben in Computerspielen, die auch Minderjährige spielen, nichts zu suchen. Da dürfen weder Industrie noch Medienaufsicht um den heißen Brei herumreden. Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, vor solchen Tricks geschützt zu werden. Die Eltern müssen sich drauf verlassen können, dass der Jugendschutz im Netz auch funktioniert!

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Computerspiel-Sucht wurde inzwischen von der WHO als Krankheit anerkannt – inwieweit hilft das bei der Bekämpfung der Sucht?

Computer- und Internetabhängigkeit wurde leider lange nicht ernst genommen, einige bezweifeln noch immer die Existenz dieser Erkrankung. Das ist ein Fehler! Es ist gut, dass die WHO hier nachgezogen hat, denn die Aufnahme von „Gaming Disorder“ in den Diagnosekatalog ist sicherlich sehr hilfreich für die Versorgung von Patienten und Patientinnen. Oft wurde mir geschildert, dass die Ärzte nicht wussten, wie sie die Behandlung abrechnen sollen. Es war kaum möglich, den Patienten passgenaue Hilfen anzubieten. Mittlerweile ändert sich das allmählich, auch die Kassen zeigen mehr und mehr Bereitschaft, Behandlungen und Therapien für Menschen mit internetbezogenen Störungen zu übernehmen.

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Können Sie ausschließen, dass es mit Ihnen als Drogenbeauftragte der Bundesregierung eine Legalisierung von Cannabis geben wird?

Ich werde solange ich Drogenbeauftragte der Bundesregierung bin, nicht von meiner Meinung dazu abweichen. Da bleibe ich bei meiner Position – ganz klar!