Depressionen, Borderline Ersthelfer für die kranke Seele: psychischen Erkrankungen das Stigma nehmen 

Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Psychosen oder Suchtkrankheiten – immer mehr Menschen, gerade auch junge, sind betroffen. Ein Erste-Hilfe-Projekt setzt nun da an, wo Unterstützung am meisten gebraucht wird: in oder kurz vor einer Krise.

18 Millionen Deutsche sind binnen eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen, ermittelte jüngst die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Trauriger, bedrückender „Spitzenreiter“ ist die Depression, gefolgt von Angsterkrankungen, Psychosen, Alkohol- und Drogenproblemen.

Vielfach quälen sich die Verzweifelten mit Suizidgedanken. Ein Teufelskreis, scheinbar ohne Möglichkeit des Entkommens. Hochgradig belastend für die Betroffenen, aber auch für Familie, Freunde, Kollegen. Hilfe scheint oft so weit weg – dabei kann sie greifbar nah sein.

Depressionen, Magersucht, Borderline: Hilfe bei psychischen Krankheiten

Besonders perfide – und den meisten psychischen Erkrankungen eigen: Man kann sie im Gegensatz zu einer blutenden Platzwunde oder einem gebrochenen, eingegipsten Bein nicht sehen. Das kann bei Nicht-Betroffenen schnell zu Unverständnis oder Abwehr führen. Dabei ist es so wichtig, den Erkrankten mit Respekt und Geduld zu begegnen. Für Niko (29) aus Köln war genau dieser Respekt, verbunden mit dem Wunsch, Krankheitsbilder besser verstehen und vor allem niederschwellig helfen zu können, die Motivation, sich zu einem von inzwischen rund 6000 MHFA-Ersthelfern ausbilden zu lassen.

MHFA bedeutet „Mental Health First Aid“ (Erste Hilfe für psychische Gesundheit), das Konzept kommt aus Australien. In mittlerweile 26 Ländern werden Ersthelfer geschult, auch die frühere First Lady der USA, Michelle Obama (58), ist eine von ihnen.

Und eben Niko, dem das Thema sehr am Herzen liegt. „Mir wurden gut aufbereitet Lösungen und Hilfestellungen für Betroffene in oder kurz vor einer Krisensituation aufgezeigt“, sagt der junge Mann, der aus Erfahrung spricht. Weil er selbst auch Betroffener war, mit Ängsten zu kämpfen hatte – wie so viele, gerade junge, engagierte Menschen, denen die Pandemie eine zusätzliche Last auf die Seele legte.

„Jeder kennt jemanden im direkten oder erweiterten Umfeld, der eine Depression hat, eine Angststörung. Man möchte gern helfen und hat vielleicht Angst, nicht die richtigen Worte zu finden. Ich bin durch die Ersthelfer-Ausbildung noch mehr sensibilisiert worden. Es wäre schön, wenn ein solcher Kurs Pflicht wird, so wie der Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein.“ Klingt einleuchtend: Stabile Seitenlage ist im Notfall wichtig, Stabilisierung für die Seele nicht weniger!

Depressionen und Borderline: Krankheit vom Stigma befreien

Genau das wird auch dem Team der MHFA-Ersthelfer gespiegelt. Das Programm wird in Deutschland seit 2019 in Trägerschaft des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit und in Partnerschaft mit der Beisheim Stiftung verbreitet.

„Wir wollen dazu beitragen, psychischen Erkrankungen das Stigma zu nehmen“, sagt Dr. Simona Maltese, die das Projekt zusammen mit Prof. Michael Deuschle und Dr. Tabea Send leitet. Niederschwellige Hilfe „Grundgedanke ist“, so Dr. Simona Maltese weiter, „die psychische Erste Hilfe der physischen gleichzusetzen. Den Teilnehmern zu vermitteln, woran sie merken können, dass es einem Mitmenschen so schlecht geht.“

Ein Gespür dafür hat auch Absolventin Felicia aus Königswinter entwickelt: „Durch den Kurs habe ich viel Sicherheit und Orientierung erhalten. Ich traue mich jetzt, behutsam die entscheidenden Fragen zu stellen und schnell zu handeln, sofern es nötig ist.“ Bedeutet: Im Zweifel den Hausarzt einschalten und in kritischen Situationen auch nicht davor zurückschrecken, die 112 zu wählen. Wie bei einem physischen, also eindeutig sichtbaren, Notfall eben auch. Was bei MHFA an erster Stelle steht, ist die niederschwellige Hilfe, die respektvolle Ansprache – und letztlich „Hilfe zur Selbsthilfe“.

„Ein Ersthelfer ist kein Therapeut“, darin sind sich Anna Danisch, Mitarbeitende im MHFA-Team, und Niko einig. „Den Betroffenen erst einmal ansprechen, ihm mit Geduld und Einfühlungsvermögen zu begegnen, kann schon so viel bewirken“, sagt Niko, der, gestärkt durch das im Kurs erworbene Wissen, „zwei-, dreimal gezielt das Gespräch in seinem Umfeld gesucht“ hat. „Durch den Kurs habe ich eine Verantwortung zum Helfen gespürt. Und bekam das Feedback, dass das Gespräch mit mir gutgetan habe.“


Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Samstag nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de


Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de Suizidprävention ist möglich!


Erste Hilfe für die Seele: Das ist das MHFA-Projekt

Das MHFA-Programm (hier mehr Infos zu Kursen) startete im Jahr 2000 in Australien, inzwischen gibt es die Kurse weltweit. 2019 holte der Psychiater Michael Deuschle vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim das Projekt unter dem Namen MHFA Ersthelfer nach Deutschland. Der zwölfstündige MHFA- Ersthelfer-Kurs Online oder in Präsenz kostet rund 200 Euro. Für Unternehmen, die Mitarbeiter ausbilden lassen wollen, gibt es eigene Arrangements.

Die meisten absolvieren den Kurs, weil sie Menschen in ihrem Umfeld gezielt helfen wollen, so Anna Danisch. Dazu sei das Projekt in den letzten 20 Jahren durch Studien gut evaluiert. Ergebnis einer Meta-Studie: Die MHFA-Kurse (hier mehr Infos) tragen dazu bei, Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Störungen abzubauen. (smo)

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