Alleine unterm Weihnachtsbaum? Singles setzen auf „Cuffing Season“ – doch was steckt dahinter?

Zwei Menschen stoßen mit Glühwein in Bechern auf dem Weihnachtsmarkt an.

Um sich nicht den Fragen der Verwandten an Weihnachten stellen zu müssen, suchen viele Menschen noch vor der Weihnachtszeit einen Partner oder eine Partnerin. (Glühwein auf Weihnachtsmarkt, aufgenommen im Dezember 2020, Symbolbild)

Sobald die Temperaturen sinken und die Tage kürzer werden, schauen sich Singles vermehrt nach Beziehungen um – hauptsächlich, um unangenehmen Fragen ihrer Verwandten an Weihnachten aus dem Weg zu gehen. Das beschreibt das Phänomen der Cuffing Season. Doch stimmt das wirklich?

Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch das Fest der übergriffigen Fragen nach der Liebe. „Bist du etwa immer noch Single?“, heißt es dann von diversen Verwandten unterm Weihnachtsbaum.

Wer keinen Partner oder keine Partnerin zum Festessen mitbringt, kann dem kaum entgehen. Und deshalb läuten viele sonst überzeugte Singles im Herbst und Winter die sogenannte Cuffing Season ein. Wörtlich übersetzt heißt Cuffing Season „Saison des Handschellenanlegens“. Im übertragenen Sinne geht es aber darum, schnell noch einen Partner oder eine neue Partnerin für die kalten Tage zu finden.

Die „Cuffing Season“ als Thema in Film und Fernsehen

Wer im Sommer noch seine Freiheit genossen hat, sucht jetzt jemanden, mit dem er sich einkuscheln kann und der als Begleitung zum Weihnachtsessen mitkommt. So zumindest das Klischee. Das Phänomen ist nicht nur auf sozialen Netzwerken Thema, sondern auch in der Popkultur, beispielsweise in der Netflixserie „Weihnachten zu Hause“.

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Da kündigt die 30-jährige Johanne beim Adventsessen mit ihrer Familie an, dass sie am Heiligabend ihren Freund mitbringt. Der Haken: Sie ist in Wahrheit nur von den ständigen Fragen nach ihrem Beziehungsstatus genervt und muss jetzt innerhalb von drei Wochen einen Partner finden.

Auch in das Urban Dictionary, ein Onlinewörterbuch für Umgangssprache, hat es der Begriff geschafft. Da wird die Cuffing Season definiert als „Die kalte Jahreszeit, in der sich alle einen Freund oder eine Freundin suchen und dann mit jemandem zusammen sind, der weit unter ihren Ansprüchen liegt“.

Partnersuche vor Weihnachten: Gibt es die „Cuffing Season“ wirklich?

Aber gibt es ab Herbstbeginn auch im realen Leben ein gesteigertes Datingaufkommen? Laut Heinz-Jürgen Voß, Professor für Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg, gibt es dazu keine belastbaren Erkenntnisse.

Ein bisschen was dran ist aber trotzdem. „Die Weihnachtszeit wird in der deutschen Gesellschaft sehr zelebriert, man wird in der Innenstadt, in den Kaufhäusern überall beschallt, es gibt Beleuchtung und verschiedene Feierlichkeiten“, sagt Voß.

Da könne schon mal eine Sehnsucht nach mehr menschlicher Nähe entstehen, gerade wenn man Single sei, erklärt der Sexualwissenschaftler. Im Sommer ist man mehr draußen unterwegs, macht Party mit Freundinnen und Freunden. Im Winter dagegen stehen Weihnachtsfeiern und Familienbesuche an, das macht die Zeit sehr aufgeladen. Das Sitzen unterm Baum kann laut Voß zu einem „Belastungsfaktor“ werden.

Nach dem Weihnachtsfest: Können Beziehungen auch nach der „Cuffing Season“ halten?

Zur Cuffing Season haben es Singles nicht nur eilig, noch jemanden bis zu den Feiertagen zu finden. Sondern sie haben auch weniger Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen, wenn sich der Freundeskreis zum Keksebacken statt auf dem Open-Air-Konzert trifft. Was da naheliegt: Suchende schrauben ihre Ansprüche herunter.

„Wenn der Druck zunimmt, jemanden finden zu wollen, kann das dazu führen, dass Personen sagen: Ich schaue mich jetzt mal in unterschiedlichen Kontexten um und probiere was aus“, sagt Voß. Dann bietet es sich zum Beispiel an, auch mal außerhalb des eigenen Beuteschemas zu tindern. Das muss laut Voß nicht unbedingt etwas Schlechtes sein.

„Diese Person sollte einmal gut ihre eigenen Grenzen im Blick haben, aber dann auch mal ganz mutig sein und sagen, ich springe auch mal beherzt über eine Grenze, die ich vorher gesteckt hatte.“ Dann könnte laut Voß beispielsweise auch ein One-Night-Stand in Frage kommen – aus dem vielleicht sogar mehr wird.

Wenn Suchende Abstriche bei der Partnerwahl machen, kann das laut Voß aber auch darauf hinweisen, dass es eher auf einen Flirt als auf eine Beziehung hinausläuft.

Können bei diesen Ausgangsbedingungen denn auch Beziehungen entstehen, die nicht nur das Weihnachtsessen, sondern auch den nächsten Frühling überstehen? „Ja, na klar“, sagt der Sexualwissenschaftler. „Das hängt individuell davon ab, ob die Personen zusammenpassen. Ich würde da keinen Unterschied zwischen Winter- und Sommerflirt machen“.

Wer in der Cuffing Season zueinander findet, kann also auch im nächsten Jahr noch zu zweit unterm Weihnachtsbaum sitzen – und sich dann anderen unangenehmen Fragen stellen. (dpa, eg)

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