Abtörnend & Unangenehm Der Sex stresst mich. Ich liebe ihn, aber wir passen nicht zusammen

Der Sex mit ihm stresst mich.

Der Sex mit ihm stresst mich.

Liebe Beatrice,

meine Angelegenheit ist ziemlich komplex. Wo soll ich anfangen?

Mein Freund (44) und ich sind seit 4 Jahren zusammen. Ihn selbst als Menschen liebe ich eigentlich, aber ich liebe nicht die Form unserer Beziehung und die Art unseres Sexlebens. Ich habe schon viele Ansätze unternommen, daran etwas zu ändern, habe (freundlich) mit ihm gesprochen, tausend Fragen gestellt, mich zwischendurch zweimal getrennt. Er hat es zwar beide Male geschafft, mich zurückzuerobern, aber geändert hat er / hat sich nichts.

Also. Ich bin sehr sportlich, er ist an Sport(machen) kein bisschen interessiert. Ich reise für mein Leben gern, er verreist lieber mit seinen Kindern. Mit seinen Kindern und überhaupt seiner Riesen Familie (Brüder, Schwestern, Eltern, Exfrau, Schwiegereltern, Cousins, Cousinen etc) hat er ein Mords-Ding. Ich bin da ausgeschlossen. Ich sehe ihn am Wochenende praktisch nie und werktags auch nur etwa zweimal. Aber ich bin mir nicht mal sicher, ob ich mehr Zeit mit ihm haben möchte - weil wir eigentlich, um ehrlich zu sein, nicht besonders viel miteinander anfangen können. Wir leben in total unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichen Interessen. Ich bin ein unternehmungslustiger, auch kulturell interessierter Mensch, er will immer mit seinen Kindern, seiner Familie oder mit mir zuhause rumklucken. Mit mir kluckt er vor allem deswegen zuhause rum, weil ihm das Wichtigste an unserer Beziehung der Sex ist. 

Unser letzter Abend zusammen sah so aus:

Er kam um ca. acht zu mir, nachdem er bei irgend einer Veranstaltung gewesen war. Wie fast immer in letzter Zeit roch sein ganzer Mund nach Zigaretten oder sogar nach Zigarillos (es riecht nicht nur nach Zigaretten, da ist irgend ein starker, fieser Nebengeruch). Er will mich die ganze Zeit küssen, aus irgendeinem Grund ist er immer scharf auf mich oder scharf auf Sex, ich kann das nicht so genau identifizieren. Und beim Küssen versucht er dann auch sehr oft, mir seine Zunge in den Mund zu schieben. Ihn macht das noch mehr an, für mich ist das eher abtörnend. Ich weiß, dass er Sex will, ich hab keine Lust (nicht nur wegen des Geruchs, sondern auch wegen was anderem, was ich später erläutere), und da wir nicht wie andere Paare einfach einen netten Abend verbringen mit Plaudern, einem Glas Wein, vielleicht auch Ausgehen, sondern unsere übliche Abendgestaltung aus „Fernsehen und Sex“ oder „Essen und Sex“ besteht, würde ich ihn am liebsten nach Hause schicken, aber erstens mag ich ihn nicht verletzen und enttäuschen, zweitens ist es unser letzter Abend, bevor ich über Weihnacht zu meiner Familie wegfahre. Er wäre also noch enttäuschter, wenn er seine Ration Sex nicht bekäme.

Ich will ihm nicht unrecht tun. Er ist ein liebenswerter Mensch, und ich denke, es gehört zu seiner Form von Liebe, dass er dauernd mit mir schlafen will, und unterbewusst glaube ich wohl, dass ich ihm das regelmäßig geben muss, weil ihn kaum noch was mit mir verbinden würde, wenn ich nur noch so oft mit ihm Sex hätte, wie ich selber Lust drauf hätte (also selten). Vermutlich habe ich sogar Recht damit.

Er sagt, er hat so viel Lust auf mich, weil er mich liebt und so sexy findet, aber er versucht sogar, Sex zu kriegen, wenn ich krank bin und es mir richtig schlecht geht.

Das wäre ja alles noch okay (Sex kann ja ein schönes Bindemittel sein), wenn der Sex für mich richtig gut wäre.

Zurück zu diesem letzten Abend. Wir sitzen auf dem Sofa und es ist irgendwie langweilig; wir reden belangloses Blabla (ich bin eigentlich jemand, mit dem man tiefe oder intellektuelle Gespräche führen kann, aber er und ich sind zu wenig auf einer Wellenlänge). Ich merke, dass er gern körperlich werden würde. Ich denke also: Wie bring ich den Sex hinter mich, obwohl ich diesen Zigarillogeruch aus seinem Mund sogar schon dann riechen kann, wenn er nur neben mir liegt? Ich frage ihn, ob ich ihm was zu essen kochen soll. Er hat keinen Hunger. Ich druckse rum und sage es ihm vorsichtig: „bei warmem Essen geht der Geruch meist weg“. Okay. Also koch ich was.

Vorsichtshalber trinke ich auch zwei Gläser Wein, wie so oft, damit ich die Gedanken abschalten kann, dass ich eigentlich keine Lust auf Sex habe. Ich hoffe auch noch, dass unser Abend vielleicht auf Essen und Fernsehen rausläuft, denn nach dem Essen fängt ein netter Krimi an. Aber wie fast immer beim Fernsehen grabbelt er an mir rum, und diesmal sagt er ziemlich schnell: Wollen wir uns nicht ins Bett legen?

Im Bett ist es eigentlich fast immer das Gleiche. Er ist schon zärtlich; und wenn ich ihn bitte, mir den Rücken zu massieren, die Arme zu streicheln o.ä., macht er es auch. Aber es ist halt zielgerichtet. Er tut es, damit ich erregt werde und mit ihm Sex habe. und wenn der mal so einfach wäre...! Er hat nämlich ein Erektionsproblem. Schon immer. Manchmal wird sein Penis ganz zu Anfang des Vorspiels steif, wenn ich noch überhaupt nicht so weit bin. Oft hatten wir dann trotzdem Verkehr, einfach um es zu nutzen, dass das Teil mal stand, aber es ist für mich immer unangenehm: es tut weh oder brennt. Wenn wir diese gelegentliche Anfangserektion nicht gleich nutzen, fällt sie nach einer Minute wieder in sich zusammen, selbst wenn ich den Penis massiere.

Die Regel ist aber eher, dass sein Teil die ganze Zeit nicht recht hochkommt, egal was ich mache. Er sagt, dass ich das mit der Hand (also ihn reiben) gut mache, daran kann´s also nicht liegen. Bis vor einem Jahr hab ich´s auch öfter mit Blasen versucht. Auch hier sagt er, dass ich das gut mache (ich höre es auch an seinem Stöhnen), aber das verdammte Ding regt sich nicht.

Das ist so frustrierend, dass ich ihm seither keinen Blowjob mehr gemacht habe.

Das einzige, was halbwegs Leben in seinen Penis bringt, ist, wenn ich zum Orgasmus komme. Also sieht der Ablauf immer gleich aus: Er bringt mich mit dem Mund oder der Hand zum Kommen, dann kriegt er einen Halbsteifen, den er rasch in mich reindrückt; da er dazu den Penis mit mindestens drei Fingern stützt, ist das für mich ein eher beschissenes Gefühl, tut oft sogar weh. Wenn der weiche Penis dann in mir ist, rammelt er ganz schnell, damit er steifer wird. Auch das hasse ich. Von seinem weichen Penis spüre ich beim Rammeln nichts, sondern nur sein Unterleib und seine Hoden, die gegen mich klatschen. Natürlich geht dabei meine beim Kommen aufgebaute Lust ziemlich runter, sodass der Verkehr bestenfalls „nett“ ist.

Ich glaube, mein Freund denkt: Weil ich 'nen Orgasmus habe, ist der Sex für mich auch toll. Ist er aber nicht. Ich könnte auf diese Orgasmen gut verzichten. Ich hätte so gern mal wieder Sex, wo ich richtig erregt bin und wo keine unangenehmen Elemente drin vorkommen!

Ab und zu in unseren 3,5 Jahren hat er auch mal Viagra genommen. Das Erektionsproblem fällt dann weg, aber erstens ist sein Penis dann so groß, dass er mir oft wegen der Größe weh tut, zweitens: Sobald sein kleiner Kumpel mal steht, will er möglichst schnell in mich rein (in der Regel, wenn mein Körper noch nicht bereit ist). Und ich lass es fast immer zu, weil ich auch schon so drauf geeicht bin, auf seine Erektionsstörung zu achten bzw. mich zu beeilen, wenn er mal kann.

Ich hab schon zig mal versucht, mit ihm darüber zu reden. Woher das kommen kann, was ich anders machen könnte, was wir ändern könnten; warum er immer meinen Orgasmus braucht, damit er halbwegs kann? Ich frag ihn und krieg keine brauchbaren Antworten. Aber ich will eh keinen Sex mehr, die Lust ist mir nach und nach vergangen und jetzt ist nichts mehr da.

Das Schreckliche ist ja auch noch, dass mein Freund vom Kopf her dauernd will, obwohl sein Willy so oft nicht will. Fast schon ein bisschen sexbesessen. Und dass uns halt sonst so wenig verbindet. Ich fühle mich bei unseren Treffen immer ein bisschen unter Druck. Manchmal, wenn wir abends verabredet sind, erwische ich mich schon tagsüber dabei, zu überlegen, wie ich abends dem Sex ausweichen könnte.

Ich mag nicht mehr! 

Du fragst dich bestimmt, warum ich immer noch bei ihm bin. Tja, es passt menschlich sehr gut. Ich mag seine Art sehr und ich finde es toll, wie liebevoll und respektvoll wir miteinander umgehen (im Alltag, nicht im Bett). Trotzdem ist es wohl besser, wenn ich mich trenne.

Sonya (40)

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Liebe Sonya,

ja - seine nette Art und dieser liebevolle und respektvolle Umgang, das ist zwar was sehr Schönes, aber als alleinige Basis für eine Beziehung reicht das eher nicht. Außerdem könntest du es ruhig mal ein bisschen in Frage stellen, ob er tatsächlich so liebevoll und respektvoll mit dir umgeht. Er kluckt lieber mit seiner Verwandtschaft rum, statt am Wochenende was Schönes mit dir zu unternehmen. Er verreist lieber mit seinen Kindern. Er bezieht dich nicht in sein Leben ein. Merkt er nicht, dass dich das kränkt? Oder kümmert es ihn nicht? Und merkt er nicht, dass der Sex meist nicht so doll für dich ist? Ein bisschen krass finde ich auch: „er versucht sogar, Sex zu kriegen, wenn ich krank bin und es mir richtig schlecht geht.“

Da würde ich auch dran zweifeln, ob der Mann wirklich MICH liebt oder nicht vielmehr den Sex mit mir.

Wie mir scheint, erdrückt er dich auch ein bisschen mit seiner ständigen Lust. Und das zusammen mit seiner Erektionsstörung, das ist schon eine seltsame Mischung! Normalerweise hätte ich dir geraten, mit ihm zu reden und ihn zu motivieren, die Ursachen zu ändern, aber das hast du ja schon getan. Er will nichts daran ändern, warum auch immer! Und du musst sein Problem, das er nicht lösen will, ausbaden. Das solltest du nicht mehr tun.

Außerdem ist das Kind schon ein wenig in den Brunnen gefallen, denn verständlicherweise schreibst du, „ich will eh keinen Sex mehr, die Lust ist mir nach und nach vergangen und jetzt ist nichts mehr da“.

Denn dadurch, dass es für dich schon so oft unangenehm war, ist der Sex mit ihm in deinem Gehirn untrennbar verknüpft mit etwas nicht Gutem, und diese Assoziation steht immer im Raum, wenn du an Sex mit ihm denkst oder wenn du merkst, dass er welchen will.

Du könntest zwar auch testen, ob er trotzdem bleibt, wenn du ihm nur noch Sex gemäß deiner Lust gibst (also selten), aber was gibt´s dann stattdessen zwischen euch? Langeweile?

Hm, du musst wohl tatsächlich über Trennung nachdenken.

Herzlichst

Beatrice Poschenrieder

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