Riccardo Simonetti Entertainer über Hass im Netz – „Einfach nur, weil ich ein offen lebender, schwuler Mann bin“

Riccardo Simonetti lächelt in die Kamera.

Riccardo Simonetti spricht über seinen Umgang mit Hasskommentaren. Das Foto zeigt den Entertainer bei Aufnahmen für die neue ZDF-Show „Glow Up - Deutschlands nächster Make-Up-Star“, in der Simonetti als Moderator mitwirkt. 

Seiner Vorbildfunktion ist sich Riccardo Simonetti bewusst – auch, weil sich viele Menschen nicht mit der „blonden, weißen Frau auf dem Cover der Fernsehzeitschrift“ identifizieren können, wie der Influencer betont.

Vorstellen muss man Riccardo Simonetti eigentlich nicht mehr. Immerhin gehört der 29-Jährige mittlerweile zum Standardrepertoire zahlreicher Fernsehsender – und unterhält nicht nur das ZDF-Publikum als „Fernsehgarten“-Moderator, sondern auch die ProSieben-Zuschauerschaft, etwa als „Wer stiehlt mir die Show?“-Teilnehmer und „The Masked Singer“-Gastjuror.

Auch bei ZDFneo hält der im bayerischen Bad Reichenhall geborene Entertainer nun Einzug: In der neuen Castingshow „Glow Up – Deutschlands nächster Make-Up-Star“ (wöchentlich ab Donnerstag, 22. September, 20.15 Uhr) begleitet Simonetti zehn Make-Up-Artists als Moderator durch sogenannte „Real-Life-Challenges“ und „Creative-Challenges“ in und um Köln.

Herr Simonetti, wie hätten Sie sich als Kandidat bei „Glow Up“ geschlagen?

Riccardo Simonetti: Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, mich beruflich in eine Situation zu begeben, in der ich mir öffentlich auf die Finger schauen lasse. Auch, weil viele denken, ohnehin alles besser zu können als die Leute im TV.

Wie war Ihr Eindruck von denjenigen, die diesen Schritt eben doch gewagt und am Format teilgenommen haben?

Riccardo Simonetti: Ich empfand die meisten Artists als sehr mutig. Die Menschen, die da mitmachen, sind keine Teenies, die vor eine komplett neue Aufgabe gestellt werden. Das sind Leute, die bereits ein Standing als Make-Up-Artist haben. Das bringt natürlich eine gewisse Fallhöhe mit sich. Diejenigen, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen, gehen im Zweifelsfall einfach nach Hause und alles ist wie zuvor. Für andere steht die berufliche Zukunft auf dem Spiel.

Hatten Sie das Gefühl, noch etwas lernen zu können?

Riccardo Simonetti: Absolut. Als Moderator bin ich zum Glück nicht derjenige, der kritisiert und war grundsätzlich eher im Team der Kandidatinnen und Kandidaten (lacht). Ich habe super viel dazugelernt, weil ich ja auch kein Make-Up-Artist bin. Zudem war es total spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Beweggründe und Hintergrundgeschichten sind: Während der eine aus Langeweile angefangen hat, sich zu schminken, drückt ein anderer seine innere Persönlichkeit damit aus. Ich glaube, die Sendung räumt somit auch endlich mit dem Stigma auf, dass Make-Up etwas rein Oberflächliches ist.

Riccardo Simonetti hat sich als Teenager geschminkt: „war ein regelrechter Skandal“

Wie alt waren Sie, als Sie sich zum ersten Mal geschminkt haben?

Riccardo Simonetti: Grundsätzlich war für mich immer eher Mode der Zugang zu allem. In der heutigen Zeit ist das ohnehin anders: Bei YouTube beispielsweise sieht man zahlreiche Männer, die sich schminken. In meiner Welt war das einfach nicht so präsent, deshalb habe ich mich eher mit Kleidung ausgetobt. Als ich als Teenager dann auch noch angefangen habe, Make-Up für mich zu entdecken, war das ein regelrechter Skandal.

Denken Sie, das wäre heute noch immer so?

Riccardo Simonetti: Zumindest nicht überall. Deshalb ist es auch so wichtig, zu zeigen, dass Make-Up kein Geschlecht kennt. Man sollte sich nicht zurückhalten, um der Gesellschaft zu gefallen. Ich glaube und hoffe, dass „Glow Up“ dazu beitragen kann, diese Message zu transportieren.

Die Show ist in vielerlei Hinsicht fortschrittlicher als andere Formate: Neben Namen und Alter werden auch die Pronomen aller Beteiligten eingeblendet.

Riccardo Simonetti: Das war mir sehr wichtig. Man tut damit vor allem Menschen einen Gefallen, die die breite Masse auf den ersten Blick nicht einordnen kann. Auch sonst sind die Pronomen sehr unaufdringlich und ganz nebenbei platziert. Das funktioniert wunderbar. Mir geht es darum, Menschen sensibel und respektvoll zu behandeln. Es ist toll, wenn so ein einfaches Stilmittel so einen großen Effekt haben kann. Ich hoffe, dass sich einige Sendungen eine Scheibe abschneiden. In den sozialen Medien haben sich Pronomen schon durchgesetzt, warum nicht auch im TV?

Auch im Originalformat der BBC werden mittlerweile die Pronomen der Make-Up-Artists eingeblendet. Kannten Sie die Sendung schon vorher?

Riccardo Simonetti: Ja. Das BBC-Format hat sich im Laufe der Staffeln sehr verändert. Für uns war das super: Wir konnten direkt auf einem anderen Level einsteigen und die wichtigen Erkenntnisse der ersten Staffeln aus UK direkt übernehmen. Wir haben trotzdem versucht, unser eigenes Ding daraus zu machen und uns nicht zu sehr am Original zu orientieren, weil wir damit ganz andere Menschen ansprechen wollten.

Wen zum Beispiel?

Riccardo Simonetti: In Deutschland läuft die Sendung auf ZDFneo, wo vermutlich auch Leute zuschauen werden, die sich noch nie mit Make-Up auseinandergesetzt haben. Das ist das Spannende daran: Wir erreichen Menschen, die ansonsten nur wenig Berührungspunkte mit dem Thema Make-Up haben.

Wie lange haben Sie überlegt, ob Sie Teil des Formats sein wollen?

Riccardo Simonetti: Ich hatte bestimmte Bedingungen. Ich bin nur der Moderator, es ist nicht die Riccardo-Simonetti-Show (lacht). Trotzdem wusste ich, dass die Sendung auch Dinge, die mir am Herzen liegen, thematisieren wird. Queerness spielt natürlich eine Rolle, und deswegen war es mir auch wichtig, dass in der Sendung sensibel damit umgegangen wird. Das Team war zum Glück sehr empfänglich dafür und hat versucht, all das zu berücksichtigen.

Riccardo Simonetti gesteht: „habe Projekte abgelehnt, weil ich das Gefühl hatte, nur einen schwulen Stereotypen zu repräsentieren“

Haben Sie schon zu Beginn Ihrer Karriere so klare Grenzen gezogen?

Riccardo Simonetti: Da man mich früher auch nicht in jedem Format gesehen hat, lautet die Antwort natürlich: Ja! Ich habe schon immer ganz deutlich meine Werte vertreten. Oft habe ich Projekte abgelehnt, weil ich das Gefühl hatte, nur einen schwulen Stereotypen repräsentieren zu müssen. Um aber auch wirklich aktiv etwas verändern zu können, braucht man ein gewisses Vertrauen von den Menschen. Ich glaube, in den letzten Jahren ist es mir gelungen, dass Fernsehredaktionen meinen Input ernst nehmen und letztendlich auch berücksichtigen.

Vermutlich, immerhin sind Sie gern gesehener Gast in nahezu allen Sparten des Fernsehens. Gibt es überhaupt etwas, das Sie nicht können?

Riccardo Simonetti: Vielleicht wirkt es so, als könnte ich alles, weil ich hauptsächlich Dinge mache, die mir Spaß machen. Ich sage nur Projekte zu, die mich auch selbst unterhalten. Ich kann weder singen noch tanzen. Profitänzer werde ich also eher nicht (lacht). Wobei ich nicht versprechen kann, dass ich nicht doch eines Tages einen Song aufnehmen werde - dann aber mit so viel Autotune, dass meine Stimme kaum noch erkennbar ist. Rein spaßeshalber.

Riccardo Simonett spricht über mögliche Teilnahme bei „The Masked Singer“

Bei „The Masked Singer“ werden Sie also nie unter der Maske stecken?

Riccardo Simonetti: Sagen wir so: Ich war letztes Jahr als Rategast dabei. Das hat mir echt viel Spaß gemacht! Auf den ersten Blick mache ich sehr viele unterschiedliche Sachen, aber letztendlich hängt das meiste zusammen: Ich habe eine Message, die ich verbreiten möchte, und dafür suche ich mir die richtigen Plattformen aus. Mir geht es oft darum, Zielgruppen anzusprechen, die nicht ständig mit meinen Themen konfrontiert werden. Gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kann man noch Denkanstöße geben.

Bei Ihren Auftritten wirken Sie immer sehr positiv. Gibt es überhaupt Momente, die einen Riccardo Simonetti aus der Haut fahren lassen?

Riccardo Simonetti: Ich glaube, in jedem Beruf gibt es Situationen, die nicht so toll sind oder Menschen, mit denen man nicht so gut klarkommt. Es ist immer besser, sachlich zu sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Man kann durchaus seine Meinung vertreten, ohne einen Wutausbruch zu haben.

Sie bleiben also lieber professionell?

Riccardo Simonetti: Ja. Ich bin eine Person, die versucht, Probleme früh anzusprechen und ruhig zu klären.

Welchen Karriereweg hätten Sie eingeschlagen, wenn es mit der Showbranche nicht geklappt hätte?

Riccardo Simonetti: Können Sie sich mich in einem anderen Beruf vorstellen?

Nicht wirklich.

Riccardo Simonetti: Eben - ich auch nicht. Ich habe mein ganzes Leben lang darauf hingearbeitet, auf der Bühne zu stehen. Seit ich vier Jahre alt war, wollte ich nie etwas anderes tun. Ich bin in einem relativ schwierigen Umfeld aufgewachsen. Immer, wenn ich auf der Bühne stand, war es plötzlich okay, so zu sein, wie ich war. Die Leute fanden es gut, wenn ich ein außergewöhnliches Kostüm auf der Bühne getragen habe. Hätte ich dasselbe Outfit in der Schule getragen, wären alle ausgeflippt.

Die Bühne war also Ihr „Safe Space“?

Riccardo Simonetti: Gewissermaßen. Es ist natürlich, nach einem Ort zu suchen, an dem man so sein kann, wie man ist. Für mich war das immer die Showbranche, und deshalb bin ich ohne Abzweigungen auf dieses Ziel zugesteuert. Ich war immer sehr diszipliniert und fokussiert. Erst mal etwas Vernünftiges zu studieren, war nie eine Option für mich.

Riccardo Simonetti spricht über Hasskommentare: „Leute sagen mir permanent, was sie doof an mir finden“

Das Showbusiness hat aber sicherlich auch seine Schattenseiten.

Riccardo Simonetti: Klar. Ich bin berühmt dafür, ich selbst zu sein. Dadurch glaubt fast jede Person, mit der ich arbeite, mich besser zu kennen als ich mich selbst.

Wie gehen Sie damit um?

Riccardo Simonetti: Manchmal ist es schwierig, das zu koordinieren. Die meisten Menschen haben bereits bei der ersten Begegnung eine gewisse Erwartungshaltung an mich. Echt zu bleiben und trotzdem das zu liefern, was gewünscht wird, ist manchmal ein Spagat. Dieser Kampf hört nie auf. Früher dachte ich, wenn ich berühmt bin, wird alles anders. Das stimmt nicht.

Dabei hat sich vieles für Sie verändert.

Riccardo Simonetti: Natürlich. Trotzdem ist vieles gleichgeblieben. Zehn Jahre nach meinem Abitur muss ich die gleichen Kommentare im Internet lesen, die mir früher auf dem Schulhof hinterhergerufen wurden. Dadurch, dass ich diese Kämpfe nun öffentlich führe, sehen jetzt aber andere, dass sie nicht alleine damit sind.

Für viele Menschen sind Sie ein Vorbild.

Riccardo Simonetti: Ich erhalte auf jeden Fall sehr viele Nachrichten von Menschen, die auch ihren eigenen Weg gehen wollen. Auch, weil ich Kommentare zu meiner Person teile, die nicht so positiv sind. Mir ist wichtig, den Menschen zu zeigen, dass auch das zu meinem Leben gehört. Leute sagen mir permanent, was sie doof an mir finden. Ich bekomme sehr viel Gegenwind, einfach nur, weil ich ein offen lebender schwuler Mann bin und vor allem sichtbar schwul bin. Dass ich trotzdem mein Ding mache und mir treu bleibe, macht auch anderen Hoffnung.

Riccardo Simonetti gesteht: „Meine Fans wollen nicht so sein wie ich“

Ganz schön viel Verantwortung für einen 29-Jährigen.

Riccardo Simonetti: Das Ding ist: Meine Fans wollen nicht so sein wie ich. Meine Fans wollen so sein, wie sie selbst sind - und sie brauchen jemanden, der ihnen das vorlebt. Ich hätte mir als Teenager auch eine Identifikationsfigur gewünscht. Genau deshalb ist es so wichtig, im Fernsehen Menschen abzubilden, die beispielsweise eine andere Körperform, eine andere Hautfarbe oder eine andere Geschlechtsidentität haben als die „Norm“. Nicht jeder kann sich mit der blonden, weißen Frau auf dem Cover der Fernsehzeitschrift identifizieren.

Das klassische Fernsehzeitschriften-Model sucht man bei „Glow Up“ tatsächlich vergebens.

Riccardo Simonetti: Genau, die Show ist viel diverser. Ich hoffe sehr, dass wir eine Sendung gemacht haben, bei der die Menschen etwas dazulernen können. Mir war es auch wichtig, dass alle, die teilnehmen, sich gut aufgehoben fühlen. Wir wollten niemanden vorführen, sondern Vielfalt abbilden, und ich glaube, das ist uns gelungen. (tsch)

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