„Auf was es wirklich ankommt“ Charité-Arzt: Corona-Verbote nicht entscheidend

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Charité-Arzt Stefan Willich bei „Maischberger, die Woche“

Berlin – Die Folgen für das öffentliche Leben durch die Corona-Krise sind massiv. Läden geschlossen, Kontaktverbot, Kitas und Schulen zu: Die Bevölkerung sieht sich mit strikten Maßnahmen und strengen Regeln konfrontiert.

Aber wie notwendig sind die Beschränkungen wirklich? Diese Frage wird umso lauter, je länger die Krise anhält. Auch bei „Maischberger, die Woche“ wurde sie diskutiert. Unter anderem von Arzt Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Berliner Charité.

Willich kommt zu der auf den ersten Blick etwas widersprüchlichen These, dass die in Deutschland derzeit durchgeführten Maßnahmen zwar gerechtfertigt, aber nicht den entscheidenden Faktor im Schutz vor dem Coronavirus darstellen.

Charité-Arzt Willich bei Maischberger: Corona-Fallzahlen „völlig spekulativ“

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Entscheidend für die Einschätzung der aktuellen Krisen-Lage ist Willich zufolge zum einen die Zahl der Infizierten, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigen, zum anderen die Maßnahmen, die erforderlich sind, um die Corona-Fallzahlen einzudämmen.

Problematisch sei aber schon die Zahl der in Deutschland bestätigten Virus-Nachweise. „Das ist eine Zahl, über die kein Mensch Bescheid weiß“, so Willich bei Maischberger am Mittwochabend. „Wir wissen alle, es gibt 70.000 bestätigte Virus-Nachweise in Deutschland. Aber ob die wirkliche Zahl viermal so hoch ist, fünfmal so hoch, ist völlig spekulativ.“

Eine andere Frage sei hingegen die nach der Sterblichkeit der Covid-19-Krankheit. Denn darüber wissen wir „schon sehr viel“, erklärt Willich. „Und vor allem, was noch wichtiger ist, wir wissen, für wen diese Erkrankung sterblich ist.“ Denn daraus ergebe sich die Antwort, wen genau wir eigentlich schützen müssen in der Corona-Krise, beziehungsweise, für wen die Erkrankung überhaupt bedrohlich ist.

Coronavirus: Zahlen der Gestorbenen eindeutig

Und eben da seien die Zahlen eindeutig. Nicht nur das, sie sind auch „sehr erfreulich“ und „beruhigend“, so Willich. Denn der Bevölkerungsteil, für den das zutrifft, ist dem Charité-Arzt zufolge äußerst klein.

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Charité-Arzt Stefan Willich im Gespräch mit Moderatorin Sandra Maischberger

Sowohl in Italien als auch in Deutschland habe sich gezeigt, dass diejenigen, die an dem Coronavirus gestorben sind, ein Durchschnittsalter von 80 Jahren haben. Die Hälfte von ihnen hätten zudem noch eine oder sogar mehrere ernsthafte chronische Erkrankung gehabt, wie Diabetes, koronare Herzkrankheit, Nierenfunktionsstörung oder eine Lungenfunktionsstörung.

„Das heißt: Wir haben es hier mit einer sehr speziellen Bevölkerung zu tun und einer sehr kranken Gruppe der Bevölkerung“, so die Schlussfolgerung. „Das sind erstmal sehr, sehr gute Nachrichten. Weil wir wissen, dass für einen ganz großen Teil der Bevölkerung diese Virus-Erkrankung nicht gefährlich ist.“

Charité-Arzt bei Maischberger: Maßnahmen auf Risikogruppe fokussieren

Entsprechend müsse man alle Anstrengungen und Maßnahmen darauf fokussieren, den Schutz für diese Hochrisikogruppe zu gewährleisten.

Die weltweite Befürchtung war es, dass diese intensivmedizinischen Kapazitäten nicht mehr ausreichen, wenn die Infektionszahlen exponentiell ansteigen. So wie in Wuhan oder in Bergamo. Entscheidend dafür sei aber, wie hoch die Zahl der Infizierten ist, die überhaupt in Kliniken oder auf Intensivstationen behandelt werden müssen.

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„Viele Modelle sind von 5 Prozent ausgegangen. Für Berlin kann ich im Moment sagen, es liegt bei unter 1 Prozent. Das heißt, nur ein ganz kleiner Prozentsatz“, ordnet Willich die Zahlen ein. „Das ist erstmal sehr, sehr beruhigend.“

Signifikanter Trend bei Corona-Fallzahlen

Zudem zeige sich im internationalen und europäischen Kontext seit mehr als 5 Tagen ein signifikanter Trend. „Interessanterweise bleiben die Fallzahlen sowohl in Italien, Spanien und Frankreich stabil, wo strikte Ausgangssperren gelten, aber auch in Holland, wo sehr an die Verantwortung der Bevölkerung appelliert wird, wo Geschäfte offen bleiben, wo man rausgehen darf, und auch in Schweden, wo die Schulen und die Kitas geöffnet bleiben“.

Das heißt: Die restriktiven Maßnahmen sind laut Willich nicht der entscheidende Faktor, sondern das Appellieren an die persönlichen Infektionsschutzmaßnahmen. Hände waschen, Abstand halten, einen Mundschutz tragen, wenn man selber infiziert ist, das sei der gemeinsame Nenner im internationalen Vergleich.

„Wohl gemerkt auch in Südkorea, wo es auch keine rigiden Schließungsmaßnahmen gab“, hebt der Charité-Arzt hervor.

Stefan Willich bei Maischberger: „Worauf es wirklich ankommt“

Das, was jeder Einzelne tun kann, die persönlichen Schutzmaßnahmen: „Das scheint mir der Kern der Präventivmaßnahmen, der erfolgversprechend ist. Das ist es, worauf es wirklich ankommt“, so Willich.

Wichtig ist ihm jedoch hervorzuheben, dass die Maßnahmen, die bis Ostern beschlossen wurden, dennoch nicht falsch sind. Denn die Trends in den Fallzahlen müssten sich in den nächsten Wochen erst noch bestätigen.

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