NRW-Pfarrer spricht von Mafia Experte nennt System hinter Tönnies „Sklavenhalterei“

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Peter Kossen, hier am 27.06.2013 in Oldenburg bei einem Gespräch in Sachen Niedrigstlöhne und menschenunwürdiger Umgang von Leiharbeitern in der deutschen Fleischindustrie.

Köln – Pfarrer Peter Kossen sorgt sich seit Jahren um die prekären Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie in Deutschland. Er wurde am Montagabend in der Sendung „Hart aber fair“ (hier lesen Sie mehr) als Gast zugeschaltet. Seine Vorwürfe gegen Tönnies wiegen schwer. Kossen spricht unter anderem von „Sklavenhalterei“ und „organisierter Kriminalität“.

Er selbst hat als Pfarrer im nordrhein-westfälischen Lengerich engen Bezug zu den Menschen aus dem Kreis, in dem auch Tönnies ansässig ist. Ihm sind die Arbeitsbedingungen seit Langem ein Dorn im Auge.

Pfarrer Peter Kossen schildert persönlichen Bezug zu Tönnies-Arbeitern

Kossen zufolge war Arbeiten auch schon vor der Corona-Pandemie gefährlich. „Ich kenne Leute, die arbeiten regelmäßig 250 Stunden im Monat dort. Das war vorher schon gesundheitsgefährdend, aufgrund des psychischen, aber auch allgemeinen Drucks, der dort aufgebaut wird.“

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Kossens Bruder, ein niedergelassener Arzt, habe ihm mehrfach geschildert, was etwa Reinigungskolonnen in solchen Unternehmen erleiden, wenn sie keine Schutzkleidung tragen.

Viele der Arbeiter bei Tönnies sind bei Leiharbeitsfirmen und nicht direkt bei Tönnies angestellt, hebt „Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg hervor. Ein Dickicht, das schwer zu durchschauen sei. Für Plasberg klingt das nach organisierter Verantwortungslosigkeit.

Pfarrer zu Tönnies: „Das ist organisierte Kriminalität“

Auf die Frage, wer von solchen Strukturen profitiert, fällt Pfarrer Kossen ein knallhartes Urteil. „Das ist organisierte Kriminalität“, so Kossen.

Aber es profitierten davon Unternehmer, eine ganze Reihe von Subunternehmern und die, die überteuerte Bruchbuden vermieteten, erklärt der Pfarrer weiter. „Es gibt viele Leute, die davon profitieren, aber viel mehr Menschen leiden darunter.“

Auch die Kunden, die für ein Kilo Fleisch nur 4 Euro irgendwas bezahlen, würden nur vordergründig von den Vorgängen in der Fleischindustrie profitieren. Was jeder Einzelne beim Kauf verliere, sei die Qualität, die bei solch einer Fleischproduktion zwangsläufig auf der Strecke bleibe.

Viel Schlimmer seien aber die Folgen für die Natur. „Ich komme aus einer Gegend, wo einfach auch der Boden, die Luft, das Wasser in Mitleidenschaft gezogen wird, weil dort eben auch so viel billiges Fleisch produziert wird“, sagt Kossen.

Die Landwirte könnten davon nicht leben und schon lange nicht die Leute, die in der Fleischindustrie arbeiteten. Kossens bittere Schlussfolgerung: „Die billige Bratwurst auf dem Grill hat ganz hohe Nebenkosten.“

Kossen bei „Hart aber fair“: Mindestlohn wird bei Tönnies ausgehebelt

Der Pfarrer setzt sich schon seit Jahren für bessere Bedingungen in der Arbeitswelt ein. Bereits 2013 war er für einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro pro Stunde. Bei Tönnies hat Kossen mehrere Mechanismen ausgemacht, die seiner Ansicht nach dafür eingesetzt werden, um diesen Mindestlohn, der auch in der Fleisch-Branche gilt, auszuhebeln.

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Wenn kontrolliert werde, dann werde festgestellt, dass 167 Stunden zwar nach Mindestlohn bezahlt wurden, doch ob und wie die anderen Stunden von den meist über 200 Stunden, die die Arbeiter abreißen müssten, bezahlt wurden, das erschließe sich meistens nicht. Häufig würden sie eben auch gar nicht bezahlt, so Kossens Recherchen.

Doch Kossen legt noch nach: Der Mindestlohn, wenn er denn überhaupt angesetzt wird, werde bei Tönnies dann aber zusätzlich noch durch perfide Mechanismen wieder ausgehebelt, etwa durch horrende Mieten für die Matratzen, die vom Arbeitslohn wieder abgezogen werden oder für den Transport zur Arbeitsstelle und willkürliche Strafgelder.

Pfarrer Kossen: Tönnies-Arbeiter müssen 250 Euro für Matratze bezahlen

„250 Euro sind üblich – und das ist eine Matratze, das ist kein Zimmer, das ist nur ein Schlafplatz, meistens wird der Schlafraum von mehreren Leuten genutzt. Es werden so viel wie möglich Leute in Wohnungen gesteckt, damit man mit auch mit sehr erbärmlichen Unterkünften sehr viel Geld verdienen kann.“

Die Kosten für die Fahrt zur Arbeit hänge davon ab, wie weit man gefahren wird. Aber an der Stellschraube werde viel und gerne gedreht. Wenn man ein bisschen Geld wieder reinholen muss, dann wird die Fahrt eben ein bisschen teurer gemacht.

Ganz schön harte Vorwürfe, für die er in der Sendung natürlich keine konkreten Belege vorlegen kann. Wir haben Tönnies am Dienstag mit den Vorwürfen konfrontiert und warten noch auf eine Stellungnahme des Unternehmens.

Als dann bei „Hart aber fair“ ein O-Ton von Clemens Tönnies eingespielt wird, greift Pfarrer Kossen zu drastischen Worten. Dass das Unternehmen sich jetzt zum Saubermacher der Branche machen will, hält Kossen für irrsinnig und wenig glaubwürdig.

Pfarrer Kossen bei „Hart aber fair“: „Die Sklaven sind die Opfer“

„Man kann mit der Mafia nicht die Mafia bekämpfen. Sie können mit Kriminellen nicht einen Vertrag machen für mehr Rechtssicherheit“, so Kossen.

Das sei nicht nur Herr Tönnies, er traue auch anderen Entscheidern in der Branche ähnlich wenig Gutes zu. „Das bringt überhaupt nichts, die Täter jetzt zu Saubermännern oder sogar zu Opfern zu machen. Da müssen wir schon aufpassen, wer Täter und wer Opfer ist. Die Sklaven sind die Opfer und die Sklaventreiber sind die Täter. Das müssen wir auseinanderhalten.“

Pfarrer Kossen zufolge darf es nicht der Fleischindustrie überlassen werden, für besser Arbeitsverhältnisse zu sorgen.

„Die wissen alle, was in ihren Betrieben läuft. Leider kann man sie im Moment nicht belangen, weil sie das delegiert haben. Weil das möglich ist, diese Arbeit im Kerngeschäft zu delegieren und damit auch die Verantwortung, das ist so nicht richtig“, so Kossen weiter. Er fordert deshalb an dieser Stelle das Verbot der Werksverträge.

„Die Arbeit muss reguliert werden, es muss für Rechtsschutz gesorgt werden. Man kann nicht warten, bis die Leute umfallen.“ (jv)

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