„Hart aber fair“ Einen Teil opfern? Zuschauer stellt unangenehmste Frage von allen

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Große Runde bei „Hart aber fair” am 23. März 2020 zu Gast (von links): Stephan Pusch (Landrat des besonders von Corona betroffenen Landkreises Heinsberg, per Monitor dazu geschaltet), Hendrik Streeck (Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn), Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD, Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz, per Monitor dazu geschaltet),  Stefanie Büll (Krankenschwester einer Intensivstation der Uniklinik Düsseldorf), Heinrich Bedford-Strohm (Vorsitzender des Rates der EKD; Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern), Frank Bräutigam (ARD-Rechtsexperte) und Gastgeber Frank Plasberg.

Köln – Auch in den Talkshows der Nation gibt es derzeit nur ein einziges Thema: Am Montagabend ging es bei „hart aber fair extra“ (ARD, 20.15 Uhr) um die Frage „Es ist ernst – wieviel Freiheit lässt uns Corona noch?“

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Ein Zuschauer aus Bad Marienberg stellt in der Sendung via Facebook eine durchaus unangenehme Frage: „Wäre nicht eine Ausgangssperre speziell für die Risikogruppe denkbar? Natürlich vorausgesetzt, dass sie uneingeschränkte Unterstützung und Versorgung erhält?“

„Herdenimmunität“ gegen Corona?

Ähnliche Ideen wurden auch schon von Experten vorgeschlagen: Während Deutschland zusammen mit vielen anderen EU-Ländern auf Abschottung und Isolation setzt, schlagen andere Wissenschaftler eine ganz andere Strategie vor. Thomas Straubhaar etwa, Wirtschaftswissenschaftler der Uni Hamburg, sagte der „Welt“ vor einigen Tagen: „Wenn sich junge und aktive Menschen gezielt anstecken würden, könnte man die wahren Risikogruppen viel besser schützen. Eine Strategie der kontrollierten Infizierung schickt nicht jüngere und aktivere Personen in Quarantäne. Stattdessen strebt sie direkt danach, die Hochrisikogruppen zu isolieren.“

Auch Großbritannien hat es zuerst so versucht

Großbritannien ist anfangs in der Bekämpfung von Covid-19 einen ähnlichen Weg gegangen, die niederländische Regierung und die Gesundheitsbehörde RIVM hofften auch darauf, dass sich in der Bevölkerung eine sogenannte „Herdenimmunität“ einstellt. Dass also immer mehr Menschen eine Erkrankung überstehen und dann gegen erneute Infektionen mit dem Virus gefeit sind. Entsprechende Äußerungen von Ministerpräsident Mark Rutte sorgten für teils heftige Kritik.

Einen kleinen Teil der Menschen opfern, damit der große Rest der Gesellschaft überlebt? Die Gesundheitsministerin von Rheinland-Pfalz, Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD), bezieht da klar Stellung: „Nein, es geht darum, dass wir gemeinsam dafür sorgen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Egal ob Alt, Jung, ob Risikogruppe oder nicht. Hier sind Solidarität und auch Kraftanstrengung gefragt.“ Man wisse, dass eine generelle Kontaktreduzierung eines der wirksamsten Mittel ist, um eine Ausbreitung einzudämmen. „Und eine Kontaktreduzierung betrifft alle.“

Moderator Frank Plasberg hält dagegen, dass immer mehr Stimmen zu hören wären, die danach fragen würden: Ab wann wird das Opfer der gesamten Gesellschaft zu groß, um eine bestimmte Teilgruppe zu schützen?

Das sagt ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam

Der ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam: „Im Prinzip ist die Suche nach einem milderen Mittel ja eine ganz typische Herangehensweise“, erklärt er. „Aber was steht dagegen auf dem Spiel? Kann man einzelne Gruppen wirklich gegeneinander abwägen? Eine juristisch saubere Lösung gibt es hier nicht.“ Er könne zwar die Grundhaltung verstehen, betont aber, dass es gerade wegen solch einer unangenehmen Frage so wichtig sei zu verstehen, dass durch die Kontaktverbote „die Grundrechte für alle ganz massiv eingeschränkt werden und dass dies nur in einer ganz besonderen Gefahrensituation gilt und nicht der Normalfall ist.“

Der Heinsberger Landrat Stephan Pusch (CDU) erklärt: „Ich möchte in so einer Gesellschaft nicht leben. In einer Gesellschaft, in der die Alten, die für unser aller Wohlstand gesorgt haben, die nach dem Krieg unsere Wirtschaft wiederaufgebaut haben, als Ballast unserer Gesellschaft gelten. Wie eine Gesellschaft mit ihren Schwächsten umgeht, daran sieht man, wie human eine Gesellschaft ist. Ich denke, wir müssen alle gemeinsam durch die Krise durch.“

Er appelliert an die Solidarität aller. Und kommt in diesem Zuge auch gleich noch auf die Politik von US-Präsident Donald Trump zu sprechen: „Dieses ,America First‘ ist etwas, das mir wirklich stinkt im Moment.“ Solch eine Einstellung dürfe nicht eine Gesellschaft ausmachen, so Pusch. Es müsse um das Miteinander gehen. „Denn das Virus hat die Sprengkraft, die Welt sehr zum Negativen zu verändern.“ Klare Worte vom Landrat eines Epizentrums – eines Landrats also, der weiß, wovon er spricht.

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