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Moderatorin Shary ReevesJim Knopf und „Negerkuss“ – das tut weh

shary Reeves Portrait

Moderatorin Shary Reeves, hier bei der 13. Dorint Charity Sports Night 2019 im Dorint Hotel an der Messe in Deutz. 

von Jutta Doppke (dop)

Köln – Shary Reeves (51) ist Schauspielerin, Autorin, Moderatorin, war Profifußballerin, hat eine dunkle Hautfarbe und lebt in Köln. Als Carolin Kebekus am Donnerstag ihre Sendezeit für einen Brennpunkt zum Thema Rassismus nutze (hier lesen Sie mehr), übernahm Reeves das Moderationspult der Komikerin. Wir haben bei Shary Reeves zum Thema Rassismus noch einmal nachgehakt.

Zigtausende gingen am Samstag in Deutschland gegen Rassismus auf die Straße. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Shary Reeves: Die Zeit, als ich mit „Arsch huh“ auf der Straße war. Ich hatte damals das Gefühl, gehört worden zu sein, etwas verbessert zu haben. Jetzt bin ich irritiert, dass man überhaupt wieder auf die Straße gehen muss. Das ist ein Rückschlag. Man verliert die Hoffnung und hat das Gefühl, dass sich nie etwas ändern wird.

Alles zum Thema Carolin Kebekus

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Andererseits bin ich besonders glücklich und stolz auf den Teil der Jugend, die Greta-Thunberg-Generation, der merkt: Wir müssen jetzt etwas tun, weil es unsere Zukunft ist. Es berührt mich, dass sie, indem sie auf die Straße gehen, zeigen: Rassismus geht uns alle an. Es geht darum, die breite Masse zu überzeugen, damit die versteht, wie wichtig es ist, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Auch die vielen Likes und Abos, die ich für die Sendung mit Carolin Kebekus bekommen habe, zeigen, dass das wirklich ein Thema ist und dass Menschen anfangen, es im Alltag umzusetzen. Hier bekommt das Wort „liken“ und „abonnieren“ für mich eine ganz persönliche Bedeutung.

Ist Rassismus in den USA vergleichbar mit dem in Deutschland?

Ja, ist er. Er hat eine ähnliche Form, ist aber viel effizienter, weil er subtiler, unterschwelliger ist. Deshalb habe ich in der Sendung die Bezeichnung „das Erste deutsche weiße Fernsehen“ betont. Wir Menschen aus den Medien müssen aufpassen, weil wir die Meinung der Menschen bilden.

Es passiert häppchenweise und keiner denkt darüber nach. Das ist wie mit dem „Negerkönig“ bei Pipi Langstrumpf und dem „Negerkuss“. Das tut weh, denn man wird auf diese Begriffe namentlich reduziert und gleichzeitig seltsam angeguckt. Oder Jim Knopf. Mein Bruder wurde früher so genannt – und es war nicht nett gemeint. Daher müssen Geschichten wie die der Augsburger Puppenkiste angepasst werden.

Sie verglichen das Verständnis für Rassismus mit Ihrem Verständnis von Schwangerschaften: Sie könnten es nicht wirklich verstehen, weil Sie es nie erlebt haben. Wie aber können Menschen mit heller Haut das nötige Verständnis bekommen? Wir müssen zurück zum Ursprung gehen, auch zum geschichtlichen. Zu den ersten Menschen, die aus Afrika kamen – ich habe in der Schule noch die falschen Geschichten über deren Ursprung gelernt. Auch über Sklaverei und Kolonialismus - darüber redet niemand. Wie die Menschen abgeschlachtet wurden und wie viel der Kolonialismus kaputt gemacht hat. Das hat die Gesellschaft gespalten, damals ist auch das Wort „Rasse“ entstanden. Man hält Kindern diese Geschichte vor und wundert sich dann. Aber weil wir nicht darüber reden, müssen wir alle paar Jahre auf die Straße gehen. Diese Geschichte gehört in die Schulen rein, wir müssen darüber sprechen, denn sie ist ein Teil dieser Entwicklung.

Was lösen die Bilder in den USA in Ihnen aus? Es macht mich traurig und erschöpft mich, das nimmt mich so mit. Ich habe ein Video gesehen von einem 5-Jährigen Mädchen auf einer Demo im Arm eines US-Polizisten. Es hat ihn gefragt: Erschießt du mich jetzt? (hier lesen Sie mehr) Ich hatte selber mit einem Cop ein Erlebnis in den USA. Damals hatte ich nur einen kenianischen Pass und eine deutsche Aufenthaltserlaubnis, war alleine im Auto und bin von einem weißen Polizisten rausgewunken worden. Mir ging wirklich der Arsch auf Grundeis, ich dachte, das war es jetzt mit mir.

Sie ärgern sich oft auch über die Besetzung von Diskussionsrunden im TV zum Thema Rassismus… Wenn man wirklich Eier in der Hose hätte, dann säßen in der ganzen Runde Menschen mit dunkler Hautfarbe und vielleicht auch ein(e) Moderator(in) mit dunkler Hautfarbe. Davon gibt es ja ein paar in Deutschland. Aber ich bin eine Frau, klein und habe die falsche Hautfarbe – da hat man kaum Chancen im deutschen Fernsehen das durchzusetzen.

Helfen Sie mir. Wie kann man denn Ihre Hautfarbe bezeichnen, damit es eben nicht verletzend ist? Es gibt dunkle Haut und helle Haut. So wie es blonde Haare oder rote Haare gibt. Ich bin auch nicht afrodeutsch. Deutschland ist meine Heimat, aber eben auch Tansania und Kenia. Was auch überhaupt nicht geht, ist „people of Color“ mit Farbige zu übersetzten. Denn das wäre colored, das war das Wort für die Menschen, die vom Ku Klux Klan verfolgt wurden. Ich bin auch nicht bunt, sondern ich habe eine ganz eindeutige Farbe, der Basiston bleibt immer der gleiche - auch wenn das Wort historisch schon besetzt ist. Wenn wir „farbig“ sein sollen, ist dann das Gegenteil von uns, in bezug auf die Menschen mit heller Haut, „farblos“?

Was kann man gegen Rassismus tun? Am Ende des Tages ist es die Frage, ob die Person mir gegenüber offen und interessiert genug ist, um sich in mich hineinzuversetzen. Ihr Wille, dass es mir besser geht. Ich lebe nicht dafür, dass alle die gleiche Meinung haben, sondern alle auf dem Planeten miteinander auskommen können.

Rassismus in Deutschland - sind das eher traurige Einzelfälle oder zieht es sich durch unser System? Das ist ein bisschen wie Urlaub machen: Ich hatte zwei super Wochen mit Sonne und vielen schönen Momenten und am letzten Tag wird mir das Portemonnaie geklaut. Das ist das, was als Erinnerung bleibt, wenn ich vom Urlaub erzähle. Wir Menschen sind so gestrickt. Wir hören uns eher das Leid an, die bösen Geschichten.

Es gibt nicht nur das einzelne Arschloch. Es gibt auch ganz viele Demonstranten, ganz viele laute Stimmen, die so wie jetzt unter andrem auf die Straße gehen. Aber die wenigen, die wissen, dass sie dafür der Auslöser sind, heizen den Prozess bewusst immer wieder aufs Neue an. Wir müssen begreifen, wie wichtig es ist, auf die Details zu gucken - und die liegen in den Ursachen.

In der Politik zieht sich Rassismus wie ein roter Faden durch, in den Schulen auch. Oder wie viele Lehrer mit dunkler Hautfarbe kennen Sie? Auch in der Werbung – wobei sich da langsam etwas verändert. Auch beim Fernsehen kommt der Satz: „Wenn wir da jetzt eine schwarze Frau hinstellen, muten wir unseren Zuschauern zu viel zu“. Selbst im Fußball ist es so. Wenn alle jubeln und nur einer im Publikum macht Affengeräusche, dann nimmt man das mit nach Hause. Obwohl man nach einem Sieg doch eigentlich was zu feiern hätte.

Was bedeutet Rassismus für Sie ganz persönlich? Wenn ich auf die Straße gehe, ist es jeden Tag so, dass ich denke „hoffentlich geht es gut heute“. Das Land, in dem ich lebe, ist meine Heimat. Aber das Gefühl, dass es nicht mein Zuhause ist, dazu tragen andere bei. Was andere in mein Leben hineintragen, danach werde ich nicht gefragt. Darauf möchte ich künftig gerne verzichten.