„Unverantwortlich“ Experten nehmen krasse Corona-Thesen von Lungenarzt auseinander

Krankenhaus-Aerzte-Corona

Ärzte arbeiten wegen der Coronavirus-Pandemie weltweit am Limit.

Köln – Die Welt schaut entsetzt auf Italien, tausende Menschen mit COVID-19 sterben den Ärzten unter den Händen weg. Davon unbeirrt behauptet Dr. Wolfgang Wodarg (73), ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter und Lungenfacharzt, dass es kein neues Virus, keine Corona-Krise gibt.

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Sie sei ein „Hype“ von unverantwortlichen Politikern und „Panikmacher“-Ärzten, die Geld machen wollen. „Corona ist nichts weiter als eine andere Art Grippe.“ Was offiziell erzählt werde, sei „alles Lüge, alles Quatsch.“

Wolfgang Wodarg

Wolfgang Wodarg sorgt mit seinen fragwürdigen Corona-Thesen für viel Aufsehen.

Angesichts der aktuellen Fall- und Todeszahlen und der drohenden Ausgangssperre auch bei uns in Deutschland eine steile und sehr gefährliche These. Andere Experten können nicht glauben, was sie da hören, weisen die Aussagen Wodargs als „unverantwortlich“ zurück.

Doch so abwegig dies klingen mag: Das erste Video, das der frühere Gesundheitsamtsleiter von Flensburg letzte Woche postete, wurde schon über eine Million Mal geklickt, ein Skype-Interview mit Eva Herman auf einer rechtspopulistischen Website schauten sich 1,5 Millionen User an. 

Coronavirus-Thesen von Dr. Wolfgang Wodarg im Fakten-Check

Zeit für einen Faktencheck. Zumal der in der eigenen Partei umstrittene Gesundheitsexperte pseudo-wissenschaftliche Halbwahrheiten und Besserwisserei mit bösartigem Spott verknüpft („Europa ist gelähmt vor Angst und China lacht“).

Behauptung: Das Virus ist ein Fake, nicht neu, sondern seit Jahren im Umlauf – viel Lärm um nichts.  

Fakten: Wie „neu“ SARS-CoV-2 ist, ist in der Tat schwer exakt zu sagen. Daraus macht aber auch keiner ein Geheimnis. Allerdings bezweifeln Forscher, dass es das Virus schon Jahre vor den ersten Krankheitsfällen in China gab.

„Allenfalls wenige Monate vor der Entdeckung im Dezember“, schätzt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. „Sollte es schon vorher vorhanden gewesen sein, hätte man die Erkrankten erkannt, die negativ auf die bekannten Atemwegserreger sind, und hätte nach dem neuen Erreger gesucht“, so Stephan Becker vom Institut für Virologie der Universität Marburg.

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Privatdozent Dr. Selcuk Tasci, Chefarzt für Innere Medizin, Pneumologie, Schlaf- und Beatmungsmedizin am Klinikum Siegburg, sagt: „Es wird oft behauptet, SARS-Corona-Viren seien harmlos, da eine Vielzahl dieser Viren seit Jahren in Umlauf sind. Es gibt tatsächlich neben den aktuell benannten auch vier harmlosere Varianten, die oft nur einen Schnupfen auslösen.

Andere Corona-Viren wie das bereits bekannte MERS und das erste SARS-Virus sind aber sehr viel gefährlicher. Das aktuelle SARS-CoV-2 Virus scheint irgendwo dazwischen zu liegen. Also man spricht von 20% ernsthaft kranken und 5% Schwerkranken. Anscheinend überträgt sich das neuartige SARS-CoV-2 allerdings sehr leicht, deshalb auch die extremen Ausbrüche wie jetzt z.B. in Ischgl.“ Oder in Heinsberg.

Behauptung: Die im Vergleich zur Grippe höhere Todesrate durch SARS-CoV-2 ist ein Messfehler.

Fakten: Die Todesrate steht noch nicht fest. Sie ist natürlich höher, je mehr Proben aus Krankenhäusern stammen. Dieser Umstand wird aber nicht unterschlagen, wie Wodarg suggeriert, sondern mit erklärt. Die Tests in Deutschland zeigen ein sich rasch ausbreitendes SARS-CoV-2-Virus, davon ausgehend werden Maßnahmen angepasst. Wie viele Menschen sterben werden, lässt sich erst nach Ende der Pandemie genau berechnen.  

Behauptung: Der an der Berliner Charité neu entwickelte Test auf SARS-CoV-2 ist unzuverlässig, die Virologen wollen am Corona-Hype nur verdienen.

Fakten: Die verkürzte Prüfung des Tests ist der Dringlichkeit geschuldet. Der Test fällt zwar auch auf andere Viren positiv aus, erklärt Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast. Aber diese Viren treten nur bei Fledermäusen auf oder existierten nicht mehr – wie etwa das alte SARS-Virus von 2002. Die Kosten für einen Test – rund 100 Euro – tragen die Krankenkassen.

Behauptung: Es gab keine außergewöhnlichen Fälle dramatischer Erkrankungen weder in China noch in Italien.

Eine Ohrfeige für die über 3400 Toten, allein in Italien. Unfassbar zynisch für Intensivmediziner. Das große Problem bei COVID-19 ist der verhältnismäßig hohe Anteil Erkrankter, die auf Intensivstationen behandelt und künstlich beatmet werden müssen.

Auch bei der Influenza gibt es Virus-Lungenentzündungen, COVID-19 ist aber besonders tückisch. Durch die vielen weit verstreuten Entzündungsherde im Gewebe wird die Sauerstoffaufnahme gestört, während eine klassische Lungenentzündung meist nur einen Lungenflügel betrifft. COVID-19 tritt oft erst zehn Tage nach der Infektion auf und man kann es im Unterschied zu einer bakteriellen Lungenentzündung nicht medikamentös behandeln.

Der Leverkusener Pneumologe Norbert K. Mülleneisen resümiert: „Bei aller berechtigten Kritik an der Hysterie (Stichwort Klopapier etc.), sind Wodargs Aussagen einfach unverantwortlich.“

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