„Dann hilft keine Notbremse mehr“ RKI-Chef Wieler warnt vor kritischer Corona-Lage

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RKI-Chef Lothar Wieler warnt am Donnerstag (15. April) vor der kritischen Corona-Lage.

Berlin – Die Corona-Zahlen steigen immer weiter, die Lage in den Intensivstationen spitzt sich dramatisch zu. Angesichts der kritischen Lage äußerten sich am 15. April um 09.00 Uhr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler. Prof. Dr. Steffen Weber-Carstens, wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters, blickte auf die Lage in den Krankenhäusern.

  • In der dritten Welle der Corona-Pandemie ist keine Entspannung in Sicht – die Zahlen steigen
  • In einer Pressekonferenz äußerten sich Gesundheitsminister Jens Spahn und Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Instituts, zur aktuellen Lage
  • Wieler warnte vor der kritischen Lage: Sollte sich die Entwicklung so fortsetzen, helfe keine Notbremse mehr

Sowohl Spahn als auch Wieler mahnten zuätzliche Maßnahmen an- Während der Gesundheitsminister die Länder dazu aufforderte, nicht erst auf den Beschluss einer „Bundes-Notbremse” zu warten, sondern selbst aktiv zu werden, ging Wieler auf die „dramatische Lage” ein. Impfen und Testen reichten nicht, um die dritte Welle zu brechen, Testen würde das Virus nicht verschwinden lassen. Das wichtigste sei laut RKI-Chef eine noch stärkere Reduktion der Kontakte.

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Corona-Pressekonferenz am 15. April: Das sagen Jens Spahn und Lothar Wieler

  • Auf Nachfrage zu einer möglichen Verschärfung von Maßnahmen wie etwa der Schließung von Schulen bei einem Inzidenzwert von 200, wie von der Regierung vorgeschlagen, erklärt Wieler: „Für meinen Geschmack ist eine 200er-Inzidenzgrenze zu hoch.” Es gebe bei dem Wert bereits zu viele Infektionen. „Das könnte dazu führen, dass man ganze Klassen oder Schulen schließen werden muss, sobald positive Tests vorliegen.” Spahn stimmt dem zu. „Ich kann mir strengere Maßnahmen auch deutlich früher als bei 200 vorstellen.“
  • Wird die Bundesregierung ihr Versprechen halten können, dass bis zum Sommer jeder Bürger ein Impfangebot bekommt? „Stand jetzt: ja”, antwortet Spahn hoffnungsvoll. „Ich bin sehr, sehr sicher, dass wir das im Sommer schaffen werden.”
  • Wie wird der Sommer? Spahn erklärt: „Bis wir eine Gruppenimmunität erreicht haben, wird es bis zum Sommer dauern. Aber was heißt super Sommer?” Die Frage sei derzeit eine andere: „Wie gut gelingt es uns, jetzt die dritte Welle zu brechen. Dann erst bestehe die Chance auf einen besseren Sommer als im vergangenen Jahr.”
  • Wieler erklärt auf Nachfrage eines Journalisten zu möglichen Schulschließungen: „Je höher die Inzidenz, desto höher das Risiko sich anzustecken. Das gilt für jeden, egal wie alt oder wie jung.“ Damit steige auch die Infektion unter Kindern, auch wenn sie nicht in der Häufigkeit krank werden würden wie Erwachsene. Aber auch sie verbreiten das Virus. „Vor allem in den Innenräumen finden die Infektionen statt.“ Das gelte auch für Schulen. „Wenn die Inzidenzen weiter steigen, werden auch die Inzidenzen in Schulen steigen.“ Dann müssten Schulen geschlossen werden, Testen allein helfe nicht. „Sie können das Virus ja nicht wegtesten. Sie können mit Tests nur das Virus erkennen.“
  • Auf Nachfrage von Journalisten erklärt Spahn, wie eine Ausgangssperre aussehen könnte. Es gehe nicht um Spaziergänger am Abend. Es gehe vor allem um persönliche Kontakte wie etwa den Nachbarn, den man mal trifft, weil viele sagen würden: „Den kenn ich, da passiert schon nichts.“ Eine solche Beschränkung sei keine Dauermaßnahme, aber notwendig „im Sinne des Infektionsschutzes“.
  • Prof. Dr. Steffen Weber-Carstens hat das Wort, wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters. Er blickt auf die Lage in den Intensivstationen. Allein in Berlin waren 50 Prozent aller Einsätze Verlegungen von Covid-Patienten. Er bestätigt die kritische Lage in den Krankenhäusern. „Das Ganze gelingt jetzt schon nur, weil wir in den Krankenhäsuern in Berlin Notfallprogramm machen." Zudem fehlten immer mehr Betten auch für andere Notfälle, wie etwa Herzinfarkte oder Schlaganfälle.
  • Wieler: „Wir brauchen eine drastische Kontaktreduktion. Jetzt die dritte Welle brechen, dann testen und impfen. Dann ,Control Covid', so können wir die Pandemie kontrollieren.” Zu glauben, allein Testen würde das Virus verschwinden lassen, sei naiv. Wieler zieht einen Vergleich: „Wir müssen in dieser Kurve mit 30 fahren. Wenn wird da mit 100 fahren, kommen wir von der Straße ab. Dann hilft auch keine Notbremse mehr.”
  • „Die Lage in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen ist dramatisch”, so Wieler. Aber auch die Genesenen müssten betrachtet werden: Einer von zehn leide noch lange an den Folgen einer Corona-Infektion, dem sogenannten „Long Covid”.
  • Wieler wirft einen Blick in die Krankenhäuser und die Intensivstationen: Etwa 9 von 10 Patienten auf Intensivstationen sind Covid-Patienten. Die Zahl der Patienten nimmt jeden Tag zu. „Immer häufiger wird die sogenannte künstliche Lunge gebraucht, die sogenannte Ecmo.” Es gebe immer weniger Behandlungsplätze, auch weil immer jüngere Patienten behandelt werden.
  • Wieler hat das Wort: „Die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich zu. Wir müssen jetzt handeln. Und damit die Gesundheit und Leben von vielen retten.“
  • 558.000 Menschen wurden in Deutschland bereits vollständig geimpft. „Doch leider kommen diese Fortschritte nicht so zum Tragen, wie man es sich wünschen würde.“ Das liege an den aktuell steigenden Fallzahlen. „Wir müssen erst das Infektionsgeschehen in den Begriff bekommen.“
  • Spahn: „Was wir jetzt versäumen, wird sich in zwei, drei Wochen rächen. Wir wissen aus dem Herbst, was passiert, wenn wir nicht rasch genug handeln.“
  • Spahn beginnt mit drastischen Worten: „Jeder Tag zählt gerade in dieser schwierigen Lage.“ Die Zahlen sind zu hoch und sie steigen weiter. „Die eindringlichen Appelle der Intensivmediziner, wir sollten darauf hören.“ Spahns klarer Appell an die Länder: „Man muss nicht auf das Bundesgesetz warten, das nächste Woche beschlossen werden soll. Man kann bereits jetzt handeln.“ (mg)

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