„Das ist absolut üblich“ Bonner Top-Virologe Hendrik Streeck wehrt sich gegen Kritik

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Der Bonner Virologe Professor Hendrik Streeck leitet die bedeutende Corona-Studie im Kreis Heinsberg.

Bonn – Der Bonner Top-Virologe Hendrik Streeck (42) hat Kritik an der Veröffentlichung eines Zwischenergebnisses zu einer Studie in der vom Coronavirus besonders betroffenen Gemeinde Gangelt in Nordrhein-Westfalen zurückgewiesen.

Bonner Top-Virologe Hendrick Streeck wehrt sich gegen Kritik

Dem „Tagesspiegel“ aus Berlin sagte der Wissenschaftler der Uni Bonn am Sonntag, dass die Feldstudie alle Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO einhalte. „Wir übererfüllen sogar diese Empfehlungen“, sagte Streeck zu der Studie, die 1000 Menschen aus 400 Haushalten untersucht.

Auch wies Streeck Kritik zurück, das Zwischenergebnis sei zu früh veröffentlicht worden. „Die Veröffentlichung ist keinesfalls leichtfertig erfolgt. Wir haben bis in die Nacht auf Donnerstag darüber diskutiert, ob wir jetzt erste Daten präsentieren sollen. Wir entschieden uns dazu aus ethischen Gründen, und weil wir uns verpflichtet fühlten, einen nach wissenschaftlichen Kriterien erhobenen validen Zwischenstand vor Publikation mitzuteilen.“ Das sei absolut üblich.

Streeck: „Zwischenergebnisse ermöglichen wissenschaftliche Diskussion“

„Zwischenergebnisse werden auf Kongressen ständig und auf der ganzen Welt mitgeteilt. Nur dies ermöglicht eine jeweils aktuelle wissenschaftliche Diskussion.“ Zu behaupten, dies sei unwissenschaftlich, stimme schlichtweg nicht, beklagte der Forscher.

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Laut dem am vergangenen Donnerstag (9. April) vorgestellten Zwischenergebnis der Studie hätten 15 Prozent der Bürger in der Gemeinde Gangelt nun eine Immunität gegen das Virus ausgebildet. Die Wahrscheinlichkeit, an der Krankheit zu sterben, liegt demnach, bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten, bei 0,37 Prozent. Die in Deutschland derzeit von der amerikanischen Johns Hopkins University berechnete entsprechende Rate liegt mit 1,98 Prozent um das Fünffache höher.  

Bonner Virologe Streeck gehört zu gefragtesten Experten

Streeck (Hier lesen Sie mehr: Hendrik Streeck angezeigt: Wer steckt dahinter?) gehört seit Wochen zu den gefragtesten Experten in der Corona-Krise. In zahlreichen Fernseh-Auftritten gab der Leiter der Virologie an der Uniklinik Bonner immer wieder aktuelle Einschätzungen zur Lage rund um COVID-19 ab.

Eine wichtige Rolle spielt er auch in der Forschung rund um das Coronavirus. Im Kreis Heinsberg, dem ersten Epizentrum der Corona-Pandemie in Deutschland, führt er mit seinem etwa 70-köpfigen Team die bislang größte Studie zur Verbreitung des Virus durch (hier lesen Sie mehr).

Die Forschungsarbeit in Heinsberg sei allerdings auch mit viel Druck verbunden, wie Streeck am Dienstag (7. April) erklärt hatte. Die Ergebnisse der Studie werden genau beobachtet und könnten entscheidenden Einfluss auf den künftigen Umgang mit dem Coronavirus in Deutschland haben.

Coronavirus: Bonner Virologe Hendrik Streeck leitet „Harakiri-Aktion“ in Heinsberg

„Wir versuchen eben schnell zu arbeiten, aber gleichzeitig die größte wissenschaftliche Sorgfalt zu haben. Und das empfinde ich schon als Druck“, sagte Streeck der dpa. Die Politik wolle möglichst schnell mit Entscheidungen auf neue Erkenntnisse reagieren, entsprechend groß ist auch die Verantwortung der Studie.

In der Kleinstadt Gangelt (13.000 Einwohner) werden etwa 1000 Testpersonen aus insgesamt 500 Familien untersucht, das improvisierte Studienzentrum wurde in einer Schule eingerichtet. Streeck hatte die Arbeit vor Ort vorab als „Harakiri-Aktion“ bezeichnet.

Auch wenn vor allem kurzfristige Ergebnisse gefragt seien, plant Streeck auch eine Langzeitbeobachtung des Coronavirus in Heinsberg: „Wir werden auch wahrscheinlich im Nachgang versuchen, dass wir zum Beispiel alle paar Wochen in Gangelt wieder testen dürfen.“

Coronavirus: Bonner Virologe Hendrik Streeck informiert im Facebook-Livestream zu Heinsberg

Auf der Facebook-Seite „Heinsbergprotokoll“ informieren die Macher der Studie laufend über aktuelle Entwicklungen. Ein für Dientag geplanter Livestream, in dem sich Streeck zu den ersten Erkenntnissen äußern und Zuschauerfragen beantworten sollte, wurde wegen des engen Zeitplans verschoben.

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Der Landrat des Kreises Heinsberg Stephan Pusch (r.) mit Professor Hendrik Streeck und der Oberärztin Ricarda Schmitthausen von der Uniklinik Bonn

Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet, sie könnten entscheidenden Einfluss auf den künftigen Umgang mit dem Coronavirus in ganz Deutschland haben. Landrat Stephan Pusch adelte die Studie in seinem Landkreis als „nobelpreisverdächtig“, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet stimmte einer Finanzierung der Studie umgehend zu.

Die Studie geht dabei über die Untersuchung der Personen durch Rachenabstrich und Blutprobe hinaus. Es werden auch Flächen und Gegenstände wie Türklinken oder Fernbedienungen auf Spuren des Coronavirus überprüft, auch aus dem Abwasser wurden Proben entnommen. (bc/dpa)

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