Was hab' ich eigentlich im Kopf? In Bonn wird mit populären Gehirn-Mythen aufgeräumt

Im Präpariersaal der Medizinischen Fakultät an der Martin-Luther-Universität hält die Direktorin des Institutes das Gehirn eines Körperspenders in den Händen.

Das menschliche Gehirn (hier ein Foto aus dem Präpariersaal der Medizinischen Fakultät der Universität Halle) ist der Tausendsassa unter den menschlichen Organen. Es enthält in etwa 90 Milliarden Nervenzellen.

Es ist das spannendste und komplexeste Organ des Menschen: das Gehirn. Die Bonner Bundeskunsthalle blickt nun hinter unsere Schaltzentrale und enttarnt so manchen Mythos. 

Wenn man mal so vor sich hin „hirnt“, Gedanken spinnt oder Gehirnschmalz aufwendet, wird man schnell feststellen, was der Schriftsteller George Bernard Shaw (1856-1950) schon vor Jahrzehnten konstatierte: „Ein ungeübtes Gehirn ist schädlicher für die Gesundheit als ein ungeübter Körper“.

Und über das Gehirn sind viele Mythen in Umlauf. Stimmt es, dass wir nur zehn Prozent unserer Hirnkapazität nutzen? Und Mathematiker vor allem die linke Hälfte? Die Bundeskunsthalle will mit der Ausstellung „Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft“ (seit 28. Januar; bis 26. Juni 2022) Antworten geben.

Ausstellung in Bonn thematisiert Gehirn von Genialität bis Demenz

Das bewegendste Exponat in der neuesten Ausstellung der Bundeskunsthalle in Bonn ist gar kein Kunstwerk. Es ist der Zettelkasten eines 2005 verstorbenen Demenz-Patienten. Viele hundert verschiedenfarbige handbeschriebene Blättchen, mitunter auch mit Zeichnungen versehen, hat der offenbar hoch gebildete Mann angefertigt. „Wann war Scheidung?“, steht auf einem. Mitunter wird es geradezu philosophisch: „Daheim oder ins Heim?“ Vielleicht am traurigsten: „Wie erreiche ich Karin?“ Karin war seine Tochter.

Die Ausstellung "Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft" ist vom 28. Januar bis 26. Juni 2022 in der Bundeskunsthalle zu sehen.

Die Ausstellung „Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft“ in der Bonner Bundeskunsthalle zeigt auch diesen Zettelkasten eines Dementen. Quasi das „Ersatzgehirn“ des betroffenen Mannes.

Im Mittelpunkt der Ausstellung in Bonn stehen die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung. Sie werden besucherfreundlich auf fünf sehr konkrete Fragen heruntergebrochen:

  • Frage 1: Was habe ich im Kopf? Antwort: Ziemlich wenig. Das Gehirn ist nicht nur weich wie Wackelpudding, es ist auch viel kleiner, als viele glauben. Man geht davon aus, dass es seit 100.000 Jahren nicht mehr wesentlich gewachsen ist. Der Grund: Der Stoffwechsel könnte ein noch größeres Gehirn nicht mehr versorgen. Schon jetzt verbraucht das Gehirn – obwohl es nur zwei Prozent der Körpermasse ausmacht – sogar in Ruhestellung 20 Prozent der gesamten Energie.
  • Frage 2: Wie stelle ich mir die Vorgänge im Gehirn vor? Häufig ziemlich falsch. Wie in früheren Zeiten sind auch heute zahllose Mythen in Umlauf, zum Beispiel, dass Mathematikerinnen und Naturwissenschaftler vor allem die linke Hälfte des Gehirns nutzen, weil da Logik und Rationalität beheimatet sein sollen. Dichter, Malerinnen und Rockstars dächten dagegen eher mit der rechten Hälfte, in der Kreativität und Intuition angesiedelt seien. Stand der Wissenschaft ist laut Ausstellungskatalog: Da ist überhaupt nichts dran!

Bonner Ausstellung zeigt Schädel von Philosoph Descartes („Ich denke, also bin ich“)

  • Frage 3: Sind ich und mein Körper dasselbe? Das ist teilweise Glaubenssache. Die Hirnforschung verzichtet auf Begriffe wie „Seele“ und „Geist“, sie spricht lieber von „Bewusstsein“. Sogenannte Nahtoderfahrungen führen die Wissenschaftler schlicht auf eine Unterversorgung des Gehirns zurück.
    Für die Hospizarbeiterin Linda Bulthaup steht dagegen unverrückbar fest, dass der Mensch eine Seele hat. Sterbende berichten ihr oft über die Anwesenheit ihrer Eltern und Großeltern. „Mitunter so realistisch, dass mir manchmal etwas mulmig wird und ich mich frage, ob nicht vielleicht wirklich jemand mit uns im Raum ist.“
    Die Bundeskunsthalle wartet dazu mit einem ganz besonderen Ausstellungsstück auf: Sie hat aus Paris den Schädel von René Descartes an Land gezogen, und das ist kein Geringerer als der Erfinder von „Ich denke, also bin ich“. Auf dem Totenkopf steht eine Inschrift, wonach der große Philosoph seit seinem Tod 1650 „in den Sphären des Himmels“ schwebt.
  • Frage 4: Wie mache ich mir die Welt? Wie es mir gefällt natürlich. Beispiel: In einem Experiment wurden Studierende in ein Professorenzimmer geschickt, in dem ein fast leeres Bücherregal stand. Ein paar Stunden später sollten sie den Raum beschreiben. Die meisten sagten: Da stand ein volles Bücherregal. Denn das erwartet man eben: Professor gleich volles Bücherregal. Das Gehirn speichert den Raum nicht exakt so ab, wie er ist, sondern wie er aufgrund vieler zuvor gemachter Erfahrungen sein müsste. Das ist normalerweise wesentlich effizienter.
  • Frage 5: Soll ich mein Gehirn optimieren? Kommt drauf an. Schon heute helfen Implantate im Gehirn bei der Linderung von Krankheiten wie Parkinson. Vielleicht geht die Entwicklung langfristig in Richtung Cyborg. Aber der vielzitierte Satz „Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns“ ist frei erfunden. Es wird damit unter anderem suggeriert, dass man sein Gehirn trainieren kann, um intelligenter zu werden. Aber: „Etliche Untersuchungen haben belegt, dass besonders kluge Menschen mit links und ohne große Gehirnanstrengung erledigen, was von weniger begabten Menschen nur mit viel Energieaufwand zu schaffen ist.“

Und während sich eingangs dieses Textes George Bernard Shaw eher philosophisch zum Thema Gehirn einließ, fasst es Feldherr Napoleon (1769-1821) hier militärisch-zackig zusammen: „Ein Kopf ohne Gehirn ist wie eine Festung ohne Besatzung“... (smo/dpa) 

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