Erste Corona-Modelle So lange wird die Krise dauern, so viele Tote könnte es geben

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Köln – Wie lange wird uns das Coronavirus beschäftigen und unser Leben einschränken? Und wie viele Tote werden wir zu beklagen haben? Bislang gab es nur Vermutungen, doch jetzt haben Wissenschaftler mögliche Szenarien skizziert, die für Diskussionen sorgen.

Überall in Deutschland sind die Straßen und Plätze deutlich leerer geworden. Die Menschen – junge wie alte – scheinen verstanden zu haben, um was es in der Corona-Krise geht: Dafür zu sorgen, dass die Ansteckungsrate niedrig bleibt und in der Folge Erkrankte in behandelbarer Anzahl die Krankenhäuser aufsuchen.

Aber wie lange wird das so gehen? Wie lange wird es dauern, bis die Menschen das Leben wieder in etwa so führen können, wie noch vor gut zwei Wochen? Vielen droht jetzt schon der „Hüttenkoller“, ganze Berufszweige stehen vor dem Aus, Einzelhändler, Selbstständige, Unternehmer – niemand weiß, was kommt und vor allen Dingen: Wie lange wir mit diesen restriktiven Maßnahmen leben müssen.

Coronavirus: Mögliche Szenarien, keine belastbaren Prognosen

Diverse Berechnungsmodelle über die Ausbreitung von Sars-CoV2 sind im Umlauf. Derzeit gibt es mindestens drei durchaus eindrucksvolle „Pandemie-Simulatoren“.

Wichtig: Es sind immer lediglich mögliche Szenarien und keine belastbaren Prognosen. Forscher wissen nach wie vor noch nicht genug über das Coronavirus, um verlässliche Aussagen treffen zu können. Die Modellberechnungen (Parameter stehen am Ende des Artikels) zeigen jedoch, wie und wann Maßnahmen wirken können.

Bei allen Modellrechnungen wird deutlich: Solange keine wirksamen Medikamente oder eine Impfung entwickelt werden, wird der Kampf gegen das Coronavirus andauern – oder der Preis verheerend hoch sein.

Coronavirus: Wenig Ansteckungen, lange Dauer

Denn als Faustregel gilt: Je mehr Ansteckungen wir durch soziale Distanz, Ausgangsbeschränkungen oder -sperrungen verhindern, desto länger wird es dauern, bis die Krankheit keine neuen Wirte mehr findet („Durchseuchung“).

Auf die aktuelle Situation gemünzt würde das bedeuten: Die Kurve der Neuinfektionen wird in den kommenden Wochen (hoffentlich) flacher (#flattenthecurve), aber dafür grassiert das Virus länger. Läden bleiben also weitere Wochen geschlossen, ebenso Restaurants, die Schulen, Kitas, etc. Auch Konzerte, Fußballspiele und Versammlung wird es auf Monate in der bekannten Form nicht geben.

Coronavirus-Szenario vom Neherlab der Universität Basel

Die hier verwendeten Modellberechnungen basieren auf das Neherlab der Universität Basel. Sie starten alle am 1. März 2020. In der Simulation sind zu diesem Zeitpunkt 1710 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Gerechnet wird damit, dass im Schnitt ein Prozent der an der durch das Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 Erkrankten stirbt.

Coronavirus-Simulation No. 1: Keine Einschränkungen, ungebremster Ausbruch

Bei einem ungebremsten Ausbruch, also ohne jegliche Restriktionen, wären in Deutschland am 9. Mai 2020 22,6 Millionen Personen gleichzeitig infiziert. Zwei Monate später wären durch diese zügige Durchseuchung der Bevölkerung nur noch gut 60.000 Menschen Träger des Coronavirus.

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Die verschiedenen Verläufe von Sars-CoV-2 in drei Modellberechnungen.

Die Krise wäre also schnell vorbei. Der Preis indes wäre immens: Den Modellrechnungen zufolge bräuchten dann zwischen März und Juli etwa 500.000 Menschen gleichzeitig eine intensivmedizinische Behandlung.

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Dramatische Situation: Wenn es KEINE Restriktionen gäbe, könnten wir im Mai und Juni die Infizierten nicht versorgen. Das Gesundheitssystem würde kollabieren.

Zur Erinnerung: Deutschland hat nur ca. 24.000 Intensivbetten mit Beatmungseinheit. Binnen weniger Monate könnten mehrere 100.000 Menschen in Deutschland sterben. Etwa 70 Millionen Deutsche hätten sich bis zum Sommer mit dem Coronavirus infiziert und die Krise überstanden.

Coronavirus-Simulation No. 2: Moderate Einschränkungen, gebremster Ausbruch

Die zur Zeit in Deutschland gefahrene „Flatten the curve“-Strategie – also u.a. Geschäftsschließungen und die Aufforderung, soziale Distanz einzuhalten, Schulen zu schließen, alle Veranstaltungen abzusagen und Menschenansammlungen zu unterbinden – bremst die Verbreitung des Virus.

Die Kurve mit den Neuinfektionen wird flacher. Zwischen dem 8. und 10. Juni gäbe es allerdings den Berechnungen zufolge fast 7,9 Millionen Menschen, die zeitgleich mit dem Coronavirus infiziert sind, der Höhepunkt der Infiziertenkurve. Weniger als 100.000 wären es dann drei Monate später im September. Unter dem Strich: Die hohe Anzahl der gleichzeitig an Sars-CoV-2-Erkrankten würde das deutsche Gesundheitssystem auch in diesem Fall sprengen.

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Der moderate Verlauf der Modellberechnung.

Selbst unter Berücksichtigung der bisherigen Aussagen des Robert Koch-Instituts, dass 80 Prozent der Erkrankungen einen milden Verlauf haben, wären auf dem Höhepunkt der Krise knapp 200.000 Personen gleichzeitig auf intensivmedizinische Betreuung angewiesen. Zu viel für die vorhandenen Kontingente. Todeszahl: etwa 500.000.

Coronavirus-Simulation No. 3: Die flache Kurve

Im dritten Modell, welches „Spiegel Online” als erstes Medium berechnet hat, wird davon ausgegangen, dass es irgendwie gelingt, die Zahl der schwer Erkrankten auf einem Niveau zu halten, das der Zahl der zur Verfügung stehenden Intensivbetten entspricht – also nie mehr als gleichzeitig etwa 24.000 Personen.

Die übrigen Betten werden ja auch noch für Intensiv-Patienten gebraucht, die nicht unter Covid-19 leiden. Dann wäre die Corona-Krise zwar für das deutsche Gesundheitssystem zu bewältigen und es gäbe in der Spitze maximal etwa 450.000 Infizierte, aber erst im Januar 2021. Die Zahl der Todesopfer liegt zum 1. März 2021 bei etwa 100.000.

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Zeitlicher Verlauf, wenn die Zahl der vorhandenen Betten ausreichen sollen.

Gleichzeitig hieße dies aber, dass die Maßnahmen zu dieser massiven Reduzierung der Neuinfektionen deutlich länger als ein Jahr lang aufrechterhalten werden müssten. Das würde nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozialpolitisch und gesellschaftlich gravierende, langandauernde und bislang nicht auszumalende Folgen haben.

Richard Neher zum Coronavirus: Es wird eine lange Abwehrschlacht

Professor Richard Neher spricht im Gespräch mit „Spiegel” von einer „langen Abwehrschlacht“, die die Welt führen müsse, um wiederholte Ausbrüche des Virus zu verhindern. Sein unmissverständlicher Hinweis: „Solange ein großer Teil der Bevölkerung nicht infiziert ist, sind die Restriktionen nötig, um ein erneutes Ansteigen der Fallzahlen zu verhindern.“

Die Parameter der Neherlab-Simulation

  • Jeder Infizierte steckt 2,7 weitere Personen an
  • Es dauert jeweils fünf Tage bis erste Symptome bemerkt werden
  • Infizierte sind drei Tage lang ansteckend
  • Jeden Tag werden fünf neue Fälle aus dem Ausland importiert
  • Schwere Fälle befinden sich vier Tage im Krankenhaus
  • Kritische Fälle befinden sich 14 Tage im Krankenhaus
  • Zu Beginn der Berechnung Anfang März hat Deutschland 1710 aktive Fälle
  • Es stehen 500.000 Krankenhausbetten zur Verfügung

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