Sozialer Stillstand wegen Corona Psychologe sagt, wann es „hochproblematisch” wird

Daniel Wagner_Psychologe Koeln

PD Dr. Dr. M.Sc.-Psych. Daniel Wagner, Psychologischer Psychotherapeut aus Köln

Köln/Leipzig – Die Situation in Deutschland mit der Ausbreitung des Coronavirus verschärft sich zunehmend.

Angela Merkel fordert die Deutschen auf, soziale Kontakte weitgehend einzustellen – „wo immer das möglich ist”, betont die Bundeskanzlerin. Am Sonntag (22. März) will Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder über Ausgangssperren in der Corona-Krise beraten.

Was macht der Wegfall des sozialen Lebens mit uns, mit unserer Psyche?

EXPRESS hat bei dem Kölner Psychologen Dr. Dr. Daniel Wagner und dem Sozialpsychologen Immo Fritsche von der Uni Leipzig nachgehakt.

Coronavirus: Gesellschaft steht vor ganz neuer Herausforderung

Soziale Kontakte seien „sehr wichtig” für die psychische Gesundheit, sagt Daniel Wagner.

„Eine Einschränkung auf lange Zeit wäre ungesund. Insbesondere wenn zusätzlich Bewegung, Hobbys und positiv besetzte Aktivitäten wegfallen und die Situation längerfristig ungewiss bleiben würde.”

Eine ausgeprägte Zunahme an psychischen Erkrankungen, etwa durch eine Ausgangssperre, ist laut Wagner zwar vorerst nicht zu erwarten, da es sich nicht um eine Dauerbelastung handele und Kontakt innerhalb des Haushaltes und auch über Internet und Telefon noch möglich sei.

Gleichzeitig könnten Teile der Bevölkerung, insbesondere jene, die von der Krise besonders betroffen und auf stabilisierende Hilfe angewiesen sind, durchaus unter der Situation leiden.

Soziale Netzwerke wichtig für psychische Gesundheit

Wie genau sich die Corona-Krise auf die menschliche Psyche auswirkt, könne man nicht genau sagen, weil wir „eine ähnliche Situation noch nie” gehabt hätten, betont Sozialpsychologe Fritsche.

Grundsätzlich gebe es in der Psychologie aber eine „überwältigende Befundlage, dass soziale Isolation schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen haben können”.

Heißt: Das Ausmaß, in dem man in soziale Netzwerke eingebunden ist, sagt viel darüber aus, wie es einem gesundheitlich geht.

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Aktuell fallen (persönliche) soziale Kontakte und Netzwerke weg. Digitale Netzwerke wie Facebook und Co. können den persönlichen Kontakt mit Menschen nur bedingt ersetzen, so der Sozialpsychologe.

Deshalb sei es wichtig, wie gut wir unsere bisherige Form von sozialem Kontakt ersetzen oder kompensieren können, zum Beispiel durch Kontakt zu Nachbarn. Mit der nötigen Distanz, versteht sich.

„Möglicherweise entdeckt man soziale Beziehungen oder Netzwerke, derer man sich vorher gar nicht bewusst war, dass man sie hat.”

Es hänge nun von der Flexibilität des Einzelnen ab, andere Formen des Kontakts zu finden und seinen Alltag insgesamt umzustrukturieren.

Soziale Isolation kann auch Entlastung darstellen

Der erzwungene soziale Rückzug, wenn man plötzlich aus dem Alltag und allen „Automatismen” rausgezogen werde, könne laut der Experten aber auch positive Effekte für den Einzelnen haben.

Stichwort: Entschleunigung. Wenn man plötzlich aus seinen permanenten „To-Do's” rauskomme, nicht mehr im Berufsverkehr stehe usw., könne, zumindest für nicht erkrankte Personen, erst mal eine Entlastung sein, so Psychologe Daniel Wagner.

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Zudem könnten sich Partner, Familien oder auch Wohngemeinschaften durch einen häuslichen Rückzug „ganz neu finden”.

„Ich glaube, darin steckt tatsächlich eine große Chance, sich wieder stärker miteinander auseinanderzusetzen”, so Daniel Wagner. Gleichzeitig stelle genau das, insbesondere für Eltern, eine große Herausforderung dar.

Ob innerhalb der Familie oder in einer Partnerschaft, die permanente Auseinandersetzung miteinander könne auch zu Streit führen, so der Psychologe. Dies hänge natürlich mitunter davon ab, wie die Beziehung bereits vor der Corona-Krise aussah, sagt Fritsche.

Sozialer Rückzug durch Coronavirus: „Wir können auch profitieren”

Eine positive Beobachtung des Psychologen Daniel Wagner sei die konkrete Solidarität, die man aktuell etwa in sozialen Netzwerken beobachten kann. Menschen bieten anderen aus Risikogruppen ihre Hilfe an. „Das ist etwas, wovon wir gesellschaftlich profitieren können”, sagt Wagner.

Und der Kölner Psychologe und Psychotherapeut merkt noch einen weiteren positiven Aspekt an: „Ich könnte mir sogar vorstellen, dass im Rahmen einer kollektiven Krise manche (psychischen) Probleme in den Hintergrund treten oder weniger belastend wirken und wir uns darauf besinnen, was uns im Leben wirklich wichtig ist.

Wir sehen zum Beispiel in Kriegszeiten, dass Depressionsraten runtergehen, wenn auf einmal so ein existenzieller Modus angestoßen wird.”

Corona-Krise: Problem für ohnehin sozial isolierte Personen

Insgesamt sei es natürlich „unglücklich”, unfreiwillig in die eigenen vier Wände gezwungen zu werden. Entscheidend sei laut Einschätzung des Kölner Psychologen die Dauer des sozialen Rückzugs, etwa durch eine Ausgangssperre.

Personen, die schon zuvor unter sozialer Isolation gelitten haben, sind nach Ansicht des Sozialpsychologen Immo Fritsche stärker betroffen, weil deren Grundbedürfnis nach sozialen Kontakten ohnehin erhöht sei. Kritisch sieht er in diesem Zusammenhang etwa die Besuchsverbote in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.

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Eine Gefahr sieht Fritsche auch in der Stigmatisierung von Infizierten oder möglicherweise Infizierten. In diesem Fall könne man aber entgegenwirken, indem man betont, dass die Ausbreitung des Coronavirus ein kollektives Problem ist.

Vorteil der Corona-Krise: Wir sind alle gleichermaßen betroffen

Auch Psychologe Daniel Wagner hält die Tatsache, dass „wir kollektiv alle da drin stecken” für einen Vorteil in der momentanen Situation. „Es wäre viel schwieriger, wenn man alleine betroffen wäre. Das wäre wie Hausarrest. Wenn ich aber weiß, es geht allen so, macht es das leichter.”

Dies könne die Gesellschaft ein Stück weit auch zusammenschweißen. Wie das aussehen kann, sieht man zurzeit in Italien, wo Menschen auf ihren Balkonen miteinander singen und musizieren und so ein positives Gemeinschaftsgefühl fördern.

„Wenn wir uns bedroht fühlen, beispielsweise durch Ansteckungsrisiken, neigen wir dazu, das zu tun, was die Mehrheit tut”, ergänzt Sozialpsychologe Fritsche.

Eine Schattenseite davon: Menschen werden in ihrem Denken autoritärer, sprich intoleranter gegenüber Abweichungen des allgemein für richtig befundenen Verhaltens. Beispiel: Wenn innerhalb der Familie einer aus der Reihe tanzt und sich nicht an die Regeln hält, muss er in so einer Extremsituation mit einer strengeren Reaktion der restlichen Gruppe rechnen.

Kölner Psychologe: Dauer des sozialen Rückzugs entscheidend

Für die durch das Coronavirus bedingte Situation in Deutschland ist Daniel Wagner zurzeit noch optimistisch: „Das kann man durchaus mehrere Wochen gut aushalten.” Würde der Zustand für Jahre andauern, wovon aktuell nicht auszugehen ist, wäre es natürlich „hochproblematisch”, so der Psychologe.

Dass die häusliche Quarantäne oder der vermehrte soziale Rückzug „ganz schnell zu starken Folgen der Psyche” führen wird, glaubt Daniel Wagner nicht.

Aktuell sei die Situation in erster Linie für diejenigen schwierig, die wirklich gesundheitlich betroffen sind, an bestimmten psychischen Vorerkrankungen leiden oder durch die Krise wirtschaftliche Folgen zu spüren bekommen.

Unterstützung für Menschen mit psychischem Leidensdruck

Dennoch könnte mittelfristig ein erhöhter Bedarf an Unterstützung in psychischen Krisensituationen entstehen. „Auch hierauf sollten wir gesellschaftlich vorbereitet sein und eine gute Versorgung, insbesondere durch ausreichende Plätze in psychotherapeutischen Praxen, gewährleisten” so der Experte.

Laut Wager statten sich psychotherapeutische Praxen bereits aus, um auch per Videosprechstunde in Kontakt mit ihren Patienten zu bleiben.

Menschen, die psychisch unter der aktuellen Situation leiden, sollten sich laut Wagner frühzeitig an psychotherapeutische Praxen wenden.

Coronavirus: So wirken Sie psychischen Problemen entgegen

Für eine gewisse Zeit könne Nichtstun aber sogar richtig regenerierend wirken, sagt Wagner. Wichtig sei, so der Kölner Psychologe, dass man nicht den ganzen Tag auf dem Sofa liege.

Das wäre schon nach wenigen Wochen ungesund, weil unser Kreislauf runterfahre, wir träge und antriebslos werden. Auch zu Hause könne man mit leichten Übungen körperlich fit bleiben.

Dank WhatsApp und Co. können Menschen außerdem weiterhin mit Familie, Freunden und Bekannten in Kontakt bleiben.

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„Und wer weiß, vielleicht haben wir alle in ein paar Wochen wundervoll organisierte Haushalte” – wenn das mal nicht doch zu optimistisch ist...

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