„Das ist ganz heftig“Judenhass in Köln? Experte liefert erschreckende Einblicke

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Wie groß ist der Judenhass in Köln? Die neue Antisemitismus-Meldestelle gibt Aufschluss. Auf dem Foto gehen Menschen in Gelsenkirchen am 14. Mai unter dem Motto: „Kein Platz für Antisemitismus“ auf die Straße. 

von Madeline Jäger (mj)

Köln – Erst seit zwei Monaten gibt es in Köln die Meldestelle für Antisemitismus. Doch schon jetzt schildert das Team erschreckende Vorfälle. Nach dem eskalierten Nahost-Konflikt und der antisemitischen Demonstration in Gelsenkirchen am Mittwoch (12. Mai) ist auch das Team der Kölner Meldestelle sensibilisiert und gibt im EXPRESS-Gespräch Einblicke in den auch in Köln vorhandenen Alltags-Antisemitismus. 

  • Antisemitismus in Köln
  • Schmierereien in der Innenstadt und Alltags-Antisemitismus
  • Eskalierter Nahost-Konflikt: So sieht die Kölner Meldestelle für Antisemitismus die Lage

Köln: Neue Meldestelle für Antisemitismus – jede Erscheinungsform von Judenhass kommt auch in Domstadt vor

Doch klar ist: Antisemitismus in Köln ist kein aktuelles und temporäres Phänomen, sondern gehört für die Kölnerinnen und Kölner jüdischen Glaubens zum traurigen Alltag.

„Seit es die Kölner Meldestelle für Antisemitismus gibt, erreichen uns verschiedene Meldungen. Im Moment spricht alles dafür, dass die unterschiedlichen Erscheinungsformen, die der Antisemitismus in Deutschland kennt, auch in Köln auftreten. Gerade jetzt ist natürlich der israelbezogene Antisemitismus stark verbreitet“, sagt Daniel Vymyslicky von der Kölner Meldestelle gegenüber EXPRESS.

Und kommt dann auf einen brandaktuellen Fall mitten in der Kölner Innenstadt zu sprechen.

Köln: Schmierereien an der Ehrenstraße – „Das ist ganz heftig“

„Vor zwei Wochen wurden drei Stolpersteine auf der Kölner Ehrenstraße mit den drei Buchstaben: „BDS“ beschmiert – also der deutliche Bezug zur Boykottbewegung gegen Israel. Das ist natürlich ein ganz klarer Fall von Antisemitismus, wenn man einen Boykottaufruf gegen Israel auf einen Erinnerungsstein schmiert, der eigentlich an ermordete Kölnerinnen und Kölner erinnern soll, die getötet wurden, bevor es den Staat Israel überhaupt gab. Das ist natürlich ganz heftig“, sagt Daniel Vymyslicky.

Ein Passant habe die antisemitischen Schmierereien bemerkt und an die Meldestelle weitergegeben. Das NS-Dokumentationszentrum habe daraufhin sofort Anzeige bei der Polizei erstattet. Daniel Vymyslicky geht davon aus, dass viele ähnliche antisemitische Vorfälle bei ihm nur noch nicht eingegangen sind, weil die meisten Kölner noch nichts von der neuen Meldestelle wissen.

Grundsätzlich würde Antisemitismus in Köln aus völlig verschiedenen Richtungen kommen, auch aus der Mitte der Gesellschaft. Mehr könne er nach zwei Monaten noch nicht sagen. 

KVB-Fahrt mit Kippa: „Komische Blicke und verbale Anfeindungen“

Auch der Hetz-Flyer mit antisemitischen Parolen, der vor ein paar Wochen in der KVB verteilt wurde, sei leider ein typischer Fall von Volksverhetzung, mit der er es regelmäßig zu tun habe. Solche Fälle kämen jedoch leichter an die Öffentlichkeit, als der Alltags-Antisemitismus in Köln.

Durch seine Kooperation mit der Fachstelle „mhochzwei“ und der Beratungsstelle weiß Daniel Vymyslicky aus Interviews, dass sich viele Kölner jüdischen Glaubens mit einer Kippa nur noch ungern in die KVB setzen. Die Kippa ist eine kleine Kappe, die viele jüdische Männer auf dem Hinterkopf tragen.

„Es kommt immer wieder vor, dass Kölnerinnen und Kölner mit Davidsternkette oder einer Kippa in der KVB nicht nur komischen Blicken ausgesetzt sind, sondern auch verbalen Anfeindungen und tätlichen Übergriffen. Es gibt die komplette Bandbreite“, erklärt Vymyslicky.

Kölner (52) mit Kippa von Unbekannten niedergeschlagen 

Auch im April 2021 wurde ein Kölner (52), der eine Kippa trug, an der Aachener/Brüsseler Straße niedergeschlagen.

Weil nicht ausgeschlossen werden konnte, dass die Tat einen politisch motivierten Hintergrund hatte, ermittelt der Kölner Staatsschutz. 

Köln: Angefeindete Kölner – „Nur noch mit Cappy über der Kippa“

„Ich weiß von den Interviews mit Betroffenen, dass sie sich nach solchen Vorfällen dazu entscheiden, die Kippa gar nicht mehr in der Öffentlichkeit zu tragen oder eine Cappy über der Kippa tragen, damit sie nicht mehr sichtbar ist. Faktisch ist das eine Einschränkung von Religionsfreiheit“, betont Vymyslicky.

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Seine Zukunftsprognose sieht daher düster aus. „Auch in Köln kann man aufgrund des eskalierten Nahost-Konflikts die vorsichtige Prognose abgeben, dass noch mehr antisemitische Meldungen eingehen werden. Die Tendenz dazu ist jetzt schon sichtbar“, so Vymyslicky und weist darauf hin, dass politische Kritik am Staat Israel und Antisemitismus durchaus gut voneinander zu unterscheiden sind.

Kölner Meldestelle: Politische Kritik und antisemitische Aussagen gut voneinander zu trennen

„Man muss sich immer die Frage stellen, kritisiere ich gerade eine politische Position, was absolut legitim ist oder kritisiere ich die Existenz des Staats Israel an sich. Und das ist der Hauptpunkt. Wenn man auf das Leid von Palästinensern im Nahen Osten hinweist, sich aber nur auf Israel fokussiert und niemals von den Flüchtlingslagern im Libanon, in Ägypten und den anderen arabischen Staaten spricht, dann wendet man zum Beispiel doppelte Standards an. Letztendlich geht es immer um die konkrete Aussage, oft ist es aber gar nicht so schwer zu erkennen, ob es sich um eine politische Kritik oder eine antisemitische Aussage handelt“, so Vymyslicky abschließend.

Antisemitische Vorfälle jedweder Art können Kölnerinnen und Kölner über die Homepage der Meldestelle dokumentieren.