Corona bei Tönnies Fleisch-Skandal: Kölner Gewerkschaft legt erschreckende Zahlen vor

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Bei Deutschlands größtem Schlachtkonzern Tönnies (hier ein Bild aus 2017) haben sich 2117 Menschen mit Corona angesteckt. Auch andere Zahlen aus der Branche sind erschreckend, das soll nun zu Veränderungen führen.

Köln – Die Corona-Welle bei Tönnies hat ganz Deutschland während der Pandemie in Atem gehalten. Wie jetzt bekannt wurde, haben sich zwischen Anfang Juni und Ende Juli insgesamt 2117 Menschen im Fleischbetrieb mit dem Coronavirus angesteckt, gut 90 Prozent von ihnen während der Arbeit.

Corona bei Tönnies: 2117 Infizierte, erschütternde Zahlen von NGG

Rund vier Wochen war der Betrieb am Stammsitz von Deutschlands größten Schlachtkonzern in Rheda-Wiedenbrück (NRW) zum Stillstand gekommen. Todesfälle gab es glücklicherweise aber keine zu beklagen.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) fordert nun Konsequenzen. Sie verlangt von Kölner Abgeordneten im Bundestag, in Berlin für das geplante Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in der Fleischwirtschaft zu stimmen. Corona-Ausbrüche bei Tönnies oder „Westfleisch” hätten gezeigt, wohin die Missstände führen können.

NGG fordert weitreichende Veränderungen in der Fleischindustrie

„Für die überwiegend osteuropäischen Beschäftigten in Subunternehmen sind extreme Arbeitsbelastung, Lohn-Prellerei und Unterbringung in abrissreifen Wohnungen seit Jahren an der Tagesordnung. Damit muss Schluss sein“, fordert Manja Wiesner, Geschäftsführerin der NGG-Region Köln.

Das geplante „Arbeitsschutzkontrollgesetz“ könne die Fleischbranche zugleich stärken. Denn die Bilanz-Zahlen der letzten Jahre sind eher erschreckend: Nach Angaben der Arbeitsagentur sank die Zahl der Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe in Köln innerhalb von 20 Jahren um 74 Prozent. Von 125 Betrieben im Jahr 1999 gibt es heute nur noch 33.

Fleisch-Industrie: Feste Stellen in der Branche werden weniger

„Diese Konzentration hat dazu geführt, dass reguläre Stellen verloren gingen und Arbeiten an Subunternehmen ausgelagert wurden – zu prekären Bedingungen“, betont Wiesner.

Die Zahl sozialversicherungspflichtiger Fleisch-Jobs sank laut Arbeitsagentur in der Stadt binnen 20 Jahren um 36 Prozent – während die reguläre Beschäftigung in allen Branchen insgesamt um etwa 30 Prozent zulegte.

Artur Tybussek nahm im EXPRESS die Verbraucher in die Pflicht

Im EXPRESS hatte Artur Tybussek vom Vorstand der Kölner Fleischer-Innung zuletzt auch die Verbraucher in die Pflicht genommen. Wer Hackfleisch für 49 Cent pro 100 Gramm kaufe und danach Katzenfutter für 1,49 Euro pro 100 Gramm, der sei mitverantwortlich für die Preise und Arbeitsbedingungen in der Branche.

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Artur Tybussek gehört zum Vorstand der Kölner Fleischer-Innung.

Nach dem Gesetzentwurf des Bundesarbeitsministeriums sollen ab 1. Januar 2021 Werkverträge und ab 1. April 2021 Leiharbeit in Fleischbetrieben mit mehr als 49 Personen verboten werden. Aus Sicht der NGG handelt es sich um Verbote, die längst überfällig sind. Auch Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte die Zustände in der Branche unlängst als „unhaltbar” bezeichnet.

Neuer Gesetzentwurf soll Arbeitsbedingungen verbessern

Allerdings: Von Seiten des Bündnisses „Initiativkreis Fleischindustrie” gibt es auch Kritik am Gesetzentwurf. Dem Zusammenschluss aus Kirche, DGB und Sozialverbänden geht der Entwurf nicht weit genug.

Der Grund: Das Papier sehe eine Kopplung von Arbeiten und Wohnen vor, um die Unterbringung der Arbeiter zu verbessern. Aber: Wer seinen Arbeitsplatz verliert, könne aus der Unterkunft verbannt werden und auf der Straße landen.

Immerhin: Alle Beteiligten scheinen sich einig zu sein, dass sich etwas ändern muss. Auch die Firma Tönnies selbst hatte auf die harte Kritik reagiert und angekündigt, etwa 1000 Werkvertragsarbeiter fest einzustellen. Auch sollen Wohnungen für fest angestellte Mitarbeiter gebaut werden.

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