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„Was soll aus dem Jungen werden?“Niedecken packt aus: Über seinen Vater, die Nazi-Zeit und BAP

Wolfgang Niedecken (rechts) spricht in der Comedia mit Jens Meifert und Anne Burgmer.

Copyright: Thomas Banneyer

Wolfgang Niedecken (rechts) spricht in der Comedia mit Jens Meifert und Anne Burgmer.

BAP-Star Wolfgang Niedecken sprach offen über seinen Vater, Nazis und große Sorgen.

Ein Abend voller Gänsehaut-Momente in der Kölner Comedia. BAP-Legende Wolfgang Niedecken redet Klartext: über seine Jugend in Ruinen, den Bruch mit dem Vater und die großen Sorgen von heute.

Ist Wolfgang Niedecken eine Legende? Genau das stand im Frühling zu seinem 75. Geburtstag auf riesigen Plakaten in der Domstadt.

Legende Niedecken? Seine Reaktion ist typisch

Bei einem Gesprächsabend von „Kölnischer Rundschau“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“ in der Comedia wurde er darauf angesprochen. Seine Reaktion war typisch Niedecken: eine Mischung aus Zurückhaltung und Witz. Er habe die Plakate gar nicht bemerkt und müsse erst mal über die Bedeutung nachdenken. „Aber wenn man mich mit Legende meint, dann ist das ja auch sehr ehrenhaft.“

Der frühere FC-Kicker Toni Polster – selbst für viele Anhänger eine Ikone – habe ihn stets so empfangen: „A geh, der Wolferl – die Legende“. Darum vermutet Niedecken scherzhaft, dass nur sein Freund aus Wien für die Plakataktion verantwortlich sein könne. Das Publikum im Saal lachte herzlich – der erste große Lacher an diesem Abend.

Wolfgang Niedecken 1982 beim legendären Auftritt auf der Loreley

Copyright: BAP

Wolfgang Niedecken 1982 beim legendären Auftritt auf der Loreley.

Normalerweise bekommt der Kopf der Kölschrock-Band BAP in TV-Talkshows nur ein paar Minuten Redezeit. Doch im voll besetzten Theater in der Südstadt waren es fast zwei Stunden. Die Gastgeber, Anne Burgmer (Kulturchefin des „Kölner Stadt-Anzeiger“) und Jens Meifert (Chefredakteur der „Kölnischen Rundschau“), mussten dabei kaum eingreifen. Der Grund: Niedecken ist, genau wie in seinen Liedern, ein brillanter Erzähler.

Unter dem Titel „Start und Ziel“ schaute der Musiker zurück auf ein halbes Jahrhundert BAP und 75 Lebensjahre. Die Reise führte von der Kölner Südstadt in den 50ern bis hin zum anstehenden großen Auftritt am 10. Juli im Rhein-Energie-Stadion.

Aufgewachsen zwischen Trümmern

Niedeckens Welt begann in den Ruinen der Nachkriegsjahre, direkt zwischen Severinstorburg und Kartäuserwall. Er habe diese Zeit als paradiesisch erlebt, so Niedecken. „Als Kind kommst du nicht auf die Idee zu fragen, wieso da so ein schöner Abenteuerspielplatz ist. Du nimmst das als normal hin – so, als wenn du im Wald aufgewachsen bist, dann sind die Bäume eben normal.“

Die Pänz kickten auf der Straße oder trieben Schabernack mit Herrn Clemens. Ein Foto des berühmten Fotografen Chargesheimer, das an dem Abend in der Comedia gezeigt wurde, hielt diesen Mann fest.

Wolfgang Niedecken mit seinen Eltern bei der Erstkommunion.

Copyright: Niedecken

Wolfgang Niedecken mit seinen Eltern bei der Erstkommunion.

Niedecken schildert, wie dieser Mann jeden Morgen seinen Verkaufsstand mit einem Karren an der Severinstorburg errichtete, unweit des elterlichen Lebensmittelladens. „Diese Karre war so eine wunderbare Schaukel – bis Herr Clemens plötzlich um die Ecke kam und gebrüllt hat: Ihr verdammten Pänz! Lasst die Karre los!“ Er könne den Bläck-Fööss-Song „Pänz, Pänz, Pänz“ bis heute nicht hören, ohne an diesen Herrn Clemens zu denken.

Diese Anekdote erzählt Niedecken so lebhaft, als wäre sie erst gestern passiert. Dass es einen Krieg gab, realisierte er erst durch die TV-Serie „So weit die Füße tragen“. Laut Niedecken besaß nur eine Nachbarin im dritten Stock einen Fernseher. Ihr Sohn Winfried sei ein großer Elvis-Fan mit passender Tolle gewesen, berichtet der Musiker. Zur Kommunion wollte der junge Wolfgang dieselbe Frisur – und bekam sie mit Zuckerwasser „gezimmert“. Sein Fazit: „Ich sah aus wie Elvis, obwohl ich persönlich auf Elvis gar nicht stand. Aber es war sensationell.“

Und dann die Musik. An einem Karnevalstag schlich sich Niedecken als Musketier verkleidet ins Kino, um den ersten Film der Beatles zu sehen: „Yeah, Yeah, Yeah“. Ringsherum saßen junge Frauen im Stil von Brigitte Bardot. Er habe sich für seine Verkleidung so geschämt, dass er noch vor dem Ende aus dem Saal rannte. „Ich bin nach Hause, habe meinen Kommunionsanzug angezogen, die Haare nach vorne gekämmt und war von da an über Karneval Paul McCartney. Hat zwar keiner gemerkt, was das sein sollte, aber egal.“

Der schmerzhafte Bruch mit dem Vater

Der Ton wurde ernster, als Niedecken auf seinen Vater zu sprechen kam – und auf den wohl bekanntesten BAP-Song „Verdamp lang her“, der von der fehlenden Aussprache zwischen ihnen handelt. Sein Vater sei ein unglaublich herzlicher Mensch gewesen, 16 Jahre älter als die Mutter, tiefgläubig, arbeitsam und im Krieg dreimal ausgebombt. Ständig habe er sich um seinen Sohn gesorgt und zur Mutter gesagt: „Was soll aus dem Kleinen überhaupt mal werden? Der hat ja nur Hirngespinste im Kopf. Wie soll der sich jemals ernähren können?“

Die Beziehung war harmonisch, bis der junge Wolfgang in der Schule die Aufnahmen von der Befreiung der KZs sah. „Das war für mich ein unfassbarer Schock. Und das hat mein Vater zugelassen?“, fragte er sich. Als er zusätzlich herausfand, dass sein Vater in der NSDAP war, „habe ich die Fragen gestellt, die wirklich wehtaten. Und ich habe ihm auch nicht abgenommen, dass er nichts gewusst hat – meiner Mutter übrigens auch nicht, die hat ja auch was gewusst.“

Mit dem Abstand von Jahrzehnten blickt der Sänger heute anders darauf: „Ich habe mich sehr großspurig und mit einer ziemlichen Arroganz als Richter aufgespielt.“ Wenn er „Verdamp lang her“ live performt, spüre er seinen Vater in der letzten Strophe neben sich, im grauen Arbeitskittel. „Und ich hoffe, dass er dann irgendwann mal sagt: Jung, ich mache mir jetzt keine Sorgen mehr.“

Seiner Mutter widmete er ebenfalls einen Song. Nach ihrem Tod entstand innerhalb einer Woche das Lied „Chippendale-Desch“. Sie war diejenige, die ihn stets bestärkt hatte – gerade bei der Musik.

So spielte der junge Wolfgang ihr die Akkorde von „The House of the Rising Sun“ auf der Gitarre seines Halbbruders immer wieder vor. Irgendwann sagte sie erschöpft zum Vater: „Josef, kauf dem Jung jetzt eine eigene Gitarre.“

Wie Liebeskummer BAP zur Welt brachte

Als Student wollte Wolfgang Niedecken seinem Vater beweisen, dass er sein Kunststudium ernst meinte. Deshalb verkaufte er seine gesamte Musikausrüstung, bis auf eine Akustikgitarre. Der Startschuss fiel 1976, als ein früherer Bandkollege vorschlug, wieder zusammen zu spielen. In einem alten Wiegehäuschen an der A555 bei Hersel, das dem Vater von Hans Heres gehörte, trank die Band von da an wöchentlich „eine Kiste Bier leer“, wie Niedecken lachend berichtet.

Damals verfasste Niedecken wegen Herzschmerz seinen ersten Text auf Kölsch („Helfe kann dir keiner“). Die Inspiration kam von einer Platte von Crosby, Stills, Nash & Young, für die er kein Geld hatte. „Die Akkorde spielte ich aus der Erinnerung nach, und mein ganzer Liebeskummer floss auf vier Akkorde.“ Als er den Song seinen Bandkollegen im Proberaum präsentierte, meinte einer nur: „Jung, das ist gut, da musst du mehr von machen.“

Weil viele im Publikum die Karriere von BAP von Anfang an verfolgt hatten, hielt sich der Sänger hier bewusst kurz. Er erzählte, wie sich die erste Platte 1979 im Raum Köln direkt 4000 Mal verkaufte und die Dinge danach rasant an Fahrt aufnahmen.

Der deutschlandweite Erfolg kam mit „Verdamp lang her“. BAP stieß sich am Ende sogar selbst von der Chartspitze und hatte phasenweise vier Alben in den Top 10. Der Augenblick, in dem ihm klar wurde, dass BAP keine kleine Kellerband mehr ist, war das berühmte Rockpalast-Konzert im August 1982 auf der Loreley. „Was passiert hier mit uns?“, habe er sich im Anschluss gefragt.

Klare Kante gegen Trump, Putin und die FIFA-Bosse

Die damalige Ära des Kalten Krieges sei mit der heutigen Situation nicht vergleichbar, meint Niedecken. Unter dem Applaus des Publikums sagte er: „Also, was würde ich dafür geben, noch mal diesen Reagan anstatt diesen Trump ertragen zu müssen?“ Und weiter: „Wir haben zwei unfassbare Irre an den größten Machtblöcken – ob das der Trump ist oder der Putin.“

Auch zur anstehenden Weltmeisterschaft fand der bekennende Fußball-Liebhaber Niedecken klare Worte: „Ich liebe Fußball. Hier kommen Menschen zusammen und erleben etwas, was auch verbindend ist. Aber ich sehe die Gefahr, dass der Fußball überkommerzialisiert wird, wie es momentan in Amerika stattfindet. Es ist alles überteuert bis dort hinaus.“

Die Fans in den Arenen würden zu Nebendarstellern degradiert, „da das eigentliche Geld mit dem Fernsehen gemacht wird“. Niedecken legte nach: „Ich weiß nicht, ob es irgendwann so weit ist, dass ich sage: Den ganzen Scheiß will ich nicht mehr mitmachen.“ Fußball sei ein kostbares Gut. „Den darf man doch nicht aufs Spiel setzen mit diesen ganzen Infantinos.“ Es gäbe Figuren, „die glaubt man gar nicht. Wenn man das für einen Film ausgedacht hätte, würde man sagen: Übertreib mal nicht.“

Trotz des riesigen Erfolgs habe er seine Unbeschwertheit nie verloren, so Niedecken. Gefährdet sei diese nur bei internen Konflikten über den Kurs der Band gewesen. „Imageberater von Plattenfirmen haben sich bei mir immer die Zähne ausgebissen.“ Er habe stets getan, was er für richtig erachtete. „Ein Ding richtig machen ist mir lieber, als drei Dinge nicht richtig machen.“

Zukunft? „Meine drei Damen werden die Reißleine ziehen“

Nun gehe es darum, für den Stadion-Auftritt am 10. Juli die perfekte Mischung zu finden – zwischen den alten Hits und dem Sound von BAP im Hier und Jetzt. BAP sei schon immer eine Gruppe gewesen, die sich weiterentwickelt habe. „Es fließt alles“, so Niedecken. „Und man muss das auch zulassen.“

Umfangreiche Pläne für die Zukunft mache er aktuell nicht: „Mein Vater ist mit 76 gestorben, meine Mutter mit 79. Soll ich da einen Vier-Jahres-Plan machen? So etwas hat im Sozialismus auch noch nicht funktioniert.“ Er liebe es aber, Musik zu machen und wolle das so lange wie möglich tun. Seine Frau und seine beiden Töchter würden notfalls den Stecker ziehen, das sei vereinbart: „Meine drei Damen werden mich aus dem Verkehr ziehen, wenn es mal so weit sein sollte.“ (red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

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