Empfehlen | Drucken | Kontakt06.07.2010 - 20:40 Uhr

Die Macht: Oliver Bierhoff pfeift Rebell Lahm zurück

Skepsis ist angebracht: DFB-Teammanager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Jogi Löw sind gespannt, ob das WM-Quartier die Erwartungen erfüllt.
Skepsis ist angebracht: DFB-Teammanager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Jogi Löw sind gespannt, ob das WM-Quartier die Erwartungen erfüllt.
Foto: dpa
Durban –  

Der kleine Napoleon ist 1,69 Meter groß. Seine Mutter Daniela sagte mal, ihr Sohn habe sich früher immer darüber geärgert, dass man ihm über den Kopf streichelte und ihn nie richtig ernst nahm.

Philipp Lahm wollte aber ernst genommen werden: „Er wusste immer, was er wollte. Er hat sich Ziele gesetzt und diese auch erreicht.“ Lahm ist jetzt am Ziel. Er hat den Platzhirsch und Anführer Michael Ballack (33) herausgefordert und damit eine weitere Stufe seiner Karriereleiter erklommen. Und: Er könnte den Machtkampf mit Ballack sogar gewinnen.

„Ich gebe mein Kapitänsamt freiwillig nicht ab“, hatte der 26-Jährige im EXPRESS erklärt und damit kurz vor dem Halbfinalspiel gegen Spanien eine Bombe platzen lassen. Und es rutschte dem ehrgeizigen Bayern-Spieler nicht einfach so raus. Lahm hat die Worte ganz bewusst gewählt – und die Folgen einkalkuliert. Denn so spielte sich das Szenario im Quartier „Velmore Grand“ ab.

Um 13.30 Uhr war das Interview mit dem EXPRESS beendet, die Aussagen Lahms erreichten den Mediendirektor des DFB eine Stunde später. Harald Stenger erkannte sofort die Sprengkraft, redete mit Lahm. Der bekräftigte: „Die Aussage habe ich so getroffen. Und die soll auch so erscheinen.“

Stenger erklärte dem Bayern-Profi, er müsse darüber mit dem Bundestrainer reden und marschierte ins Zimmer von Joachim Löw. Der Bundestrainer erklärte: „Das stört die Mannschaft überhaupt nicht. Jeder hat das Recht, seine Meinung zu sagen. Da funke ich nicht dazwischen.“

So wanderten die hochexplosiven Sätze in die Öffentlichkeit. War es wirklich nur ein Alleingang Lahms? Oder handelt es sich womöglich um ein fein eingefädeltes Komplott der Führungsspieler Per Mertesacker, Arne Friedrich, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger , um das umstrittene einstige Alphatier Ballack zum Rückzug zu bewegen?

Viele Fußball-Experten kritisieren den Zeitpunkt und Inhalt der Forderung. DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger allerdings „akzeptiert“ Lahms Forderungen. „Das ist doch legitim“. Aber warum ließ Lahm 48 Stunden vor dem Spanien-Spiel die Bombe platzen? Wollte er die Gunst der Stunde nutzen, dem angeschlagenen und deshalb wehrlosen Ballack, den Todesstoß zu versetzen? Egal, um welchen Preis?

Oliver Bierhoff konnte es sich am Dienstag nicht verkneifen, Lahm verbal eine Backpfeife zu verpassen. Der Manager sieht nach Wochen der Harmonie das Ziel WM-Titel stark gefährdet. „Der Zeitpunkt ist unglücklich. Ballack ist immer noch der Kapitän. Philipp Lahm ist der WM-Kapitän.“

Tatsächlich? Ballack reiste ab, um sich in Luxemburg behandeln zu lassen. Das ist die offizielle Begründung. Hat er tatsächlich nicht gemerkt, dass sich diese Mannschaft, in der er vor sechs Wochen noch das unumstrittene Oberhaupt war, emanzipiert hat? Spürte er nicht, dass er in der neuen herrlichen deutschen Fußballwelt ein Fremder war?

Lahm hat hoch gepokert. Versagt er Mittwoch, könnte der von ihm heraufbeschworene Machtkampf ein böses Eigentor werden. Schafft Deutschland mit Lahm als Kapitän aber den Einzug ins Finale, dann dürfte sich der kleine Napoleon nicht mehr vom Thron stoßen lassen...

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