Verprügelt, erniedrigt, missbraucht: Die Horrorberichte über sadistische, pädophile Priester oder Lehrer in deutschen Schulen, Kirchen und Internaten hören nicht auf. Immer mehr Opfer finden den Mut, über ihr Trauma zu sprechen, das viele ein ganzes Leben lang nicht mehr loslässt. In nur zwei Wochen haben sich 2670 Betroffene bei der Hotline der katholischen Kirche gemeldet.
Und auch er spricht von Prügeln und sexuellem Missbrauch: BAP-Chef Wolfgang Niedecken (wurde gerade 59).
Der Ort seiner Qualen: Das Konvikt St. Albert in Rheinbach. Der Mann, der den BAP-Chef durch viele Alpträume verfolgte: ein Pater des Pallottiner-Ordens. Als der EXPRESS Wolfgang Niedecken darauf ansprach, wollte er erst nichts sagen, aber dann sprudelte es doch aus ihm heraus: „Dieser Prügel-Pater, der uns damals gequält hat, war ein sadistischer Päderast, ein Schwein. Wenn ich mir vorstelle, meine Kinder müssten diesen Scheiß erleiden, ich würde ausrasten. Das gönnt man wirklich keinem.“
Das, was den BAP-Chef auch heute noch so wütend macht, ist fast 47 Jahre her. Niedecken ging in das Internat des Konvikts St. Albert. Und dort quälte besagter Prügel-Pater seine jungen Opfer mit System Er fragte Vokabeln ab, wenn man Fehler machte, musste man 15 Zeilen Latein aus „Caesar“ auswendig lernen, und dann setze es bei erneuten Fehlern Hiebe.
Wolfgang Niedecken verarbeitete diese schrecklichen Erniedrigungen in seiner Autobiographie „Auskunft“: „Jeder Schlag saß. Die ersten brannten am meisten, da spürte man das Blut pulsieren, die Fingernägel krallten sich ins Holz, die Tränen schossen einem in die Augen. Manchmal gab es auch Schläge auf die Handinnenflächen. Das hinterließ keine Spuren, aber ein grausames Ziehen.“
Doch damit war der sadistische und sexuelle Trieb des Gottesmannes noch lange nicht gestillt. Mitten in der Nacht wurde Niedecken geweckt, musste zu dem Pater aufs Zimmer. Dann erzählte der was vom Erwachsenwerden, dass die Stimme sich senke und dass sich manchmal etwas rege, ohne dass man es wolle.
„Und dabei“, schreibt der BAP-Chef, „tätschelte er einem an den Schenkeln herum und machte sich an der Hose zu schaffen. Und schon war seine Hand in der Hose. Und er ging zur Sache.“
Niedecken und seine Mitschüler nannten ihn den „Spezialpater“. Nachdem das Buch 1990 erschienen war, sprach der BAP-Chef bis gestern nicht mehr über die Ereignisse, die er in dem Konvikt Astat eines Einzelnen Sadisten ansieht. Denn, so Niedecken zum EXPRESS: „Es gab so viele Patres, die tolle Arbeit geleistet haben, sich echt um uns kümmerten - aber auch halt dieses Dreckschwein.“
Wolfgang Niedecken war 13 Jahre alt, als das alles passierte. Deshalb wird verständlich, was er in seinem Buch schreibt: „Wir wehrten uns nicht, denn wir hatten eine wahnsinnige Angst vor dem Pater. Ich wollte nicht, dass das jemand erfährt.“
Aber dann erfuhr es doch jemand: Sein Vater, Joseph Niedecken. Es war an einem Wochenende, als Niedecken bei den Eltern in Köln war: „Mein Vater hatte gesehen, als ich unter Dusche stand, dass ich rote Striemen auf dem Rücken hatte. Da habe ich ihm alles erzählt. Auch davon, dass ein Mitschüler ebenfalls regelmäßig von dem Pater misshandelt wurde.“
Joseph Niedecken war entsetzt und zornig. Denn sein „Bap“, sagt Niedecken heute, sei durchaus ein strenger Vater gewesen. Aber für ihn war klar: Kein Mensch hat das Recht, sein Kind zu verprügeln.“
Und deshalb schritt der Vater zur Tat: Am nächsten Tag setzte sich Joseph Niedecken mit dem Vater des ebenfalls misshandelten Schülers ins Auto und fuhr nach Rheinbach. Und marschierte direkt in das Büro des Konvikt-Leiters.
Mit Erfolg. Niedecken schreibt: „Der Prügel-Pater musste weg. Allerdings geschah das alles unter der Hand. Die Figur verschwand einfach. Schwamm drüber. Keine Aufklärung. Kein Skandal. Keine Entschuldigung. Nur nicht auffallen.“
Daran habe sich wenig geändert, meinte Niedecken gestern: „Bis alle diese Fälle hochkamen, wurde doch genauso verfahren. Und das betrifft nicht nur die Orden, sondern auch die normalen Priester und die Lehrer, zum Beispiel in der Odenwaldschule in Heppenheim.“
Wolfgang Niedecken hatte das Glück, seine Vergangenheit durch Malerei und Lieder verarbeiten zu können. Deshalb meint er heute: „Das ist fast 50 Jahre her und vorbei. “
Aber die Wut, die kann man noch immer in seiner Stimme hören.
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