Lange hatte Erzbischof Robert Zollitsch zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche geschwiegen. Zulange, befand der Papst – und bestellte den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gestern zum Rapport. Ein Gang nach Kanossa mit erstaunlichen Erkenntnissen: Die Kirche rät allen schwarzen Schafen zur Selbstanzeige.
Ein Bild mit Symbolwert: Zollitsch nimmt lächelnd die Hand des Papstes, aber das Oberhaupt der Katholischen Kirche blickt eisig. Benedikt XVI., der Missbrauch immer wieder als „unerträgliches Verbrechen“ geißelt, wollte keinen Smalltalk, er wollte Tacheles reden.
„Mit wachem Interesse, großer Betroffenheit und tiefer Erschütterung“ habe das Oberhaupt der Katholischen Kirche seinen Bericht zur Kenntnis genommen, fasste Zollitsch die 45-minütige Audienz später zusammen.
Dass es kein Kaffeekränzchen werden würde, war schon im Vorfeld klar. Der Papst soll „tief enttäuscht“ und „sehr zornig“ gewesen sein, als immer mehr Missbrauchsfälle ans Tageslicht kamen, zitiert „La Repubblica“ einen Vertrauten. Der Vatikan sei entsetzt von der „Taktik des Aussitzens“.
Die soll sich jetzt ändern. Zollitsch: Die Kirche wolle „ohne falsche Rücksichtnahme“ Licht in die Vorgänge zu bringen, auch wenn die Fälle Jahrzehnte zurücklägen. „Wir wollen die Wahrheit aufdecken.“ Ziel müsse es jetzt sein, „die Wunden der Vergangenheit zu heilen und mögliche neue Wunden zu vermeiden“.
Zollitsch bekräftigte auch den Willen der Bischöfe zur Zusammenarbeit mit staatlichen Ermittlern. Allen Geistlichen und Kirchenmitarbeitern, die sich sexueller Übergriffe schuldig gemacht hätten, rät er zur Selbstanzeige.
Derweil bestätigte die Erzdiözese München und Freising einen Bericht der „SZ“, wonach es einen gravierenden Missbrauchsfall gab, als der heutige Papst Josef Ratzinger dort Erzbischof war (1977-82). Mit seiner Zustimmung wurde 1980 dem wegen Kindesmissbrauchs vorbelasteten Priester H. aus Essen Unterkunft in einem Pfarrhaus gewährt, damit er eine Therapie machen könne. Ein Opfer aus Essen erklärte später, H. habe ihn als 11-Jährigen zum Oralverkehr gezwungen.
Der damalige Generalvikar Gerhard Gruber setzte den Pädophilen bis 1985 in der Gemeindearbeit ein. H. verging sich erneut an Jugendlichen.1986 wurde er zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt. Danach arbeitete H. bis 2008 in der Erwachsenen-Seelsorge.
Gruber übernahm gestern die volle Verantwortung.
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