Empfehlen | Drucken | Kontakt01.03.2010 - 12:59 Uhr

Über 50 Tote in Europa: „Xynthia“ hinterlässt Schneise der Verwüstung

Umgestürzte Bäume blockieren die Bundesstraße 412 in der Eifel in der Nähe des Nürburgrings.
Umgestürzte Bäume blockieren die Bundesstraße 412 in der Eifel in der Nähe des Nürburgrings.
Foto: dpa

Das gewaltige Sturmtief „Xynthia“ hat über Westeuropa gewütet und mindestens 53 Menschen in den Tod gerissen. Die meisten Opfer gab es in Frankreich, wo im schlimmsten Unwetter seit zehn Jahren 45 Menschen umkamen. Der Großteil ertrank bei Überschwemmungen an der Atlantikküste.

Das Sturmtief forderte mehr Menschenleben in Europa als die zerstörerischen Orkane „Lothar“ und „Kyrill“.

In Deutschland starben wegen Xythia bis zum späten Sonntagabend fünf Menschen: Ein zwei Jahre alter Junge ist am Sonntag im südhessischen Biblis in den Fluss Weschnitz geweht worden und ertrunken. Im Schwarzwald kam ein 74-jähriger Mann ums Leben, bei Wiesbaden ein 69 Jahre alter Wanderer. Auf der B54 kam am frühen Abend eine 70-jährige Autofahrerin aus Ascheberg im Münsterland um, als ein Baum auf ihren Wagen fiel und das Fahrzeug in einen Graben rutschte.

In Pulheim wurde eine Frau von einem umstürzenden Baum getötet. Der Sturm richtete erhebliche Schäden an, im Reiseverkehr brach ein Chaos aus.

So wütet "Xynthia"
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In Deutschland wütete „Xynthia“ am heftigsten im Südwesten, in Hessen und in Nordrhein-Westfalen. Auf den Bahnstrecken herrschte vielerorts Ausnahmezustand. Im Fernverkehr kam es zu massiven Verspätungen.

In Nordrhein-Westfalen stand der Verkehr auf den Schienen am Sonntagabend komplett still.

Am Sonntagabend konnte die Polizei aber langsam aufatmen. Nach über 5000 Einsätzen im Verlaufe des Tages beruhigte sich die Lage in den späten Stunden. Die Feuerwehr zählte sogar über 10.000 Notrufe. Auch der Zugverkehr kam am Montagmorgen wieder ins Rollen.

Zwischen Mönchengladbach und Grevenbroich mussten die Reisenden allerdings zwischenzeitlich auf Busse umsteigen, Bäume waren auf die Gleise gestürzt. Auch diese Behinderung wurde im verlaufe des Montagmorgens beseitigt.

Die Wetterlage in Köln im Einzelnen - HIER klicken!

In Frankfurt/Main wurde die A3 gesperrt, eine der wichtigsten Autobahnverbindungen durch Deutschland. In der Stadt waren der Hauptbahnhof und der Bahnhof am Flughafen vorübergehend geschlossen. Mehr als 200 Flüge fielen aus.

Aus Sicherheitsgründen war die Geschwindigkeit vieler Fernzüge gedrosselt worden. Ein Intercity-Express mit etwa 800 Reisenden saß nach einer Kollision mit einem entwurzelten Baum etwa drei Stunden auf freier Strecke zwischen Fulda und Hanau fest. Ein ICE auf dem Weg von Berlin nach Basel strandete in Göttingen. Auch im Saarland stellte die Bahn ihren Regionalverkehr komplett, in Rheinland-Pfalz beinahe ganz ein.

Auch zahlreiche Autobahnen wurden gesperrt. Alle Infos über die Lage auf den Straßen: www.express.de/stau

„Xynthia“ sei ein Sturmtief, „wie man es nicht jedes Jahr hat“, sagte Meteorologe Peter Hartmann vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Die höchste Windgeschwindigkeit in Deutschland wurde nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia am Sonntag bis 17.00 Uhr mit 165 Kilometern pro Stunde bei Weinbiet in Rheinland-Pfalz gemessen. Auf der Wasserkuppe in Hessen waren es 141 Stundenkilometer.

„Meteorologische Bombe“
In Spanien, wo die Wetterexperten von einer „meteorologischen Bombe“ gesprochen hatten, erreichte „Xynthia“ die Rekordgeschwindigkeit von 228 Stundenkilometern. Dieser am Samstag gegen 21.00 Uhr in der baskischen Kleinstadt Orduña gemessene Wert liegt noch über den 213 Stundenkilometern, die Jahrhundert-Orkan „Lothar“ 1999 im Schwarzwald erreichte, den bis dahin höchsten Wert seit Beginn der wissenschaftlichen Wetterbeobachtung Ende des 19. Jahrhunderts.

In mehreren Bundesländern waren die Rettungskräfte pausenlos im Einsatz. „Es ist alles im Einsatz, was fahren und laufen kann“, sagte ein Polizeisprecher in Frankfurt. Mobile Toiletten flogen durch die Luft. Bäume stürzten um, Fassadenteile, Material von Baustellen und Werbeplakate wirbelten umher und blockierten Straßen. Bis zu 20 000 Menschen waren in Hessen von Stromausfällen betroffen.

• Aktuelle Infos zum Wetter hier unter www.express.de/wetter

Im pfälzischen Landau erlitt eine Frau schwerste Verletzungen, als der Sturm ein Eisentor aus der Verankerung riss, das sie gerade schließen wollte. In einigen Orten in Rheinland-Pfalz fiel vorübergehend der Strom aus. „Die Bäume knicken um wie die Streichhölzer“, hieß es von Einsatzkräften in Mainz. Dächer wurden vom Sturm abgedeckt, Baustellen verwüstet.

Viele Straßen Baden-Württembergs waren von entwurzelten Bäumen blockiert. Im Raum Stuttgart fiel der Bahnverkehr aus, ein Ersatzverkehr über die zum Teil verwüsteten Straßen war nicht möglich. Bei Würzburg in Bayern erlitt ein Mann schwere Quetschungen, als er im Sturm die Arretierung eines Krans lösen wollte. Auch in Nordrhein-Westfalen und in Thüringen richtete „Xynthia“ viele Schäden an. Umgestürzte Bäume blockierten auch Autobahnen.

Krisentreffen in Frankreich
In Frankreich starben mindestens 40 Menschen, eine Million Einwohner hatten keinen Strom. An den Küsten habe der Wind eine Geschwindigkeit von bis zu 150 Stundenkilometern erreicht, berichtete der Sender France-Info am Sonntag.

Präsident Nicolas Sarkozy sprach den Angehörigen der Opfer seine Anteilnahme aus. Am späten Nachmittag gab es beim Premierminister François Fillon ein Krisentreffen. Wirtschaftsministerin Christine Lagarde appellierte an die Versicherungen, so schnell wie möglich Entschädigungen auf den Weg zu bringen. Die Zahl der Opfer könnte sich nach Angaben der Behörden möglicherweise noch erhöhen.

In zahlreichen Orten in der Nähe von La Rochelle stand das Wasser bis zu 1,50 Meter hoch in den Straßen. Air France strich etwa 70 von insgesamt 700 Flügen am Pariser Flughafen Charles de Gaulle. In den Pyrenäen stürzten Felsbrocken auf die Straßen. Die Grenze zu Spanien wurde zeitweise geschlossen.
In Portugal und Nordspanien hatte „Xynthia“ zuerst getobt und vier Menschenleben gefordert. In Spanien starben zwei Männer, als ihr Auto gegen einen umgestürzten Baum prallte. Eine 82-jährige Frau wurde von einer Mauer erschlagen. Im Norden Portugals tötete ein abbrechender Ast einen zehnjährigen Jungen. In Nordspanien unterbrachen umgestürzte Bäume die Stromversorgung für 130.000 Haushalte.

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