Er ist kein Kind von Traurigkeit. Ibrahim O., 16 Jahre alt, aus Hamburg-Rahlstedt, hat schon vieles erlebt: Schläge im Boxring, Ärger mit der Polizei, Scherereien in der Schule.
Was aber in der Silvesternacht geschah, warf selbst Ibo aus der Bahn: Der Teenager rutschte auf dem Gehweg aus und rammte sich sein Butterfly-Messer mitten ins Auge. Die Klinge drang mehrere Zentimeter tief in sein Gehirn ein.
Besuch bei dem 16-Jährigen. Ibo will erzählen, was in der Silvesternacht wirklich passiert ist.
Ein Plattenbau an der Schöneberger Straße. Ibrahim O. sitzt auf dem Sofa, guckt nachdenklich auf den Boden und streicht sich mit der Fingerspitze über seine linke Augenbraue. "Ich kann selbst nicht verstehen, wie ich das überlebt habe", sagt er.
Was war passiert? Laut Polizei hat sich das Unglück wie folgt zugetragen: Am frühen Neujahrsmorgen gerät Ibrahim an der Görlitzer Straße (Jenfeld) mit einem anderen Teenager in Streit. Um seinen Kontrahenten einzuschüchtern, zückt der 16-Jährige sein Butterfly-Messer, fuchtelt damit herum. Sein Gegenüber, davon offenbar beeindruckt, haut ab.
Dann passiert's: Auf dem vereisten Gehweg rutscht Ibo aus, stürzt nach vorne und rammt sich das Messer in den Kopf. Die sieben Zentimeter lange Klinge durchdringt den Knochen direkt über der Augenhöhle. Fast bis zum Anschlag steckt das Butterfly in Ibrahims Schädel.
Sofort nach dem Sturz steht Ibo auf, irrt mit dem Messer im Auge durch Jenfeld: "Ich hatte überhaupt keine Schmerzen. Das war der Schock. Ich dachte die ganze Zeit nur: Verdammt, wie komme ich ins Krankenhaus?" Seine Freundin Mandy J. (17) erinnert sich: "Er torkelte und schrie immer wieder: ,Guck mich nicht an!" Dann bemerkt ein Autofahrer den umherirrenden Jungen mit dem Messer im Auge, fährt ihn ins Krankenhaus.
Als Ibrahim im Wagen sitzt, setzt der Schmerz ein: "Ich dachte, mein Kopf explodiert." Im Krankenhaus versetzen die Ärzte Ibo in ein künstliches Koma. Es steht nicht gut um den 16-Jährigen: Die Klinge ist knapp drei Zentimeter tief in sein Gehirn eingedrungen.
Susanne O.: "Ein Arzt sagte mir, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Ibo nach dem Unfall geistig behindert sein wird, bei mehr als 80 Prozent lag." In einer Not-OP sägen die Ärzte den Schädel des jungen Mannes auf. Einem Neurochirurgen gelingt es schließlich, das Messer aus dem Kopf zu ziehen.
Am 8. Januar erwacht Patient Ibo aus dem Koma. Kaum zu glauben: Er trägt keine bleibenden Schäden davon. Keine Sehbehinderungen, keine Hirnschäden, keine Schmerzen nichts! An seinen Krankenhausaufenthalt hat der Hobby-Boxer kaum Erinnerungen. Und die wenigen, die er hat, sind schlecht: "Das Koma war krass: Ich hatte die schlimmsten Albträume: Ich wurde misshandelt und so. Ganz übel."
Jetzt ist Ibrahim wieder putzmunter, aber sauer auf die Polizei: "Das, was die damals verbreitet haben, stimmt vorne und hinten nicht", sagt er. "Es hieß, ich hätte mit dem Messer jemanden bedroht, aber das ist totaler Quatsch! Es gab keinen Streit, ich hatte das Messer nur zufällig in der Hand. Das Teil hat in meiner Tasche geklappert. Das hat mich so genervt, da hab ich's in die Hand genommen." Aufgeklappt wohlgemerkt.
Und: Das Butterfly soll noch nicht einmal ihm gehört haben: "Das war nicht meins. Ich hab's an dem Abend gefunden. Das ist echt verrückt: Jedes Silvester finde ich irgendwelche Sachen. Im letzten Jahr war es halt dieses Butterfly."
Die Polizei hat Zweifel an Ibos Erzählungen und ermittelt wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz: Butterfly-Messer mit einer Klingenlänge von mehr als 4,1 Zentimetern sind verboten. Für Ibo ist die Angelegenheit aber schon erledigt: "Ich will nach vorne gucken. Alles ist wie vorher - bis auf eine Sache."
Die Mediziner waren offenbar derart auf das im Auge steckende Messer konzentriert, dass sie den Teenager nicht auf weitere Verletzungen untersuchten: "Leider hat niemand gemerkt, dass ich mir beim Sturz das Schulterblatt gebrochen habe. Das ist jetzt total krumm wieder zusammengewachsen. Guck mal!", sagt Ibo und tippt auf seine schiefe Schulter. "Ich kann jetzt leider nicht mehr richtig zuschlagen." Die Polizei wird's freuen...
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