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Südsudanese bei Olympia: Vom Kinder-Sklaven zum Marathon-Mann

Guor Marial bei der Ankunft am Londoner Flughafen Heathrow in Begleitung eines Volunteers.

Guor Marial bei der Ankunft am Londoner Flughafen Heathrow in Begleitung eines Volunteers.

Foto:

dapd

London -

Sie kamen mit Macheten und Maschinengewehren. In der Nacht. Immer wieder überfielen sie sein Dorf, sie brannten es nieder. So lernte Guor Marial als Kind, um sein Leben zu rennen.

Wer sich im grausamen Bürgerkrieg des Sudan vor den mordenden Banden retten wollte, musste schnell sein – und Marial war schnell. Er schaffte es in die schützenden Wälder. Am Sonntag wird der 28-Jährige den Olympia-Marathon laufen, um seinen gebeutelten Landsleuten Mut zu machen.

„Die Hoffnung des Sudan lebt“, sagt Marial. Seine Geschichte ist die vielleicht unglaublichste aller Olympia-Starter. Marial überlebte den insgesamt 22 Jahre tobenden Bürgerkrieg im Sudan zwischen Christen und Muslimen, acht seiner zehn Brüder und Schwestern wurden getötet, rund zwei Millionen starben. „Dass ich bei Olympia starten kann, ist wie ein Zeichen“, sagt Marial, der Christ, „Gott zeigt mir den Weg, er hilft anderen durch meine Geschichte.“

Im Alter von acht Jahren schickten die Eltern Marial aus dem Dorf Panrieng in die Hauptstadt Khartoum. In der Hoffnung, ihr Sohn wäre bei Verwandten sicher. Doch erst wurde er von Nomaden entführt und musste Ziegen hüten, später hielt ihn ein sudanesischer Armee-Offizier als Sklaven.

Neun Jahre ging Marial durch die Hölle, bevor ihm 2001 über Ägypten die Flucht in die USA gelang. Seine Eltern, die den Krieg ebenfalls überlebten, hat er seit zwanzig Jahren nicht gesehen. 2001 erkannten die USA Marial offiziell als Flüchtling an, seitdem ist er ein Staatenloser.

Er hat zwar eine ständige Aufenthaltsgenehmigung, aber keinen Pass. Also darf er in London nicht für die Amerikaner starten. Und für Marial, der im Südsudan geboren wurde, war es immer ausgeschlossen, dass er unter der Flagge des verhassten Sudan läuft.

„Damit hätte ich meine Leute verraten und all die Toten, die im Krieg für Freiheit und die Hoffnung auf ein besseres Leben sterben mussten“, sagt er. Da der erst 2011 gegründete Südsudan, der jüngste Staat der Erde, noch kein olympisches Komitee besitzt, startet Marial unter der Flagge des IOC.

Dabei hat Marial das Laufen lange „gehasst. Ich bin nur gelaufen, um mein Leben zu retten“, sagt der Athlet, der nach seiner Ankunft in den USA erst die High-School beendete und dann ein Stipendium an der Iowa State University bekam.

Er schloss sein Studium der Chemie ab und fand nebenbei den Spaß am Laufen. Im Sommer rannte er mit 2:12,55 Stunden persönliche Bestleistung.

Eine Medaille kann Marial damit nicht gewinnen. Aber für den Mann, der dem Tod nur knapp entronnen ist, zählt mehr als für jeden anderen Starter: Dabeisein ist alles. „Ich starte – allein das ist wie eine Goldmedaille.“