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DFB-Boss im Interview: Niersbach: „Wir sind von Löws Arbeit überzeugt“

Wolfgang Niersbach auf der Fähre, die immer von Santa Cruz Cabralia nach Santo André fährt.

Wolfgang Niersbach auf der Fähre, die immer von Santa Cruz Cabralia nach Santo André fährt.

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dpa

Wie fühlt sich Weltmeister an? Was geschieht mit Bundestrainer Joachim Löw (54), wenn Deutschland morgen im Viertelfinale gegen Frankreich aus dem Turnier fliegt? Es gibt nur einen Mann, der diese Fragen beantworten kann: Wolfgang Niersbach (54).

Der DFB-Präsident ist Löws Chef. EXPRESS traf den mächtigen Düsseldorfer Fußball-Boss vor der Abreise nach Rio de Janeiro. Das Interview über Gefühlsausbrüche, Michel Platinis SMS und ein neues deutsches Sommermärchen.

Herr Niersbach, haben Sie gegen Algerien ums Weiterkommen gezittert?

Und wie! Die Anspannung war da. Beim Tor von André Schürrle bin ich nur noch hochgesprungen. Fast hätte ich mir den Kopf an der niedrigen Decke gestoßen.

Dann sind Sie in die Kabine gegangen. Was war da los?

Ich habe Thomas Müller kurz angeschaut. Er sagte mir: Wir können gerne darüber reden, Herr Präsident. Dann zwinkerte er mir zu und meinte: Immerhin, Holland musste mehr zittern als wir.

Ist so ein Sieg auch pure Erleichterung, weil man weiß: Wäre das gegen Algerien schiefgegangen, hätte das in Deutschland ein Fußball-Erdbeben ausgelöst.

Solche Konstellationen kenne ich aus zurückliegenden Turnieren, weil eine WM ein emotionaler Ausnahmezustand ist. Da ist manchmal auch ein Stück Gelassenheit wichtig.

Der Druck auf den Bundestrainer wäre unmenschlich geworden.

Ich kann für den DFB immer nur wiederholen, dass wir den Vertrag mit dem Bundestrainer bis 2016 verlängert haben.

Und wenn Löw diesen Vertrag nicht erfüllen will?

Das hat er mir gegenüber nie geäußert. Außerdem: Wenn und Aber bringen doch nichts. Schon gar nicht während eines laufenden Turniers.

Löws Arbeit wird zurzeit aber sehr kritisch gesehen.

Das hängt mit der großen Erwartungshaltung zusammen. Aber wir sind von seiner Arbeit überzeugt. Die Chemie zwischen ihm, der gesamten sportlichen Leitung und der Mannschaft ist absolut stimmig. Er ist ein erstklassiger Trainer. Und für uns alle heißt die nächste Station Rio.

Es ist bereits Ihr elftes Turnier. 1990 wurden Sie, damals als Pressechef, Weltmeister. Wie fühlt sich so was an?

Es ist unbeschreiblich. Es gibt Fernsehbilder von mir, da springe ich in die Luft, so hoch bin ich noch nie gesprungen. Man spürt pures Glück und große Freude. Es ist ein einmaliges Gefühl.

Glauben Sie, dass Sie am 13. Juli, dem Tag des Endspiels, noch einmal in den Genuss dieses Gefühls kommen?

Warum nicht? Ich sehe hier keinen Gegner, der das Turnier dominiert und uns überlegen ist. Jedes Spiel ist eng, aber die Mannschaft hat klar dieses Ziel.

Wie gefällt Ihnen die WM?

Ausgezeichnet. Man spürt nicht, dass hier eine Mannschaft trotz des heißen Klimas mit halber Kraft spielt. Es geht nur nach vorne, obwohl viele dachten, dass dieser Volldampf-Fußball so kaum möglich sein wird.

Auch Deutschland hat hier schon überzeugt. Dennoch herrscht in der Mannschaft der Eindruck vor, vor allem Journalisten würden immer das Schlechte im Spiel suchen.

Ich war ja selbst Journalist, von daher halte ich mich lieber zurück (lacht). Aber die Beurteilungen werden immer extremer. Das 4:0 gegen Portugal war nicht so perfekt, wie es zum Teil dargestellt wurde. Umgekehrt ist nach dem Algerien-Spiel fast untergegangen, dass wir im Viertelfinale dabei sind und damit zu den acht besten Mannschaften der Welt gehören.

Wie geht das Team mit Kritik um? Weiterlesen auf der nächsten Seite.

Wie geht das Team denn mit der Kritik um?

Seien sie sicher: Die Spieler sind sehr selbstkritisch. Sie analysieren top-professionell und lügen sich nicht in die Tasche.

Wie nehmen die Fans die Erfolge der Mannschaft an?

Mit sehr viel Enthusiasmus! 29 Millionen haben das Spiel gegen Algerien gesehen – und da sind die Leute, die in den Kneipen oder beim Public Viewing waren, noch gar nicht mitgezählt. Kein anderes Land zelebriert eine WM so wie wir!

Dann wäre es ja mal wieder Zeit mit einem Turnier in Deutschland. Wie steht es um die EM 2024?

Ich denke sehr gut. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir sie bekommen können.

England ist ein ernsthafter Konkurrent.

Ja. Aber wir denken darüber nach, die Finalserie 2020, für die wir uns mit München bewerben, zugunsten Londons abzutreten. Dafür könnte 2024 die EM zu uns kommen. Die UEFA ist gut beraten, einen zuverlässigen Ausrichter zu nehmen, das erfüllen wir. Nicht mal in den Stadien müsste viel gemacht werden, allenfalls was die technischen Dinge betrifft. Deutschland wäre bestens aufgestellt.

Am Freitag geht es bei dieser WM erst mal gegen Frankreich. Haben Sie schon Kontakt zu UEFA-Präsident Michel Platini aufgenommen?

Ich habe ihm eine SMS geschickt und im Flachs einen Tipp erbeten, wie man seine Franzosen schlagen kann. Er hat mich gleich zurückgerufen und mir gesagt, dass wir nur ein Tor mehr erzielen müssten.

Damit würden Sie Platinis schlechte Erfahrungen mit Deutschland um ein Kapitel bereichern…

…das stimmt, wir verfolgen ihn (lacht). 1982 und 1986 hat er die WM-Halbfinals mit Frankreich gegen uns verloren, dazwischen 1983 noch den Landesmeister-Cup mit Juventus gegen den HSV. Er sagt jedesmal: Ja ja, immer diese Deutschen…

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