Plattenbausiedlungen gelten im Osten als Sorgenkinder des Städtebaus. An der Mecklenburgischen Seenplatte schätzen inzwischen viele Urlauber die Unterkünfte als günstige und komfortable Ferienwohnungen.
Wenn Politiker über den typisch ostdeutschen Plattenbau diskutieren, geht es meist um Abriss oder Umbau. Ob Schwedt, Halle-Neustadt, Suhl-Nord oder Berlin-Marzahn: Tausende Wohnungen wurden mit Milliarden-Hilfe von Bund und Ländern weggerissen oder gründlich umgestaltet. Bei der Wohnungsgenossenschaft (WWG) in Waren an der Müritz ist das anders. „Zu uns kommen die Leute aus Ost und West und machen Urlaub 'in der Platte'“, freut sich Geschäftsführer Wolfgang Albrecht. Die Nachfrage sei inzwischen so groß, dass die „Urlaubswohnungen“ nicht mehr reichten. Dazu kann Albrecht auf eine „Traumquote“ beim Leerstand seiner 1560 Wohnungen von 0,4 Prozent verweisen.
„Arbeiterschließfächer“ stehen überall
Die in der DDR-Zeit heiß begehrten Wohnungen der Typen „Brandenburg“ oder später „WBS 70“ finden sich in fast jeder ostdeutschen Stadt wieder. Die SED-Führung ließ die im Volksmund „Arbeiterschließfächer“ genannten Häuser selbst in Dörfern neben alten Gutsschlössern und gegenüber von Kirchen errichten, in Städten wie Dresden, Suhl, Neubrandenburg oder Hoyerswerda entstanden riesige Siedlungen, auch in fast jeder Kreisstadt. Nach 1990 suchten die meisten Bewohner aber mehr Individualität - und die Städte saßen auf leeren Wohnungen. Inzwischen sind ostweit 350 000 Wohnungen abgerissen, bis 2016 sollen weitere 250 000 Wohnungen verschwinden.
Statt Abriss als Gästewohnung vermieten
Nicht so bei Albrecht und der WWG. „Wir haben nichts abgerissen“ sagt der 66-Jährige. Vor zehn Jahren kam ihm die Idee, aus einzelnen Wohnungen „Gästewohnungen“ für Mieter zu machen. Später wurden daraus Ferienwohnungen. „Zuerst schrieben wir an bundesweit 1000 Wohnungsgenossenschaften, etwa zehn Prozent meldeten sich zurück und schickten ihre Mitglieder an die Müritz.“ So wie Lore und Günter Riedel aus Solingen (Nordrhein-Westfalen). „Es fehlt an nichts hier“, sagt die 66-Jährige, die auch gerne in die Ferne reist. Mit ihrem Mann sei sie schon 14 Mal in den USA gewesen. An Waren gefalle ihnen besonders, dass auch vom Plattenbau die Wege bis zur Innenstadt kurz sind. Und vom Balkon aus schauen die Riedels auf zwei Seen.
„Zuerst kamen Mitglieder anderer Wohnungsunternehmen, dann haben wir uns für alle geöffnet“, erläutert Albrecht. Ob Ein- oder Dreiraumwohnung, alle bekamen moderne Küchen und Bäder. Rote Couchen und freundlich orangefarbene Fußböden lassen die „Plattenbauwohnungen“ modern erscheinen. „Für uns ist auch der Fahrstuhl wichtig“, sagt der 74-jährige Kraftfahrzeugmeister Günter Riedel, der aus dem brandenburgischen Rathenow stammt und die DDR 1956 verlassen hatte.
„Urlaub in der Platte ist super“
„Urlaub in der Platte ist super“, hat eine vierköpfige Familie aus Leipzig ins Besucherbuch geschrieben. Aber auch Heidelberger, Koblenzer und Magdeburger hat Albrechts „rechte Hand“, Kerstin Huth, schon in Waren begrüßt. Insgesamt 19 Ferienwohnungen betreut die 46-Jährige in zwei Wohngebieten. In einer machen gerade Gäste aus Spanien Urlaub. „Manchen ist der nahe Spielplatz wichtig, anderen die Nähe zur Stadt oder zum Wasser“, nennt Huth die Gäste-Präferenzen.
Die Urlauberwohnungen werden von Mietern der WWG mitbetreut. Sie helfen, wenn etwas fehlt, oder geben Tipps, berichtet Albrecht. Durch das positive Echo bei den Gästen habe sich sogar das Image der „Platte“ bei den Warenern verbessert. „Das könnte manchen Abriss überflüssig machen und Vermögenswerte erhalten“, meint der WWG- Geschäftsführer. Seine Gesellschaft hat seit 1990 mehr als 90 Wohnungen neu gebaut, weitgehend ohne Fördermittel. Als Konkurrenz zu Hotels und Privatvermietern sieht er die „Platte“ nicht: „Eher als eine Ergänzung.“
Für Lore Riedel hat sich der zweiwöchige Urlaub an der Müritz „richtig gelohnt“ und sie will wiederkommen. „Nur mit der Küche ohne Fenster, da hätte ich dauerhaft doch Probleme“, gibt sie zu. Aber im Urlaub müsse man ja höchsten mal Würstchen warm machen.
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