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„Prügel würden gut tun“: Was eine Mutter mit autistischen Kindern zu hören bekommt

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Familie Storks geht offensiv mit dem Autismus ihrer Kinder um.

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dpa-tmn

„Kannst du dein Kind nicht erziehen?“ Oder: „Eine Tracht Prügel würde dem gut tun.“ Was Bianka Storks über ihre Kinder zu hören bekommt, würde wohl keinen Elternteil kalt lassen. Die drei Söhne der Duisburgerin sind Autisten und verhalten sich deshalb anders als andere Kinder – für Fremde unerwartet und oft irritierend. „Das Thema Autismus ist sehr angstbesetzt“, sagt die Psychologin Melanie Matzies-Köhler aus Falkensee bei Berlin, die Sozialtrainings für Autisten anbietet. Denn viele wissen nicht, warum Autisten sich so rätselhaft verhalten.

Manche Autisten sind geistig behindert, andere hochintelligent

Autismus ist eine angeborene und nicht heilbare Entwicklungsstörung. „Die Erscheinungsformen sind so unterschiedlich, dass wir heute von Autismus-Spektrum-Störungen sprechen“, erklärt Michele Noterdaeme, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Josefinum in Augsburg. Manche Autisten sind geistig behindert, andere hochintelligent. Bianka Storks' jüngere Söhne, elf und neun Jahre alt, sind sogenannte Frühkindliche Autisten, konnten lange nicht sprechen, heute besuchen sie eine Förderschule für geistig Behinderte. Ihr Ältester, heute 17, hat das Asperger-Syndrom, interessierte sich schon mit vier Jahren für Astronomie und beginnt im Sommer eine Ausbildung zum Chemielaboranten.

„Allen Autisten gemein ist, dass sie die Welt auf ihre ganz eigene Art und Weise sehen, was oft zu Missverständnissen führt“, erklärt Michele Noterdaeme. So könne es schon einmal zu komischen Situationen kommen: Über völlig unangemessene Bemerkungen wie: „Du riechst aber komisch“ dürfe man sich nicht wundern.

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Bianka Storks wünscht sich mehr Toleranz im Umgang mit autistischen Kindern.

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dpa-tmn

Fremde sind eine große Herausforderung für autistische Kinder

Bedeutungen von Mimik und Gestik müssen Autisten oft mühevoll erlernen. Und es fällt ihnen schwer, zu verstehen, was andere Menschen mit dem meinen, was sie sagen. Fremde sind eine große Herausforderung für autistische Kinder. „Denn alles, was neu ist, ist ein neues Rätsel, das sie nicht verstehen“, erläutert Psychiaterin Noterdaeme.

Besonders schwierig wird es für autistische Kinder, wenn zum Ungewohnten die Unüberschaubarkeit und der hohe Geräuschpegel von Menschenmassen dazukommen, etwa in der Fußgängerzone oder im Café. „Die sinnliche Wahrnehmung ist oft viel stärker ausgeprägt, Reize kommen ungefiltert bei ihnen an“, erklärt Psychologin Matzies-Köhler. Auf die Überforderung reagieren einige Kinder, indem sie sich die Ohren zuhalten, schreien, unter Umständen aggressiv gegen sich und andere werden. Wenn die Überlastung zu groß wird, kann es sogar sein, dass sie ihren Kopf gegen die Wand schlagen oder aber komplett abschalten und nicht mehr ansprechbar sind.

„Solche Situationen sind oft riesige Belastungen für die Eltern, weil viele Leute denken, die Kinder seien schlecht erzogen“, sagt Michele Noterdaeme. Statt Vorwürfe zu machen, sollte man die Eltern fragen, ob man helfen kann. Wenn man sich überfordert fühle von der Situation, sei es immer noch besser wegzugehen als stehen zu bleiben und zu starren.

T-Shirts mit Aufdruck: „Sorry, ich verstehe dich nicht, ich bin Autist“

Fast alle Familien mit autistischen Kindern ziehen sich zurück, schildert Matzies-Köhler, viele vermeiden Ausflüge in die Stadt oder ins Café, manche verzichten auch auf Urlaube, da der Ortswechsel das Kind überfordern könnte. Storks hingegen ging in die Offensive: „Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, mich zu erklären, und habe T-Shirts anfertigen lassen“, erzählt sie. Sobald sie unterwegs Getuschel hörte, zog sie fortan ihren Kindern die Jacken aus, damit alle den Aufdruck „Sorry, ich verstehe dich nicht, ich bin Autist“ lesen konnten. Auch anderen Betroffenen wollte sie helfen, weshalb sie das Selbsthilfe-Forum „Kinder mit Autismus“ gründete.

Mitleid will die Mutter auf keinen Fall - sie wünscht sich ehrliches Interesse und Unterstützung – „dass man nicht urteilt, sondern fragt“. Auch die Expertinnen plädieren für Offenheit im Umgang mit autistischen Kindern. Psychiaterin Noterdaeme nennt als Beispiel einen ersten Schultag, an dem man ein Kind bemerkt, das sich „komisch verhält“, etwa abseits von allen anderen steht und mehr als nur schüchtern wirkt. „Am besten erst schauen, wie die Eltern reagieren, und auch hier fragen, ob man helfen kann.“ Auch dem autistischen Kind gegenüber seien Berührungsängste unnötig. Man könne es durchaus selbst fragen, ob es Hilfe braucht. Wichtig dabei sei aber, nicht zu schnell auf das Kind zuzugehen, es nicht zu laut anzusprechen und ihm körperlich nicht zu nahe zu kommen, da Autisten damit meist nur schwer umgehen können.

Kontaktscheu sind, allen Klischees zum Trotz, allerdings nicht alle Autisten, wie Noterdaeme betont: „Es gibt Kinder mit sehr starkem Selbstbezug, aber andere sind sehr offen.“ Wenn ein autistisches Kind von sich aus den Kontakt sucht, solle man erst einmal wohlwollend abwarten, auf das Kind eingehen und hören, was es zu erzählen hat, so Psychologin Matzies-Köhler - selbst wenn es ohne vorherige Begrüßung einfach ohne Punkt und Komma Zug-Typen aufzählt. „Wenn man tolerant draufguckt und dem Kind Brücken baut, ihm das Gefühl gibt, alles ist okay, dann kommt es gar nicht erst zu großen Irritationen.“

(dpa)