„Heute Nacht rannte ich im Traum wieder aus dem Archiv heraus auf die Severinstraße, hörte wieder das Krachen und Bersten...“ So beginnt der Augenzeugenbericht eines Überlebenden. Auf 10 DIN-A4-Seiten schrieb Gebhard Aders (72), früher Leiter des Porzer Stadtarchivs, seine Erinnerungen an die schlimmste Kölner Katastrophe nach dem 2. Weltkrieg nieder.
Aders gehörte zu den letzten Nutzern des Stadtarchivs. Sein Thema zu der Zeit: Wie die Porzer den Bombenkrieg in Köln erlebten. Erstmals werden hier Auszüge aus Aders Schilderungen des 3. März 2009 veröffentlicht.
12.30 Uhr Ich bekomme Hunger und Lust, eine kleine Pfeife zu rauchen. Vorher gebe ich einen Bestellschein für zwei weitere Akten ab (...) In „Elenas Bistro“ an der Hohen Pforte nehme ich an einem Tisch in der Sonne Platz. Zwei Gäste reden über das Wetter, man solle den heutigen Tag genießen.
13.55 Uhr: Auf dem Flachdach des Verwaltungstrakts steht ein Arbeiter und schaut in den Innenhof. Von der Decke des Raumes über uns kommt ein Knistern und Knacken und ich sage: Habt ihr da große Mäuse unter der Decke?“ (...) „Das Knacken wird lauter – vom Foyer her plötzlich laute Rufe, von hinten kommt Prof. Groten in den Lesesaal gestürmt und macht winkende Bewegungen. (...) Der Sekundentakt beginnt: 21, 22, 23 – ich erreiche das Foyer. Frau Junge kommt durch die Eingangstür hereingestürzt und schreit mit sich überschlagender Stimme: Raus, raus, schnell, schnell!“
24, 25, 26, 27 – ich bin am Ausgang. Links zur Löwengasse, ich renne so schnell ich kann, aber die anderen sind schneller. 28, 29, 30, 31, 32, – ich bleibe lieber nahe der Hauswand, einige Menschen drängen sich nach links in Hauseingänge, das ist mir zu unsicher, lieber im Freien bleiben, weiter, nicht umdrehen, Steinbrocken fallen um mich, hinter mir Rumpeln, als wenn ein Riesen-Lkw Ziegelstein oder Kies abkippt, lautes „Klackern“ hinter mir, es wird lauter, kommt näher, eine Staubwolke hüllt mich ein.
Jetzt habe ich zum ersten Mal Angst um mein bisschen Leben. Meine Lungen brennen, Mund uns Hals sind völlig trocken. Und dann ist Stille. Nein, nur das „Rumpeln hat aufgehört, aber Menschen schreien durcheinander. Ich bin an der Kreuzung und drehe mich um: Der Magazinbau ist weg. Auf der Straße liegt unter einer Staubwolke ein Schutthügel, seltsam niedrig und ich denke: Das darf nicht wahr sein.“
Die Katastrophe von Köln - Aders, die Kollegen, Bauarbeiter und Passanten hatten sie überlebt. Kevin und Khalil, zwei Bewohner des Nachbarhauses, das auch einstürzte, kamen jedoch ums Leben. Die Restaurierung der geborgenen Archivalien wird Jahrzehnte dauern, viele wurden zerstört. Den Schrankschlüssel mit der Nr. 22 bewahrt Gebhard Aders als Erinnerung an das Stadtarchiv in seinem Haus auf. Den Mantel, den er darin deponiert hatte, sah er nie wieder.
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