In Berlin liegen die Nerven blank: Die Koalition keilt vorwiegend, Sonntagsfragen bescheren ein Tief nach dem anderen. Und schaut Merkel an den Rhein, sieht sie, wie sich dort eine bedrohliche Kraft aufbaut: Die Spitzenkandidatin der NRW-SPD, Hannelore Kraft, bis vor kurzem eher Insidern bekannt, zieht in Umfragen plötzlich mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) gleich. Nicht nur die Macht in Düsseldorf gerät in Gefahr. Fällt NRW an die SPD, hätte Merkel keine Mehrheit mehr im Bundesrat.
Die Kanzlerin ist alarmiert. Mindestens 15-mal wird sie in den nächsten Wochen an Rhein und Ruhr reisen, um ihren sonst so selbstbewussten Arbeiterführer und gelegentlichen Konkurrenten Rüttgers zu unterstützen.
Die Probleme sind hausgemacht. So ging Kraft zwar gerade mit ihrem Hartz-IV-Vorschlag in die Offensive, doch die momentane Stärke der sonst eher unauffälligen Politikerin beruht auf einem Fehler der NRW-CDU: „Frau Kraft profitiert von der Schwäche der CDU, von der Sponsor-Affäre“, sagt der Bonner Politologe Prof. Gerd Langguth. „Starke politische Akzente hat sie gegen Rüttgers bisher nicht gesetzt.“ Erst jetzt wage Kraft sich mit ihrem Vorschlag zu Hartz IV aus der Deckung.
Tatsächlich brachen Rüttgers Sympathiewerte in Folge der Affäre deftig ein: Bei einer Direktwahl würden ihn nur noch 44% wählen, im Januar waren es noch 51%. Kraft ist mit 43% jetzt fast gleichauf, konnte 5 Punkte hinzugewinnen.
Das Sponsor-Desaster „und der Frust über die Koalition in Berlin“, so Langguth, machen sich auch deutlich bei den Werten für das schwarz-gelbe Bündnis in Düsseldorf bemerkbar. Laut Dimap-Umfrage ist die Mehrheit dahin. Die NRW-CDU kommt nur noch auf 35% der Stimmen, die SPD auf 33%, die FDP kommt auf 10%, die Grünen erreichen 13%, die Linke liegt bei 6%.
„Die Koalition und Rüttgers persönlich haben deutlich an Vertrauen eingebüßt“, sagt Langguth.
Ob die SPD-Spitzenfrau aber wirklich eine Chance hat, die nächste Landesregierung zu bilden, „zeigt sich erst ab Mitte April“, so der Politologe – mit dem Start der heißen Phase des Wahlkampfes. „Dann kommt es darauf an, wem in den Kernbereichen wie Wirtschaft und Arbeit mehr Kompetenz zugetraut wird.“ Und: „Frau Kraft wird klar Stellung zu einer Koalition mit der Linken beziehen müssen, dann kann sie nicht mehr ausweichen.“
Während Kraft gerade mit ihrem Eingeständnis einer Sockelarbeitslosigkeit und ihrem Vorstoß bewiesen hat, dass sie heiße Eisen anpacken will, wird Merkel wohl trotz aller Angriffe selbst aus den eigenen Reihen „ihren ruhigen Kurs fortsetzen“, meint Langguth. „Ein Machtwort hat sie in Sachen Hartz IV gesprochen. Das hat Westerwelle ihr auch übel genommen.“
So hätte der Verlust der Macht am Rhein vielleicht ein Gutes: Die FDP wäre stark ausgebremst.
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